Devisenmarkt

Die Talfahrt des Dollars hat auch ihr Gutes

Von Ben Steverman

Immer mehr Dollar für immer weniger Euro

Immer mehr Dollar für immer weniger Euro

09. November 2007 Der Dollar hat am Freitag ein neues Rekordtief erreicht. Für einen Euro waren 1,4750 Dollar zu bezahlen, so viel wie noch nie.

Doch in der komplexen Welt der Währungsmärkte ist nicht alles so, wie es scheint. Während ein Dollar, der sich auf seinem absoluten Tiefpunkt befindet, Stolz und Ansehen der Vereinigten Staaten zu besudeln scheint, dürfte er den amerikanischen Verbrauchern, Arbeitnehmern und Unternehmen durchaus gelegen kommen.

Hier sind acht Lektionen, die uns der Sturz des Dollars lehrt:

1. Der Dollar erreichte tatsächlich einen historischen Tiefpunkt

Seit Jahren fällt der Dollar auf immer neue Rekordtiefs gegenüber dem Euro, doch diese Rekorde sind nicht weiter verwunderlich, da der Euro, dessen Startschuss erst im Jahre 1999 fiel, noch relativ neu im Rennen ist. Am 7. November erreichte der Dollar einen echten Meilenstein, als er unter den Tiefstand vom Frühjahr 1995 gegenüber der D-Mark, dem Äquivalent von etwa 1,455 bis 1,457 Dollar, rasselte, so Marc Chandler, Chefwährungsstratege bei Brown Brothers Harriman.

2. Ignorieren Sie das lose Geschwätz

Die Weltleitwährung. Welche eigentlich?

Die Weltleitwährung. Welche eigentlich?

Am 7. November kletterte der Euro auf einen Höchststand von 1,473 Dollar, bevor er zum Ende des Tages ein wenig nachgab. Der Tauchgang des Dollars begann, als man die Aussagen einiger Sprecher der chinesischen Zentralbank zitierte, China wolle seine Devisenreserven im Wert von 1,4 Billionen Dollar diversifizieren und von seinen Dollarbeständen abrücken. Chandler zufolge hätte man diese Sprecher nicht ernst nehmen dürfen, da sie nur über wenig Macht verfügen. „Das ist, als würde sich der Bürgermeister der Stadt Milwaukee zum Irakkrieg äußern“, meint er.

Es wurde bereits von mancher Seite vermutet, dass China und andere asiatische Notenbanken derzeit ihre Bestände diversifizieren. Allerdings verkaufen diese dabei nicht zwangläufig ihre Dollars, sondern stocken vielmehr ihre Eurobestände auf. „Das Ganze ist eine Frage der Psychologie“, meint Chandler. Die Äußerungen aus China lieferten den Marktteilnehmern eine „willkommene Ausrede, um genau das zu tun, was sie tun wollten“. Nach Ansicht von Jean-Michel Six, Chefvolkswirt Europa bei Standard & Poor's, „haben wir es hier auch mit einem gewissen politischen Kräftemessen zu tun.“ So weist China die amerikanischen Forderungen nach einer Neubewertung seiner Währung zurück.

Einem der chinesischen Zentralbanker zufolge „verliert der Dollar derzeit seinen Status als Weltwährung“. „Es gibt nicht viele Belege, die diese Behauptung stützen“, meint Chandler. Obgleich der Wert des Dollars sinkt, werden Waren wie Öl und Weizen in der ganzen Welt noch immer in der amerikanischen Währung gehandelt. Anleger in aller Herren Länder sehen sich mit amerikanischen Schatzanweisungen nach wie vor auf der sicheren Seite, und deren Preise verzeichneten am 7. November sogar ein Plus.

3. Und warum ging es nun mit dem Dollar bergab?

Werfen wir einen Blick auf die wirtschaftlichen Grundsätze: Es finden grenzüberschreitende Geldbewegungen statt, die zusätzliche Gewinne einfahren sollen. Somit gewinnen Währungen tendenziell an Wert, wenn an den Märkten ein kräftiges Wirtschaftswachstum erwartet wird. Zeichnet sich ein Konjunkturrückgang ab, so verlieren sie an Wert.

Diese ökonomische Stärke beziehungsweise Schwäche schlägt sich in den Renditen von Anleihen und Zinssätzen nieder. Nach Ansicht von Keith Hembre, Chefökonom bei First American Funds, scheint man sich derzeit an den Anleihenmärkten darauf einzustellen, dass die Notenbank Federal Reserve über die kommenden Monate eine ganze Reihe weiterer Zinssenkungen vornehmen wird. Das bedeutet, dass an den Märkten auch mit einer nachhaltigen Abschwächung der amerikanischen Konjunktur gerechnet wird. Daher verwundert es nicht, dass die Anleger dem Dollar den Rücken kehren und sich nach anderen Währungen umschauen, die ihnen bessere Erträge liefern.

4. Wird der Dollar weiter fallen?

Das ist schwer zu sagen, doch „es mangelt nicht an schlechten Nachrichten, die sich bereits in den Marktpreisen niedergeschlagen haben“, meint Hembre. In anderen Worten: Die Erwartungen an die amerikanische Wirtschaft sind an den Anleihenmärkten bereits so gering, dass sie kaum mehr weiter sinken dürften.

Chandler rechnet damit, dass der Dollar seinen Abwärtstrend bis zum Jahresende hin fortsetzt, im nächsten Jahr jedoch wieder auf die Beine kommt. Andrew Bernard, Professor für Internationale Ökonomie an der Tuck School of Business des Dartmouth-Colleges, warnt vor den Schwierigkeiten einer kurzfristigen Prognose der Währungsbewegungen. „Mit einer Wiederbelebung des Dollars ist jedoch erst zu rechnen, wenn die amerikanische Wirtschaft wieder in Schwung kommt“, meint er.

5. Ein schwacher Dollar bringt mancherlei Nachteile mit sich. Die amerikanische Wirtschaft könnte jedoch von ihm profitieren

Amerikanische Touristen sind einem schwachen Dollar gegenüber eher abgeneigt, und ausländische Unternehmen, die ihre Produkte in den Vereinigten Staaten vertreiben, würden sich ebenfalls einen stärkeren Dollar wünschen. Auf der anderen Seite, so Hembre, kann ein schwacher Dollar das Wirtschaftswachstum in den Vereinigten Staaten wiederum ankurbeln. So sorgt ein schwacher Dollar beispielsweise dafür, dass die Produkte der amerikanischen Exportunternehmen in den anderen Ländern der Welt wettbewerbsfähiger werden. Das Handelsdefizit der Vereinigten Staaten gegenüber der übrigen Welt hat sich mit den florierenden Exporten verringert und lastet somit nicht mehr auf dem amerikanischen Wirtschaftswachstum, schreibt Carl Riccadonna, Ökonom der Deutschen Bank (DB).

Darüber hinaus können mit Hilfe eines schwächeren Dollars Arbeitsplätze geschaffen werden, da multinationale Unternehmen gern die relativ billigeren Arbeitskräfte in den Vereinigten Staaten einstellen. Auch die Anleger dürften vermehrt nach Schnäppchen auf dem relativ billigen amerikanischen Markt Ausschau halten.

6. Die großen Gefahren: Inflation und Energiekosten

Sinkt der Dollar, so verteuern sich naturgemäß die importierten Produkte, was die Preise in die Höhe treibt. Viele Experten sehen derzeit jedoch noch keinerlei Anzeichen für eine Inflation aufgrund des schwachen Dollars. „Es geht zwar ein gewisser zusätzlicher Inflationsdruck von ihm aus“, räumt Bernard ein und fügt hinzu, dass es den meisten Unternehmen aufgrund der Größe und Wettbewerbsfähigkeit der amerikanischen Wirtschaft jedoch nicht gelinge, ihre Preise wirklich zu erhöhen.

Einzig den Rohstoffpreisen macht ein schwacher Dollar wirklich zu schaffen. Der Ölpreis zieht bis auf nahezu 100 Dollar pro Barrel an, was dem Wachstum in den Vereinigten Staaten durchaus schaden kann. Europa ist hiervon weit weniger betroffen, da es seine Brennstoffe in der höher bewerteten Eurowährung zahlt.

Eine Zunahme der Inflation stellt die Federal Reserve zuweilen vor eine besondere Herausforderung. Eine drohende Inflationsgefahr kann die Entscheidungsträger davon abhalten, zur Stimulation des Wirtschaftswachstums die Zinssätze zu senken.

7. Die Regierungen schreiten erst dann ein, wenn es wirklich brenzlig wird

Die Zentralbanker in der ganzen Welt zeigen sich von der Talfahrt des Dollars erstaunlich wenig beeindruckt. Nur vereinzelt rechnen Beobachter damit, dass die Finanzstrategen aus den Vereinigten Staaten, Europa und Asien in die Währungsmärkte eingreifen, solange der Dollar keine größere Bruchlandung hinlegt. Ein ungewöhnlich starker Absturz des Dollars könnte die Banker zum Handeln bewegen; ansonsten erwartet man, dass sie eine eher abwartende Haltung einnehmen.

8. Letztendlich wird es zu einer Trendwende kommen

Momentan befindet sich die Federal Reserve auf Zinssenkungskurs, und die amerikanische Wirtschaft scheint sich abzuschwächen. Viele Experten erwarten, dass sich die Zinssenkungen im kommenden Jahr auszahlen, wenn die Wirtschaft wieder in Schwung kommt. Zur gleichen Zeit jedoch könnten die Zentralbanken in Europa und in anderen Ländern beginnen, ihre Zinsen zu senken, um ihre Volkswirtschaften anzukurbeln.

Diesem Szenario zufolge würde es mit dem Dollar wahrscheinlich bergauf gehen, der Euro hingegen würde zum Fall ansetzen. Laut Prognose des S&P-Volkswirts Six wird der Dollar um die Jahresmitte 2008 seine Talsohle durchschreiten und auf einem Tiefstand von 1,52 oder 1,53 Dollar pro Euro landen. Anfang 2009 wird er sich erwartungsgemäß wieder bei etwa 1,45 oder 1,40 Dollar pro Euro ansiedeln.

Wie immer sich die Umstände auch gestalten, wird man in nächster Zeit nicht mit einer Erholung des Dollars rechnen können. Amerika wird sich mit der Blamage einer schwachen Währung abfinden müssen. Der Gedanke, dass ein niedrig bewerteter „Buck“ die Exportmaschinerie der Vereinigten Staaten möglicherweise weiterhin am Brummen hält, könnte dabei hilfreich sein.

Text: Business Week Online
Bildmaterial: AP, F.A.Z., FAZ.NET, REUTERS

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