Erdöl

Benzin könnte bald auch in Europa teurer werden

Der Auslöser für die Benzin-Knappheit: Feuer in der Valero-Raffinerie

Der Auslöser für die Benzin-Knappheit: Feuer in der Valero-Raffinerie

16. Mai 2007 Die Europäer müssen sich für die nächsten Monate wohl auf deutlich höhere Benzinpreise einrichten. Der Treibstoff droht knapp zu werden. Grund für diese Erwartung sind die Bedingungen am amerikanischen Benzinmarkt. Die Vorräte bewegen sich dort kurz vor Beginn der Ferien- und Reisezeit auf einem ungewöhnlich niedrigen Niveau. Daraus schließen Fachleute, dass dieser Treibstoff in nächster Zeit zunehmend von Westeuropa aus nach Amerika verschifft wird. Das Angebot in Europa bezeichnen Händler im Augenblick noch als ausreichend, um spürbare Preissteigerungen zu verhindern. Doch dies könne sich bei weiter steigendem amerikanischen Bedarf rasch ändern.

Am Terminmarkt für Benzin der Sorte Regular (Gasoline) Blendstock for Oxygen Blending (RBOB) in New York ziehen die Notierungen bereits seit Mitte Januar fast unablässig an und erreichen immer neue zyklische Hochs. Dieser Treibstoff hat sich inzwischen um rund 50 Prozent verteuert. Zu den Ursachen für diese Hausse zählen neben einer derzeit mit einer Jahresrate von gut 2 Prozent robust wachsenden amerikanischen Nachfrage vor allem Produktionsausfälle bei dortigen Raffinerien. In vielen von ihnen laufen gegenwärtig die üblichen Reparatur- und Wartungsarbeiten, die in den kommenden Monaten eine reibungslose Versorgung mit Benzin und anderen Ölderivaten gewährleisten sollen.

Feuer in Raffinerie

Nicht wenige Fachleute betrachten das im Februar entstandene Feuer in einer vom Valero-Konzern in Texas betriebenen Raffinerie als eigentlichen Anlass für die Knappheit an Benzin, aber auch als Ursache einer Angebotsschwemme bei Rohöl der Sorte West Texas Intermediate (WTI) in der Region von Cushing im Bundesstaat Oklahoma. Jedenfalls sind die Benzinbestände in Amerika insgesamt entgegen der saisonalen Tendenz zwölf Wochen lang ununterbrochen gesunken, bis im jüngsten Berichtszeitraum ein unerwartet starker Anstieg zu verzeichnen war. Dies ändert aber nichts daran, dass sich die amerikanischen Vorräte nach Angaben der staatlichen Energy Information Administration (EIA) zuletzt noch immer um 5,6 Prozent unter dem vergleichbaren Vorjahreszeitraum befanden.

Die europäischen Raffinerien haben ihre Ölverarbeitung in jüngster Zeit zunehmend auf die Produktion von Diesel umgestellt, so dass entsprechend weniger Benzin anfällt. In welchem Umfang das verfügbare Benzinangebot in der Region bleibt und eine hinreichende Versorgung zu einigermaßen stabilen Preisen gewährleisten kann, hängt entscheidend davon ab, welche Preise die amerikanischen Importeure bieten. Die Erfahrung lehrt, dass für sie Kosten keine Rolle spielen, solange die amerikanische Binnennachfrage nach dem Treibstoff nicht sinkt. Das Dilemma wird dadurch verstärkt, dass die amerikanischen Importeure ihren Bedarf in anderen, vor ihrer Haustür liegenden Ländern wie Venezuela wenigstens vorübergehend nicht decken können, weil auch dort Reparatur- und Wartungsarbeiten an den Raffinerien vorgenommen werden.

Preise könnten explodieren

Bei allem ist zu bedenken, dass am 1. Juni die bis zum 30. November dauernde Hurrikan-Saison im Golf von Mexiko beginnt. Im vergangenen Jahr verlief sie sehr harmlos. Es wurden keine nennenswerten Ausfälle bei der Förderung von Öl und Erdgas in diesem Gebiet verzeichnet. Die Erinnerungen an die massiven Fördereinbußen und Schäden von 2005 an den Förderanlagen sowie an den amerikanischen Raffinerien im Küstenstreifen sind jedoch noch wach. Sollten in diesem Jahr ähnliche Ereignisse auftreten, könnten die Preise für Benzin und auch für Rohöl regelrecht explodieren, meinen Fachleute.

Der Markt für Rohöl steht gegenwärtig weitgehend im Zeichen von Produktionsausfällen in Nigeria, einem bedeutenden Produzenten und Exporteur von "süßen", also besonders schwefelarmen und leicht zu verarbeitenden Ölsorten. Es heißt, dort lägen etwa 25 Prozent der Produktion wegen Anschlägen sowie Bedrohungen von Fördereinrichtungen und Ölleitungen seitens militanter Kräfte darnieder. Es wird befürchtet, dass sich die Einflüsse zum Monatsende hin vor der Einführung der neu gewählten Regierung noch verstärken.

Unterdessen dauert das gegen Ende Februar entstandene deutliche Preisgefälle zwischen dem in London auf Termin gehandelten Nordsee-Öl der Sorte Brent und dem in New York auf Termin notierten WTI an. Brent ist gegenwärtig mit rund 66,30 Dollar je Barrel (159 Liter) noch immer um etwa 4 Dollar teurer als WTI. In der Spitze wurde ein Aufschlag auf rund 8 Dollar verzeichnet. Als Ursache gilt der bereits erwähnte Brand in einer texanischen Raffinerie, die die üblichen Mengen an WTI nicht mehr abnehmen konnte. Daher bildeten sich in der Region von Cushing, wo WTI physisch gehandelt wird, drückende Vorräte, die erst nach und nach abgebaut werden können. Dies spiegelt sich auch in den Terminnotierungen in New York wider.

Text: hi/F.A.Z., 16.05.2007, Nr. 113 / Seite 30
Bildmaterial: AP, ddp, F.A.Z., FAZ.NET

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