Rohstoffmarkt

Anleger nutzen Preisexplosion an Agrarmärkten

Von Bettina Schulz

18. April 2008 Nicht nur die Krise an den Finanzmärkten beunruhigt die Notenbanken. Mit Sorge beobachten die Hüter der Geldwertstabilität seit Monaten auch die rasanten Preissteigerungen an den Agrarmärkten. Es ist eine Preisexplosion, die es vor vier Jahren lediglich bei Basismetallen gegeben hat und die in ihrer Dimension langsam mit der Preisexplosion im Rohstoffsektor in den siebziger Jahren verglichen werden kann.

Immer höhere Nahrungsmittelpreise treiben nicht nur die Inflationsgefahren an. Sondern die drastischen Preissteigerungen für Mais, Sojabohnen und Reis haben bereits zu Unruhen und bitteren Protesten in den Schwellenländern geführt. Für Menschen in Nationen mit niedrigerem Lebensstandard machen die Lebensmittelpreise ein hohes Gewicht ihrer täglichen Ausgaben aus. Sie stellen damit eine zunehmende Belastung für die ärmere Bevölkerung dar.

Hunger nach Rendite ist groß

Einige Fondsmanager, die verpflichtet sind, in als ethisch sauber und nachhaltig geltende Anlagen zu investieren, halten sich in der Londoner City daher bereits mit Investitionen im Agrarsektor zurück. Andere Investoren jedoch nutzen die rasanten Preissteigerungen aus. Angesichts der schmerzlichen Verluste durch die Finanzmarktkrise ist der Hunger nach Rendite derzeit umso größer. Niemand konnte in diesem Jahr so lukrative Gewinne einstreichen wie Anleger, die in Rohstoffe, vor allem Agrarprodukte wie Getreidesorten, investiert hatten.

In dieser laufenden Hausse ist der Preis für Weizen in den vergangenen zwei Jahren schon um 252 Prozent gestiegen, der Preis für Sojabohnen hat um 155 Prozent zugelegt, der Preis für Mais um 152 Prozent, der Preis für Baumwolle um 60 Prozent und die Notierung für Zucker um 43 Prozent. Dies sind nur die börsengehandelten Rohstoffe. Das Erstaunliche ist, dass der Preis von Reis ebenfalls explodierte - seit August vergangenen Jahres hat sich der Preis mehr als verdoppelt, obwohl Reis, abgesehen von einem kleinen Kontrakt am Chicago Board of Trade, an der Börse nicht gehandelt wird. Der Zugang für spekulative Finanzinvestoren ist insofern begrenzt. Die Preise werden dort wie bei den meisten Rohstoffen ohnehin von der physischen Nachfrage der Produzenten und Abnehmer festgelegt.

„Das Beispiel Reis zeigt deutlich, dass die Preise von fundamentalen Rahmenbedingungen und physischem Angebot und Nachfrage angetrieben werden“, sagt Michael Lewis, Chef der Rohstoffanalyse der Deutschen Bank in London. „Die spekulativen Finanzinvestoren sind zwar kräftig am Markt tätig und nehmen Preissteigerungen vielleicht auch vorweg. Aber sie sind weder der Auslöser noch Treiber in der nachhaltigen Aufwärtsbewegung der Preise.“ Freilich zeigte eine kurze und scharfe Korrektur am Markt für Agrarprodukte im März, dass die Finanzinvestoren die Märkte zwischenzeitlich erschüttern können. Im März - zum Höhepunkt der Krise um die Investmentbank Bear Stearns - ließ eine plötzlich aufflammende Risikoscheu Investoren Gelder aus spekulativeren Märkten wie dem Agrarmarkt abziehen. Die Notierungen für Sojabohnen, Mais, Weizen und Baumwolle brachen ein, erholten sich aber schnell wieder.

Viele Länder reagieren schon mit Exportbeschränkungen

Es ist kein Zufall, dass die Rohstoffpreise für Basismetalle, Edelmetalle, Öl und Agrarrohstoffe gerade zu einem Zeitpunkt explodieren, in dem Anleger weder am Kreditmarkt noch am Aktienmarkt investieren mögen. Skeptiker sprechen schon von der nächsten Preisblase und warnen, Gelder könnten aus dem Rohstoffmarkt abgezogen werden, sobald sich die Finanzmarktkrise lege, das Schlimmste der Rezession in den Vereinigten Staaten überstanden sei und Investoren wieder Mut fassten, ihre Gelder in den klassischen Anlagemärkten zu positionieren. Langfristig jedoch wird sich die Welt auf steigende Preise bei allen Getreidearten einstellen müssen. Marktbeobachter wie Lewis betonen, die Hausse am Agrarmarkt stecke erst in den Kinderschuhen. Die globale Nachfrage nach Getreide belief sich im vergangenen Jahr auf 2,4 Milliarden Tonnen, wovon 36 Prozent direkt verzehrt und 64 Prozent als Futtermittel für die Fleisch- und Milchproduktion verwendet wurden.

Allein die Bevölkerungsexplosion von 6,5 auf 9,5 Milliarden Menschen bis zum Jahr 2050 wird weitere Getreide-Nachfrage von zusätzlich einer Milliarde Tonnen schaffen. Der steigende Lebensstandard mit höherem Anteil von Milchprodukten und Fleisch an der menschlichen Ernährung ist dafür ursächlich. In den kommenden 25 Jahren wird auch die Produktion von Biokraftstoffen zu einem Nachfrageschub führen. Die globale Erderwärmung mit zunehmenden Dürren, Stürmen und Überflutungen dürfte zudem zu Ernteausfällen führen. Eine Gefahr ist auch, dass Preissteigerungen durch Handels- und Exportbeschränkungen ausgelöst werden. Schon reagieren Länder wie China, Kambodscha, Ägypten, Indien und Vietnam mit Exportbeschränkungen, zum Beispiel bei Reis.

Entscheidend ist, wie viel landwirtschaftliche Anbaufläche in Zukunft global für die Produktion von Agrarprodukten zur Verfügung steht. „Die Preissteigerungen am Agrarmarkt sind der notwendige Marktmechanismus, der dazu führt, dass mehr Land für die landwirtschaftliche Produktion freigesetzt wird“, meint Lewis. Real betrachtet, haben die Getreidepreise noch nicht ihren Höhepunkt aus den siebziger Jahren erreicht. Nach dieser Berechnung sind Agrarprodukte geradezu billig. Auch so lässt sich der spekulative Eifer der Finanzinvestoren am Markt erklären.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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