Von Peter Coy
03. März 2008 Auch wenn sie in nächster Zeit keinen Flug nach Düsseldorf planen und auch Yokohama nicht ganz oben auf der Reiseliste steht, sollte der Wertverlust des Dollars gegenüber dem Euro, dem Yen und anderen Währungen die Amerikaner durchaus nachdenklich stimmen. Selbst eine so große und relativ isolierte Nation wie die Vereinigten Staaten bekommt die Folgen des Währungsverfalls deutlich zu spüren - in positiver wie auch in negativer Hinsicht.
Unbeeindruckte Märkte
Mit einem Stand von beinahe 1,52 Dollar pro Euro setzte die amerikanische Währung am 28.Februar ihre Talfahrt fort. So tief hat man seit der Einführung der Gemeinschaftswährung vor einem Jahrzehnt noch nie in die Tasche greifen müssen, um einen Euro zu kaufen. Der Dollar-Index, der die Wertbewegung des Dollars gegenüber einem marktgewichteten Korb aus sechs maßgeblichen Währungen nachvollzieht, sank auf einen Wert von 73,7. Dies entspricht einem bisherigen Rückgang von etwa 4 Prozent in diesem Jahr und 39 Prozent zu Beginn des Jahres 2002.
Die Devisenhändler zeigten sich von der Aussage des Präsidenten George W. Bush unbeeindruckt, der am 28.Februar den Dollar mit folgenden Worten verteidigte: Wir glauben an eine starke Dollarpolitik. Außerdem glauben wir, glaube ich, dass unsere Volkswirtschaft gut aufgestellt ist, um zu wachsen und dieses Wachstum fortzusetzen. Wir haben eine Liste zusammengestellt, die sechs Gewinner und Verlierer des Dollarverfalls abbildet.
Arbeiter profitieren
Fabrikarbeiter zählten in den vergangenen beiden Jahrzehnten zu den größten volkswirtschaftlichen Verlierern. Noch im Laufe des vergangenen Jahres, als der Dollar immer weiter nach unten tendierte, kam es zu einem Verlust von weiteren 269.000 Arbeitsplätzen im produzierenden Gewerbe.
Mit dem günstigen Dollar dürfte sich diese Situation jedoch allmählich umkehren, da er den amerikanischen Exporteuren wie Boeing und Caterpillar den Gewinn von Marktanteilen im Ausland erleichtert und den amerikanischen Unternehmen hilft, die Konkurrenz aus dem Importgeschäft in Schach zu halten. Am meisten wird die Arbeiterschaft vom günstigen Dollar profitieren, meint James Paulsen, Chief Investment Officer bei Wells Capital Management in Minneapolis.
Verbraucher verlieren
Für französischen Wein, koreanische Elektronik und Produkte aus chilenischem Kupfer wird man künftig tiefer in die Tasche greifen müssen. Diese Situation können sich amerikanische Hersteller zunutze machen, um insgeheim ihre eigenen Preise zu erhöhen, was die allgemeine Inflationsrate mit in die Höhe treiben wird.
Die Herstellerpreise zogen von Jahresbeginn bis Ende Januar um 7,4 Prozent an. Nach Ansicht des amerikanischen Chefökonomen Jeoff Hall von Thomson Financial begeht die amerikanischen Notenbank Federal Reserve derzeit einen großen Fehler, indem sie die Inflationsgefahr als nachrangiges Problem betrachtet, während sie den Konjunkturrückgang und die Kreditkrise bekämpft. Hall meint: Ich glaube nicht, dass den Verbrauchern mit einer Zinssenkung in irgendeiner Weise gedient ist.
Disney World profitiert
Die amerikanischen Urlaubsziele, angefangen bei Disney World bis hin zum New Yorker Times Square oder Chicagos Navy Pier, profitieren in doppelter Weise vom günstigen Dollarkurs. Erstens ist eine Reise hierher für Kanadier oder Europäer spottbillig, was mehr und mehr ausländische Touristen anzieht, meint David Wyss, Chefökonom bei Standard & Poor's.
Europäer und Asiaten strömen in solchen Scharen nach Manhattan, dass einige Händler angefangen haben, den Euro als Zahlungsmittel zu akzeptieren. Mittlerweile geben die Angehörigen der gehobenen amerikanischen Mittelschicht, die andernfalls nach Rom gejettet wären, ihre angeschlagenen Dollars lieber zu Hause aus.
Banken verlieren
Ausländische Investoren, darunter auch die superreichen Staatsfonds der ölexportierenden und asiatischen Staaten, verlieren allmählich ihr Vertrauen in den Dollar als Wertspeicher. Daher beginnen sie, ihr Geld aus dem amerikanischen Finanzsystem abzuziehen und es in Europa und anderen Ländern anzulegen. Darüber hinaus schmälern steigende Zinssätze die Gewinne der Banken, indem sie den Wert ihrer Bestände wie Anleihen und festverzinsliche Darlehen aushöhlen, gibt Wyss zu bedenken.
Bauern und Bergleute profitieren
Die Preise für Rohstoffe wie Weizen, Sojabohnen, Kupfer und Platin schnellen derzeit nur so in die Höhe. Der Grund hierfür ist nicht nur in der steigenden weltweiten Nachfrage zu sehen. Tatsächlich lässt das Wachstum im Ausland Zeichen einer Abschwächung erkennen.
Es handelt sich vielmehr um Spekulationen auf eine Inflationserhöhung, die den amerikanischen Rohstoffproduzenten sehr gelegen kommt. Während sich die Fed mit einer Blase am Immobilienmarkt befasst, schafft sie eine weitere bei den Rohstoffen, meint Hall von Thomson Financial.
Einzelhändler verlieren
Die in Einzelhandelsgeschäften erhältlichen Waren stammen heutzutage größtenteils aus Importen, so auch Kleidung, Spielzeug und Elektronik. Derzeit müssen Einzelhändler mehr Geld für Waren ausgeben, doch es fällt ihnen schwer, die Preisanstiege an ihre Kunden weiterzugeben. Somit verringern sich ihre Gewinnspannen. Für einen Wal-Mart sind wahrlich schlechte Zeiten angebrochen.
Überwiegend Gewinner oder Verlierer?
Während sich die Volkswirte weitgehend einig sind, wer sich auf der Gewinner- oder Verliererseite befindet, streiten sie sich darüber, ob der Nettoeffekt der Dollarschwäche positiv oder negativ zu bewerten ist. Jeoff Hall von Thomson Financial gibt sich pessimistisch. Seiner Ansicht nach sollte die Fed keine weiteren Zinssenkungen mehr vornehmen. Sie sollte die Zinssätze sogar eher anheben, um den Wert des Dollars am Devisenmarkt zu stützen. Die Fed muss von ihrer expansiven Geldpolitik abrücken, sagt Hall. Diese wird sonst gewaltig nach hinten losgehen.
James Paulsen von Wells' Capital Management vertritt den entgegen gesetzten Standpunkt. Er gibt zu bedenken, dass mit Hilfe des günstigen Dollarkurses das Handelsdefizit verringert werden konnte, was im Laufe des vergangenen Jahres etwa einen Prozentpunkt zum Wirtschaftswachstum beigetragen hat. Somit konnte die starke wirtschaftliche Abschwächung durch die Immobilienkrise weitgehend abgefedert werden. Ohne den Wertverlust des Dollars, so Paulsen, befände sich die Wirtschaft in einem wesentlich schlechteren Zustand. Im Augenblick würde ich behaupten, dass das Gute das Schlechte überwiegt, meint er.
Der Autor ist Reporter bei Business Week.
Text: BusinessWeek Online
Bildmaterial: F.A.Z., FAZ.NET, REUTERS