Agrarsektor

Investoren legen immer mehr Geld in Rohstoffen an

Von Bettina Schulz, London

Aufregung über Rohstoffe: Sojabohnenhändler an der Chicago Board of Trade

Aufregung über Rohstoffe: Sojabohnenhändler an der Chicago Board of Trade

08. Mai 2008 Noch nie haben Finanzinvestoren so viel Kapital an den Rohstoffmärkten angelegt wie im ersten Quartal dieses Jahres. Das in den Rohstoffmärkten investierte Geld schnellte um 28 Milliarden Dollar auf insgesamt 225 Milliarden Dollar in die Höhe. Der Zuwachs ist zwar zur Hälfte auf kräftige Preissteigerungen an den Märkten zurückzuführen. Aber auch der Umfang des neu angelegten Geldes ist beeindruckend. Das erste Quartal dieses Jahres erlebte nach Berechnungen von Barclays Capital den stärksten Zustrom von Anlagekapital jemals und dreimal so viel wie im gesamten vergangenen Jahr.

Allerdings wählen die Finanzinvestoren seltener Produkte aus, die nur der Entwicklung der Rohstoff-Indizes folgen. Lediglich 2 Milliarden Dollar flossen in Index-Produkte, während 7 Milliarden Dollar in börsennotierte Fondsprodukte (Exchange Traded Funds, ETFs) strömten. Mit diesen Produkten können Anleger leicht und unkompliziert der Entwicklung einzelner Rohstoffe folgen. Investoren steckten 2,5 Milliarden Dollar in Produkte des Agrarsektors und 2,8 Milliarden Dollar in Edelmetall-Produkte. Wesentlich weniger Geld floss in Energieprodukte und in Basismetalle - wo seit Anfang des Jahres die höchste Rendite erzielt wurde.

Ende des ersten Quartals gab es weltweit 1280 ETFs

Mehr als 2200 professionelle Fondsmanager nutzen mittlerweile ETFs für ihr Portfoliomanagement, vor allem um neben einer konservativen Anlagepolitik punktuell Renditechancen in bestimmten Einzelmärkten auszunutzen. Dabei können Anleger ETFs kostengünstig an zahlreichen Börsen kaufen und verkaufen, sie für Absicherungszwecke nutzen und auf steigende und fallende Preise und Notierungen setzen, teils gar mit eingebauter Hebelwirkung. Ende des ersten Quartals gab es nach Angaben von Morgan Stanley auf der Welt 1280 ETFs mit 2165 Börsennotierungen, davon 479 ETFs an europäischen Börsen mit 1221 Notierungen.

In Europa werden diese ETFs von 29 Finanzhäusern ausgegeben, vor allem von Barclays Global Investors, Lyxor Asset Management, der Deutschen Bank und Axa. Die meisten ETFs werden mit einem Marktanteil von 32,5 Prozent an der Deutschen Börse gehandelt, gefolgt von Euronext, der italienischen Börse und der London Stock Exchange LSE. Der erste börsennotierte Rohstofffonds (ETF) kam im März 2001 in Kanada an den Markt. In Europa gibt es ETFs seit acht Jahren, für Rohstoffe allerdings erst seit 2005. Mittlerweile können jedoch an der Deutschen Börse, auf Euronext und an der LSE börsennotierte einzelne Rohstoffe (Exchange Traded Commodities, ETCs) mit und ohne physische Lieferung, mit und ohne Hebelwirkung gehandelt werden. Immer wieder wird das Angebot von ETCs auf Basis- und Edelmetalle, Energieprodukte und Grundnahrungsmittel erweitert. Im Vergleich zu börsennotierten ETFs anderer Märkte ist das Rohstoffsegment mit einem Anlagevermögen von 4,55 Milliarden Dollar jedoch winzig.

Hitzige Diskussionen über den Einfluss der Spekulanten

Ende des ersten Quartals machte der Rohstoffsektor einen Marktanteil von 3,3 Prozent aus, weltweit gar nur einen Marktanteil von 1,2 Prozent des investierten Vermögens in ETFs. „Dies zeigt, dass die meisten Investoren ihr Portfoliomanagement noch nicht so weit auf Rohstoffprodukte ausgedehnt hätten, dass von einer echten Diversifikation gesprochen werden könnte. Das wäre erst ab einem Portfolioanteil von etwa 3 Prozent erreicht“, meint Michael Widmer, Rohstoffanalyst von Lehman Brothers. Widmer geht davon aus, dass der Kapitalzustrom in den Rohstoffsektor andauern wird. Freilich entfachen die Investitionen der Finanzgemeinschaft in Grundnahrungsmittel hitzige Diskussionen über den Einfluss der Spekulanten am Markt. Jedoch ist zu bedenken, dass die Preise von Basismetallen und Nahrungsmitteln, die nicht an der Börse gehandelt werden können, teilweise stärker steigen als die Preise der börsennotierten Werte.

Die Gründe für steigende Preise sind indessen wohlbekannt: Bevölkerungsexplosion, steigender Lebensstandard mit veränderten Essgewohnheiten, immer höhere Energiepreise zur Produktion von Grundnahrungsmitteln, der schwache Dollar und niedrige Lagervorräte. Zugleich treiben Ernteausfälle durch extreme Wetterbedingungen die Preise in die Höhe, und die Welt leidet unter mangelnden Anbauflächen und einer viel zu niedrigen Produktivität im Agrarsektor. Einige dieser Faktoren können langfristig korrigiert werden, wie zum Beispiel eine höhere Produktivität bestehender Anbauflächen. „Aber in den kommenden drei bis fünf Jahren wird uns die Agflation, die Inflation im Agrarsektor, begleiten“, heißt es bei Morgan Stanley.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP

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