Devisen

Rekorddefizit raubt dem Dollar die Phantasie

18. Juni 2004 Die Meinungen der Händler und Strategen am Devisenmarkt sind geteilter denn je. Die einen argumentieren, das starke Wachstum in Amerika in Verbindung mit möglicherweise deutlich steigenden Zinsen sollten den Dollar aufwerten lassen. Gegen den Euro werden Kursziele herumgereicht bis zu 1,10 Dollar je Euro und auch gegen den Yen sollte der Greenback zulegen.

Das Zinsargument - höhere Zinsen machen eine Währung attraktiver - ist allerdings nicht alleine entscheidend. Denn es steht nicht entgültig fest, wie Zinserhöhungen auf die Kapitalströme wirken. Sollten sie beispielsweise dazu führen, daß internationale Anleger aus Sorge über fallende Kurse am amerikanischen Renten- und Aktienmarkt ihre Gelder aus Amerika abziehen, dürfte das den Dollar eher belasten als fördern.

Amerika wird immer abhängier von ausländischem Kapital

Gleichzeitig spielen auch andere Argumente eine Rolle. Beispielsweise der Leistungsbilanzsaldo eines Landes. Und der Saldo der Vereinigten Staaten wies im ersten Quartal des laufenden Jahres ein Rekorddefizit von knapp 145 Milliarden Dollar auf, nach einem Minus von 127 Milliarden Dollar im Quartal zuvor. „Die Zahlen haben den Anlegern wieder die Augen dafür geöffnet, wie bedenklich die Defizitsituation Amerikas ist", sagte ein Händler. „Das nährt natürlich die Sorge vor den wirtschaftlichen Folgen, denn ein Ende des Defizitwachstums ist ja nicht in Sicht.“ Im vergangenen Jahr hatten viele Anleger auf Grund von Zweifeln an der Finanzierbarkeit der amerikanischen Defizite bei Leistungsbilanz und Haushalt massiv Dollar verkauft.

Auch in jüngster Zeit zeigen Daten, daß die Bestände amerikanischer Wertpapiere in den Händen ausländischer Anleger abnehmen. In den vergangenen zwei Jahren hatten nur die massiven Anleihekäufe asiatischer Zentralbanken den Dollar vor einem Fiasko bewahrt. Sollte die Kaufneigung in Verbindung mit weiter steigenden Defiziten zurückgehen, dürften die „dollaroptimistischen“ Argumente auf schwachen Fundamenten stehen.

Höhere Zinsen sprechen nicht unbedingt für die Währung - sie dämpfen den Aufschwung

Denn die Frage ist, wie Amerika seinen Kapitalbedarf langfristig decken will, wenn die Nachfrage nachläßt, ohne die Zinsen zu erhöhen. Erhöhen sie jedoch die Zinsen, würde es die wirtschaftliche Entwicklung dämpfen. Und die hat in den vergangenen Monaten praktisch nur von den rekordtiefen Zinsen und den dadurch induzierten Effekten gelebt. Sollte der „Zinsvorteil“ nun wegfallen, könnte sich der vielfach gefeierte Aufschwung rasch als Strohfeuer erweisen. Auch das spräche gegen den Dollar.

So wird es kaum verwundern, wenn der Dollar am Freitagnachmittag etwas in der Defensive ist. Es sind mittlerweile wieder 1,2120 Dollar notwendig, um einen Euro zu erwerben. Gegen den Yen ist er unter die Marke von 1,09 Yen je Dollar gefallen. Die Marke von 108,90 Yen je Dollar ist kritisch. Denn sollte sie nachhaltig unterschritten werden, ist aus technischer Sicht der Weg geöffnet zunächst bis auf 106,75 Yen. Aus fundamentaler Sicht sollte der Yen auf Grund des Leistungsbilanzüberschusses Japans sowieso aufwerten.

Sollte die Wirtschaft in China nicht völlig abstürzen, könnte Japan tatsächlich aus seiner Misere herauskommen. Dann könnte das Land auch langsam seine gigantischen Interventionen gegen eine Aufwertung zurückschrauben. Damit spricht vieles für asiatische Währungen, so lange dort der Boom der vergangenen Jahre nicht völlig entgleist.


Der Chart zeigt die Entwicklung des Dollars gegen den Yen in den vergangenen Jahren.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @cri

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