Terminmärkte

Gibt es zu viele Zocker an den Rohstoffmärkten?

09. Juli 2009 Spekulative Marktteilnehmer sind für Finanz- und Rohstoffmärkte grundsätzlich wichtig, da sie für Liquidität sorgen und auf diese Weise andere Marktteilnehmer in die Lage versetzen, sich gegen alle nur denkbaren Risiken günstig und effizient abzusichern.

Spekulative Engagements werden allerdings zu einem Problem, wenn riesige Summen in relativ enge Märkte investiert werden. Dann können Preistrends entstehen, die eine Eigendynamik entwickle, sich selbst verstärken, sich von den realen Gegebenheiten in Form von Angebot und Nachfrage abkoppeln und die Realwirtschaft indirekt durch preisliche Fehlsignale beeinflussen.

Anzahl der gehandelten Energie- und Rohstoffkontrakte hat deutlich zugenommen

Das scheint in den vergangenen Jahren passiert zu sein, als etwa der Ölpreis in den Jahren 2001 bis Mitte des Jahres 2008 beinahe unaufhaltsam nach oben lief und auf bis zu 145 Dollar je Fass der Sorte WTI stieg. Es gibt zwar viele Marktteilnehmer, die das bestreiten. Sie verweisen gern auf Daten der amerikanischen Terminmarktaufsicht CFTC, die die Positionierung der Marktteilnehmer an den regulierten Terminmärkten der Vereinigten Staaten zu ermitteln versucht.

Diese Daten gäben nur geringe Hinweise auf spekulative Aktivitäten, wird gern argumentiert. Es gäbe nur wenige Marktteilnehmer, die wirklich spekulativ ausgerichtet seien. Indes ist auffällig, dass die Zahl der an der Nymex gehandelten Kontrakte in den vergangenen drei Jahren massiv zugenommen hat.

Viele Positionen wurden nicht erfasst

Die Problematik der Daten liegt auch darin, dass sie nur einen Bruchteil der Märkte und beileibe nicht alle Marktteilnehmer erfassen. Positionen von Privatanlegern oder von börsennotierten Fonds wie etwa dem United States Oil Fund LP, dem iPath S&P GSCI Crude Oil Total Return Index ETN oder dem ETFS Crude Oil, vor allem aber aus Freiverkehrskontrakten (OTC) werden nicht oder kaum erfasst. Gerade Ölfonds hatten in den vergangenen Wochen nach dem Preisverfall im vergangenen Jahr ihre Positionen wieder deutlich aufgestockt.

Die gewaltigsten Positionen wurden in den vergangenen vier Jahren mit OTC-Derivaten eingegangen. Das sind unregulierte Einzelverträge zwischen einzelnen Vertragspartnern, deren Wertentwicklung sich in irgendeiner Form an die Preisentwicklung von Rohstoffen anlehnt. Nach Daten der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich waren noch im Juni des vergangenen Jahres nominal 13,2 Billionen Dollar auf diese Weise virtuell im Rohstoffbereich investiert.

Im Rahmen des Crashs ging deren Wert in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres zwar um satte 66 Prozent auf 4,4 Billionen Dollar zurück. Das ist allerdings immer noch viel, zumal man davon ausgehen muss, dass die Zahl der Kontrakte in den vergangenen Monaten des auflebenden Risikoappetits wieder zugenommen hat.

Die Größe der Summe wird im Vergleich klar: Alleine der Ölmarkt ist bei einer Menge von 83 Millionen Barrel täglich nachgefragter Menge und einem Preis von 62 Dollar je Fass weniger als 1,9 Billionen Dollar im Jahr wert. Vergleicht man die 4,4 Billionen Dollar an Kontrakten mit der voraussichtlichen weltweiten Weizenernte, so beläuft sich deren Wert mit knapp 124 Milliarden Dollar, das sind gerade einmal 2,8 Prozent der Kontraktsumme.

Zeitweise gigantische Positionen im Freiverkehr

So kann es kaum verwundern, dass die CFTC nun auf Druck des Kongresses über eine stärkere Regulierung der Öl-, Gas- und Rohstoffmärkte debattiert. Infolgedessen dürfte bei Rohstoffen der Spielraum der Marktschwergewichte Goldman Sachs und Morgan Stanley schrumpfen, die Preise zu beeinflussen und daraus satte Erträge zu erzielen. Im Jahr 2007 entfiel auf die beiden Häuser etwa die Hälfte der insgesamt 15 Milliarden Dollar an Einnahmen, die die zehn größten Investmentbanken mit dem Rohstoffhandel erzielten, heißt es.

Die Ausnahmen von Handelsbeschränkungen, die es Goldman und Morgan seit den neunziger Jahren ermöglicht haben, ihre einträglichen Geschäfte an den Termin-, Swap- und außerbörslichen Märkten erheblich auszuweiten, stehen nun auf dem Prüfstand

„Ein Großteil der Bewegungen, die wir in den vergangenen Jahren gesehen haben, hat nichts mit den Fundamentaldaten am Markt zu tun“, sagte Tom Bentz, leitender Energie-Analyst bei BNP Paribas Commodity Futures der Nachrichtenagentur Bloomberg. „Es muss etwas gegen die Spekulation getan werden, daran besteht kein Zweifel.“

Positionsbegrenzungen wären eine Möglichkeit, um eine Marktverzerrung durch Spekulanten zu verhindern, erläutert Collin Peterson, Vorsitzender des Landwirtschaftsausschusses im amerikanische Repräsentantenhaus. „Es ist wohl kaum von der Hand zu weisen, dass der Zustrom von Geldern aus Indexfonds in die haussierenden Rohstoffmärkte Auswirkungen hatte“, sagt Peterson.

Setzen auf Transparenz

Kritiker wenden sich dagegen, dass der CFTC die Autorität zukommen soll, Positionsbeschränkungen für Energie-Spekulanten zu verhängen. Wenn diese Beschränkungen durchgesetzt und die Investmentbanken aus dem Markt gedrängt würden, leide die Liquidität und stiegen infolgedessen die Preise. „Absolut absurd“ nennen dies andere Experten. Niemand wolle den Regulierungsrahmen so ändern, dass legitime Kurssicherungsgeschäfte beeinträchtigen würden.

Vielmehr versuchten Finanzinstitute, am Markt schnelles Geld zu verdienen. Der Markt sei jedoch zum Zweck der Kurssicherung geschaffen worden und nicht zum Zocken. In diesem Sinne dürfte es das beste sein, für genügend Transparenz zu sorgen. Wenn Marktteilnehmer jederzeit einsehen könnten, wer welche Positionen hält, ließen sich Missverhältnisse rasch identifizieren.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @cri
Bildmaterial: FAZ.NET

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