Von Moira Herbst
09. Mai 2008 Öl wird beinahe minütlich teurer. Der Preis für ein Barrel der in den Vereinigten Staaten wichtigsten Rohölsorte West Texas Intermediate (WTI) ist mittlerweile auf fast 125 Dollar gestiegen. Doch damit nicht genug. Am 6. Mai verkündete die Investmentbank Goldman Sachs, dass in den kommenden zwei Jahren infolge eines begrenzten Angebotszuwachses und einer steigenden Nachfrage mit einem steilen Ölpreisanstieg (Super Spike) auf 200 Dollar zu rechnen sei.
Schlechte Nachrichten für Fluggesellschaften. Steigende Preise für Flugzeugtreibstoff - einer der größten Kostenfaktoren der Branche - haben im bisherigen Jahresverlauf sieben Fluglinien in den Konkurs getrieben, und das Jahr ist noch lang.
Eine Ausnahme im Reigen der roten Zahlen bildet bislang die Fluggesellschaft Southwest Airlines, die seit dem Jahr 2000 durch erfolgreiche Treibstoffpreissicherungen von Einsparungen in Milliardenhöhe profitiert. Doch mit jedem neuen Anstieg der Rohölpreise wird diese Absicherungsstrategie kostspieliger.
Lieber mehr absichern
Wir würden die Absicherung gerne ausweiten und prüfen derzeit unsere Optionen, sagt Scott Topping, Finanzchef und Leiter des Absicherungsprogramms von Southwest. Die Fundamentaldaten deuten nach wie vor auf das Risiko höherer Preise hin; eine Absicherung ist unabdingbar.
Die Absicherung erfolgt über ein Finanzinstrument, mit dem Investoren einen bestimmten Preis festschreiben können. Dieses Instrument dient als Versicherung gegen die Möglichkeit, dass der tatsächliche Marktpreis (Kassapreis) für den Rohstoff ansteigt.
Steigt der Preis daraufhin tatsächlich, erhält das Unternehmen einen finanziellen Vorteil, der die negativen Auswirkungen höherer Preise abmildert. Auf diese Weise können Investoren durch den Einsatz von Sicherungsgeschäften sogar Geld verdienen und am Markt einen Vorteil gegenüber ihren Wettbewerbern erzielen.
Beachtliche Kostenvorteile
Southwest ist gegenwärtig die einzige große Fluggesellschaft, die den Großteil ihres Treibstoffs zu niedrigeren Preisen abgesichert hat, was vor allem darin begründet liegt, dass sie als einzige der großen Fluggesellschaften über den hierfür erforderlichen Cashflow verfügt.
Für 2008 sind 70 Prozent des Kerosinbedarfs zu 51 Dollar je Barrel abgesichert. Während Wettbewerber also Kassapreise um die 120 Dollar je Fass berappen müssen, kann Southwest seinen Treibstoff für weniger als die Hälfte dieses Betrages einkaufen.
Durch den Treibstoffbezug zu diesem reduzierten Preis verringert sich der Druck auf Southwest, gestiegene Kosten an Kunden weiterzureichen, wodurch sich die Fluggesellschaft einen größeren Marktanteil sichern kann, wenn ihre Wettbewerber die Flugscheinpreise anheben.
Kurs hält sich gegen den Ölpreis
Für Southwest haben sich diese Wetten in barer Münze ausgezahlt. Im ersten Quartal 2008 konnte Southwest mit Sicherungsgeschäften 302 Millionen Dollar einsparen und einen Gewinn von 34 Millionen Dollar ausweisen, während Konkurrenten wie United Airlines und US Airways Verluste einflogen.
Im Gesamtjahr 2007 konnte Southwest 90 Prozent des Treibstoffs zu 51 Dollar je Barrel absichern, was Einsparungen in Höhe von 727 Millionen Dollar nach sich zog. Den Zusammenhang zwischen dem Ölpreis und den Aktienkursen von Fluggesellschaften konnte man während des Ölpreisanstiegs am 6. Mai beobachten.
Der Kurs von AMR, der Muttergesellschaft von American Airlines, sank um zwei Prozent oder 17 Cent auf 8,85 Dollar; Delta Air Lines verlor drei Prozent oder 24 Cent auf 7,87 Dollar und United Airlines büßte 5,7 Prozent oder 85 Cent auf 14,15 Dollar ein. Der Aktienkurs von Southwest gab derweil um 0,2 Prozent oder drei Cent auf 13,37 Dollar nach.
Unsicherheit über die Preisentwicklung
Selbst bei Ölpreisen um die 122 Dollar je Fass oder darüber dürfte Southwest für die kommenden Jahre gut gerüstet sein. Für 2009 hat das Unternehmen etwa 55 Prozent zu 51 Dollar je Barrel abgesichert; für 2010 sind 30 Prozent zu 53 Dollar je Fass gesichert, während für 2011 und 2012 mehr als 15 Prozent zu einem Barrelpreis von 64 beziehungsweise 63 Dollar gesichert sind.
Aufgrund der starken Volatilität des Ölmarktes und des im Vorfeld der Sicherungsgeschäfte erforderlichen Einsatzes enormer liquider Mittel sinkt der Prozentsatz der Absicherung in späteren Jahren.
Selbst ein Fachmann wie Topping, der tagein, tagaus mit Ölexperten in Kontakt steht und unzählige Analystenberichte studiert, muss eingestehen, dass er nicht sicher sagen kann, in welche Richtung sich die Ölpreise entwickeln. Im Moment deuten die Zeichen allerdings nach oben, was weitere Absicherungen rechtfertigt. Es scheint wenig Hoffnung auf einen großen Preisrückgang zu geben, solange kein unerwartetes dramatisches Ereignis die Nachfrage drastisch verringert, so Topping.
Enormer Mitteleinsatz
Während sich die hohen Preise in den westlichen Industriestaaten dämpfend auf die Ölnachfrage auszuwirken beginnen, ist der Durst nach Öl in Schwellenländern wie Indien und China kaum zu stillen. Man muss sich nur vor Augen halten, dass in den Vereinigten Staaten auf 1.000 Menschen gegenwärtig 800 Fahrzeuge kommen, während es in China und Indien weniger als 30 sind. Wenn diese Volkswirtschaften aufholen und Hunderte Millionen Menschen ihrem ersten Auto entgegenfiebern, dann wird auch der Energiebedarf in diesen Ländern ansteigen.
Die Absicherung gegen Treibstoffpreissteigerungen ist jedoch sehr liquiditätsintensiv. Für den Kauf von Optionen müssen Investoren einer Clearingstelle für Warenterminkontrakte eine Marge von rund zehn Prozent zahlen. Ein Kontrakt über 1.000 Barrel Rohöl zu einem Preis von 123 Dollar je Fass hätte beispielsweise ein Volumen von 123.000 Dollar.
Komplexes Geschäft
Um bei diesem Preis eine Absicherung vorzunehmen, müsste der Investor rund 12.300 Dollar zahlen und letztlich auch imstande sein, den Saldo zu begleichen. Eine vor einem Jahr zu einem Barrelpreis von 65 Dollar erworbene Option ging etwa mit der Hälfte der Kosten einher, die mit dem Erwerb einer entsprechenden Option zum heutigen Zeitpunkt verbunden sind.
Neben den für die Marge anfallenden Kosten entstehen einem Investoren für jedes Sicherungsgeschäft außerdem Transaktionskosten in Gestalt der Geld-Brief-Spanne. Darüber hinaus entscheiden sich Unternehmen wie Southwest zur Zahlung von Prämien für Optionen, die für den Fall nachgebender Ölpreise eine Absicherung nach unten bieten.
Mit anderen Worten: Wenn der Marktpreis unter den Basispreis sinkt, kann Southwest die Option verfallen lassen (im Unterschied zu Swap-Kontrakten, die an die Verpflichtung gekoppelt sind, Öl zu einem festgelegten Preis zu kaufen). In diesem Szenario verliert das Unternehmen die Prämie im Austausch für die von der Option bereitgestellten Versicherung.
Absicherung unmöglich oder unerwünscht
Der im Vorfeld von Sicherungsgeschäften erforderliche hohe Mitteleinsatz ist einer der Hauptgründe, weshalb andere Fluggesellschaften nicht dem Beispiel von Southwest gefolgt sind. Es ist eine Frage des Kreditrisikos, meint Peter Fusaro, Gründer des Energiehandels-Informationsdienstleisters Energy Hedge Fund Center. Angesichts steigender Energiepreise und Schulden in Milliardenhöhe können sich die meisten Fluglinien Sicherungsgeschäfte schlichtweg nicht leisten. Stattdessen müssten sie die gestiegenen Kosten entweder an die Kunden weiterreichen oder schlucken.
Alaska Airlines unterhält nach Aussagen ihres Finanzchefs Jay Schaefer ein moderates Hedging-Programm mit einem Sicherungsgrad von bis zu 50 Prozent in dreijährigen Intervallen. Wir sehen darin eine Versicherungspolice, sagt Schaefer. Wir zahlen eine Prämie für Call-Optionen, die sich allerdings mehr als bezahlt gemacht hat. Vor dem Hintergrund des für unsere Branche verheerenden Ölpreisanstiegs hat unser Absicherungsprogramm zu unserem Überleben beigetragen.
Doch auch die Treibstoffpreissicherung hat Grenzen. Alaska Air Group, die Muttergesellschaft von Alaska Airlines sowie der in Portland (Oregon) ansässigen Horizon Air, wies im ersten Quartal 2008 einen Verlust von 35,9 Millionen Dollar aus, was in nicht unerheblichem Maße auf die gestiegenen Treibstoffpreise zurückging.
Furcht vor Risiken
Bei einigen anderen Fluggesellschaften hat der Preisanstieg wiederum zum Rückzug aus Sicherungsgeschäften geführt. Allegiant Airlines, eine zu Allegiant Travel gehörende Billigfluglinie mit reiner Jet-Flotte, stieg im vergangenen Herbst aus dem Optionsgeschäft aus, als die Energiepreise in die Höhe schossen.
Die in Las Vegas ansässige Fluglinie kauft ihren Treibstoff nun auf dem Kassamarkt. Die Vorteile der vom Unternehmen in früheren Jahren abgeschlossenen kurzfristigen Kontrakte waren nach Aussagen von Allegiant-Chef Maurice Gallagher Jr. angesichts der Marktvolatilität eine unsichere Sache. Es wurde sehr teuer. Wenn man beim Handel [mit Treibstoff] auf der Gegenseite steht und Geld an uns zu zahlen hat... muss man hierfür eine ziemlich saftige Prämie verlangen.
Zahlreiche Führungskräfte von Fluggesellschaften scheuen tatsächlich vor den einhergehenden Risiken zurück. Ich denke, dass die Zurückhaltung der Fluglinien bei Sicherungsgeschäften darauf zurückzuführen ist, dass Terminkontrakte innerhalb der Unternehmenskultur als riskantes Spekulationsinstrument betrachtet werden, so Stephen Schork, Energieberater und Redakteur von The Schork Report, einem täglichen Börsenbrief mit Schwerpunkt auf Energiemärkte. Doch ihre Zurückhaltung fällt zu ihrem Nachteil aus. Eine Fluggesellschaft ohne maßgebliche Absicherungsmaßnahmen ist in einer schwierigen Ausgangslage.
Moira Herbst ist Reporterin für BusinessWeek.com in New York.
Text: Business Week Online
Bildmaterial: AP, F.A.Z.
