23. September 2004 Mit deutlichen Kursgewinnen an der Börse und auch den Rentenmärkten reagieren die Finanzmärkte am Donnerstag auf die Mitteilung, die Europäische Union sehe keinerlei Probleme mehr darin, die nun schon seit Jahrzehnten angestrebten Verhandlungen über einen Beitritt zur Europäischen Union aufzunehmen.
Der Istanbul Stock Exchange National 100 Index liegt am Mittag mit einem Plus von 3,24 Prozent auf einem neuen Allzeithoch von 22.187,4 Zählern und der Trend zeigt weiterhin nach oben. Die bis ins Jahr 2030 laufende Dollaranleihe mit einem Kupon von 11 7/8 Prozent legt 2,8 Prozent zu auf 139,96 Prozent und rentiert mit 8,125 Prozent. Die türkische Lira legt leicht gegen Euro (0,8 Prozent) und Dollar ( 1,32 Prozent) zu.
Aufnahme von Beitrittsgesprächen absehbar
"Es ist uns gelungen, eine Lösung für die offenen Probleme zu finden", sagte EU-Erweiterungskommissar Günter Verheugen am Donnerstag nach einem Gespräch mit dem türkischen Regierungschef Tayyip Erdogan in Brüssel. Es liegen keine weiteren Hindernisse mehr auf dem Tisch. Der Streit über die Strafrechtsreform sei beigelegt. Auch gebe es in der Türkei keine systematische Folter mehr. Damit könne er eine klare Empfehlung abgeben, sagte Verheugen, ohne bereits ausdrücklich grünes Licht zu Beitrittsgesprächen anzukündigen.
Erdogan sagte Verheugen eine ernsthafte und entschlossene Umsetzung aller Reformen zu. In EU-Kreisen hieß es, die Türkei verzichte auf die Strafbarkeit von Ehebruch. Die EU-Kommission will am 6. Oktober einen vorentscheidenden Bericht über den Beginn von Beitrittsverhandlungen mit der Türkei vorlegen. Die endgültige Entscheidung treffen die Staats- und Regierungschefs der 25 EU-Staaten im Dezember.
Die Pläne von Erdogans Regierung, Ehebruch in der Türkei unter Strafe zu stellen, hatten eine klare Empfehlung der Kommission für Beitrittsverhandlungen ebenso in Frage gestellt wie eine Verzögerung der Strafrechtsreform im Parlament. Die Reform soll unter anderem Strafen für Folterer und Vergewaltiger erhöhen und die Rechte von Frauen verbessern. Verheugen hatte erklärt, die Strafrechtsreform sei entscheidend dafür, daß die Türkei als Rechtsstaat gelten könne. Die staatliche türkische Nachrichtenagentur Anatolien meldete, das Parlament komme am Sonntag zu Beratungen über das Strafgesetzbuch zusammen. Erdogan sagte in Brüssel eine schnelle Entscheidung zu, ohne ein Datum zu nennen.
Internationale Anleger lassen Phantasie spielen
Die Hoffnungen auf einen EU-Beitritt haben in den vergangenen Jahren und Monaten immer wieder die Phantasien der internationalen Anleger aber auch Teilen der türkischen Politiker und der Bevölkerung erregt. Selbst wenn absehbar sein dürfte, daß entsprechende Verhandlungen mehrere Jahre dauern dürften und daß die Entscheidung offen sein wird, hat sich in der Türkei eine erstaunliche Dynamik entwickelt. Die Politik hat sich nach Jahrzehnten mit mehr oder weniger purem Gerede ausgerechnet unter einer islamistischen Regierung zu zum Teil deutlichen Reformen durchgerungen. Die Wirtschaft wächst stark, Inflation und Zinsen sind in den vergangenen Jahren rasch und deutlich gesunken. Bei der Entscheidung über die Beitrittsverhandlungen dürfte die Überlegung eine starke Rolle spielen, diese Dynamik zu erhalten. Denn eine schnelle wirtschaftliche Entwicklung liegt im Interesse aller Beteiligter.
Bei allem Optimismus dürfen allerdings die Risiken nicht übersehen werden. Die liegen für Anleger in möglicherweise überzogenen Erwartungen. Viele dürften sich beim Kauf türkischer Anleihen und Aktien in erster Linie von den international hohen Renditen und der zur Zeit geringen Risikoaversion haben leiten lassen. Dabei ist die wirtschaftliche Lage des Landes äußerst fragil. Vor allem die Schulden und das Leistungsbilanzdefizit sind sehr hoch. Gleichzeit befinden sich die Direktinvestitionen aus dem Ausland schon seit langem auf einem extrem tiefen Niveau. Das heißt, das Land ist sehr stark von spekulativen Geldern aus dem Ausland angewiesen. Gleichzeitig hat es im Unterschied zu Ländern wie Brasilien versäumt, bei fallenden Zinsen die Auslandschulden in Verbindlichkeiten der eigenen Währung umzutauschen.
Türkische Lire im Banne kritischer ökonomischer Größen
Beides zusammen könnte zu einer Krise führen und vor allem auch die Währung unter Druck setzen, sobald die Märkte realisieren, daß sich ein EU-Beitritt nicht allzu schnell realisieren lassen wird und daß der Widerstand in Europa recht groß ist. Sollten gleichzeitig die Anleger aus welchen Gründen auch immer risikoaverser werden und ihre Gelder aus den Schwellenländern abziehen wollen, dürfte das die Lage noch schwieriger machen. Gleichzeitig befindet sich die Währung gegen den Euro in einem langfristigen Abwärtstrend, während sie sich gegen den Dollar wenigstens zu stabilisieren scheint.
Bei aller Euphorie dürfte es empfehlenswert sein, die Gelder, die man als Anleger in Schwellenländern investiert, breit zu streuen und das Gesamtengagement zu beschränken. Denn die Erfahrung zeigt, daß die Stimmung und damit die Kurse sehr schnell kippen können. Auch wenn es im Moment überhaupt nicht danach aussieht.
Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.
Text: @cri
Bildmaterial: Bloomberg
| Name | Kurs | in % |
| Gold | 1.085,25 $ | +0,12% |
| Silber | 16,90 $ | −0,18% |
| Platin | 1.397,00 $ | −1,69% |
| Palladium | 355,00 $ | −1,93% |
| Rohöl Brent Crude | 75,17 $ | +2,34% |
| Gas | 0,33 £ | +1,40% |
| Kaffee | 1,43 $ | −1,31% |
| Zucker | 0,27 $ | --% |
| Orangensaft | 1,32 $ | −2,72% |
| AMEX GOLD BUGS | 436,67 | +3,22% |
| AMEX OIL | 1.070,81 | +0,50% |
| Rogers International | 22,23 | +1,83% |
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| Gesamt- Index |
Durchschnitt 90 Tage |
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Aktien-Index23.12.2009 13:00 |
1405,08 | 1350,70 | 1296,93 |
Performance-Index23.12.2009 17:35 |
309,39 | 298,41 | 284,02 |
Euro-Aktien-Index23.12.2009 17:35 |
145,73 | 141,42 | 130,49 |
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