Analyse

Wohin treibt der Ölpreis die Aktienmärkte?

Von Ben Steverman

14. Mai 2008 Während amerikanische Verbraucher und Unternehmen spürbar unter dem in den vergangenen sechs Wochen um 27 Prozent gestiegenen Ölpreis litten, zeigten sich Aktienanleger zumindest bislang wenig beeindruckt.

Derweil die Ölpreise auf immer neue Rekordhöhen vorstoßen, verzeichnen auch die Aktienmärkte eine Kursrally. Der marktbreite Aktienindex S&P-500 legte seit Anfang April um mehr als 5 Prozent zu. Nach Einschätzung von Marktbeobachtern wird der Gipfelsturm des Öls über kurz oder lang allerdings auch an den Aktienmärkten seinen Tribut fordern. Die Frage ist nur, wann.

Alle Prognosen waren bisher falsch

„Es gibt natürlich ein Niveau, an dem die Wirtschaft [durch hohe Ölpreise] Schaden nimmt“, sagt Doug Peta, Marktstratege bei J. & W. Seligman. „Bis dato haben sich Prognosen über die Höhe dieses Niveaus allerdings als falsch erwiesen.“ Am 13. Mai erreichte der Ölpreis mit 126,98 Dollar je Fass (159 Liter) einen neuen Rekordwert, bevor er den Rückzug antrat.

Für Pendler und Unternehmen, die mit höheren Energiekosten zu kämpfen haben, ist eine eintägige Verschnaufpause beim Ölpreisanstieg allerdings nur ein schwacher Trost. Der Ölpreis liegt nach wie vor 27,5 Prozent über dem Stand zu Jahresbeginn.

Am 9. Mai senkte der amerikanische Logistikriese Fedex seine Gewinnprognose um rund 13 Prozent, nachdem sich die Treibstoffkosten seit den vorherigen Schätzungen um 7 Prozent oder 100 Millionen Dollar erhöht hatten.

Benzinpreis belastet die Verbraucher

Höhere Preise an der Zapfsäule sind natürlich eine weitere Belastung für amerikanische Verbraucher, die neben ihrer hohen Verschuldung bereits unter dem Wertverfall ihrer Eigenheime und unter der Konjunkturabschwächung leiden. „Der Verbraucher hat momentan nichts zu lachen“, sagt Gary Wolfer von Univest Wealth Management & Trust.

Seit kurzem erhalten die Amerikaner Steuerrückzahlungen im Rahmen des von der Regierung aufgelegten Konjunkturprogramms. Angesichts der stetigen Benzinpreissteigerungen dürfte ein beträchtlicher Teil dieser zusätzlichen Geldmittel jedoch nicht mehr für den Konsum zur Verfügung stehen.

Brian Gendreau, Investmentstratege bei ING Investment Management, sieht bereits nachteilige Auswirkungen hoher Ölpreise auf Fluggesellschaften und Automobilhersteller. Es gebe erste Anzeichen, dass die Amerikaner beim Autofahren sparen, während sich „das Konsumklima weiter eintrübt“, so Gendreau.

Ölmarkt lässt die Aktienmärkte bisher kalt

Doch all diese durch hohe Treibstoffkosten verursachten Probleme scheinen den Aktienmarkt bislang kalt zu lassen. Im vergangenen Monat sind die Aktienkurse von Herstellern dauerhafter Konsumgüter trotz ihrer Empfindlichkeit gegenüber der Verbraucherstimmung mit 3,25 Prozent stärker gestiegen als der Markt. Währenddessen sanken die Sektoren Gesundheitswesen und Verbrauchsgüter, die von Sorgen um steigende Treibstoffkosten für gewöhnlich relativ wenig beeinflusst werden, um jeweils rund ein Prozent. Was geschieht hier?

Erstens könnten sowohl Aktien als auch Rohöl auf erste Signale ansprechen, dass sich die Vereinigten Staaten und internationale Volkswirtschaften besser schlagen als zunächst erwartet. Laut Gendreau sei der Haupttreiber der Ölpreise derzeit nicht die Verknappung des Angebots, sondern ein Anstieg der Nachfrage. Der stetig steigende Bedarf nach Öl sei ein Indiz dafür, dass der Motor der Weltwirtschaft durch die Abschwächung in Amerika nicht abgewürgt werde. „Die anhaltende Stärke des Öls deutet darauf hin, dass die Weltwirtschaft besser läuft als von vielen gedacht“, konstatiert Peta.

Zweitens scheinen Aktienanleger nicht allen Schwarzmalern Glauben zu schenken. Der Ölpreis hat Jahr für Jahr neue Rekorde aufgestellt, und dennoch hat sich die amerikanische Wirtschaft gut entwickelt. In den vergangenen drei Jahren kletterte der Rohölpreis um 160 Prozent. Hiervon unbeeindruckt legte der S&P-500 im gleichen Zeitraum um mehr als 20 Prozent zu.

Die Börse ist etwas immun geworden

Und drittens könnte der Markt derzeit zu sehr mit anderen Faktoren beschäftigt sein, um von höheren Energiekosten erschüttert zu werden. Laut Dan Genter von RNC Genter Capital Management sei der Markt gegenüber den Ölpreissteigerungen „etwas immun geworden“, da sich Anleger auf andere Dinge, etwa die Unternehmensgewinne und die jüngsten Meldungen aus dem Finanzsektor, konzentrierten.

Wie auch immer man die merkwürdige Psychologie des Marktes interpretiert, es dürfte klar sein, dass der Aktienmarkt die Ölpreishausse nicht länger ignorieren kann. Nachdem Volkswirte seit Jahren prophezeien, dass steigende Ölpreise gravierende Negativeffekte auf die Wirtschaft haben werden, könnte sich dies nun bewahrheiten.

Genter zeigt sich ferner besorgt darüber, dass höhere Treibstoffkosten den Preisauftrieb beschleunigen, wodurch die amerikanische Notenbank (Fed) gegen Jahresende zu Zinsanhebungen gezwungen sein könnte. Die Aktienmärkte könnten selbst bei Verdacht einer von der Fed geplanten baldigen Zinserhöhung ins Straucheln geraten.

Sichere Wetten

All jenen, die sich um hohe Ölpreise sorgen, empfiehlt Wolfer „gut geführte und international aufgestellte amerikanische Unternehmen“, insbesondere solche mit Schwerpunkt auf das Infrastrukturgeschäft.

Genter rät zum Kauf von Aktien der von Energiekosten weniger stark betroffenen Sektoren Technologie, Gesundheitswesen und Finanzdienstleistungen. Energieunternehmen haben zwar aus der Stärke des Öls Kapital geschlagen, Genter warnt jedoch, dass die Ölpreise für viele große Ölkonzerne ein „zweischneidiges Schwert“ seien. Ölbohr- und Explorationsunternehmen zählen zu den Gewinnern, während Raffinerien durch hohe Preise Einbußen bei ihren Gewinnmargen erleiden.

Conoco Phillips könnte profitieren

Bleiben die Ölpreise weiterhin auf diesem himmelhohen Niveau, dann würden die Abnehmer nach anderen Energieformen Ausschau halten, wodurch Anbieter alternativer Energien wie etwa Solarunternehmen Rückenwind erhielten, so Peta. Nach Einschätzung von Wolfer dürfte die Ölhausse den Erdgaspreisen Schub verleihen, was Unternehmen wie Conoco Phillips zugute käme.

Anleger, die von den hohen Ölpreisen profitieren möchten, sollten allerdings stets im Hinterkopf behalten, dass die jüngsten Schwankungen bei Öl und Aktienkursen alles andere als vorhersehbar gewesen sind.

Ben Steverman ist Reporter für den Business Week Investing Channel.



Bildmaterial: AP

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Rohstoffe
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