Agrarrohstoffe

Im Zentrum des Mais-Marktes

Von Norbert Kuls

03. Juli 2008 John Kiefner macht eine Klappe auf und fängt die gelblichen Körner, die aus dem grauen Silo rieseln, in seinen Händen auf. In der prallen Nachmittagssonne wirken sie wie kleine Goldklumpen. Es ist aber kein Gold. Es ist Mais.

Dennoch behandelt der Farmer seine Ernte so liebevoll, als wären sie Goldstücke. Er hebt die Maiskörner auf, als ein paar durch seine Finger auf den Boden fallen. Mais ist teuer geworden, und Kiefner weiß genau, welchen Wert die Ware in seinem Silo hat. „Vor sechs Monaten war Mais noch bei drei achtzig“ sagt Kiefner und meint damit, dass der Preis für ein Bushel Mais 3 Dollar und 80 Cent betragen hat. Derzeit notieren die Mais-Kontrakte an der Terminbörse in Chicago in der Nähe ihrer Rekordstände von fast 8 Dollar je Bushel - einem alten Hohlmaß, das dem deutschen Scheffel entspricht.

Farmer wetten auf den Markt

Die Farm von Kiefner, dessen Vorfahren aus Bayern stammen, liegt etwas außerhalb des Dorfes Manhattan im Bundesstaat Illinois. Illinois ist die amerikanische Kornkammer, und Kiefner baut hier neben Mais auch Sojabohnen und Heu an. Die Terminbörse Chicago Board of Trade (CBOT), an der unter anderem Mais, Sojabohnen und Weizen gehandelt werden, ist anderthalb Autostunden von der Farm entfernt.

Aber Kiefner ist dennoch ganz nah dran am Geschehen in Chicago. Nachdem er 25 Ballen Heu auf den Pick-up-Laster eines Kunden gewuchtet hat, setzt er sich vor seinen Computer und redet über die Kurse von Mais-Kontrakten wie der Analyst eines Wertpapierhauses. Nur trägt der 44 Jahre alte Mann mit dem sonnengegerbten Gesicht keinen Anzug, sondern eine kurze Jeans und ein graues T-Shirt mit Sternenbanner-Aufdruck, das sich vom Schweiß dunkel gefärbt hat.

„Als Farmer muss man Wetten auf den Markt abschließen“, sagt Kiefner. „Wir können von den hohen Rohstoffpreisen profitieren, aber wenn man falsch liegt, kann man auch kräftig verlieren.“ Kiefner scheint bisher richtig gelegen zu haben. Das Bauernhaus ist neu geweißt, die Küchengeräte sind aus Edelstahl, und seine Frau Sherri berichtet von Reisen nach Europa mit der Tochter. Aber das Risiko wächst. „Wir machen uns Sorgen, dass es sich um eine spekulative Blase handeln könnte“, sagt Kiefner.

Es droht eine Rezession

Die Preise für pflanzliche Rohstoffe wie Mais, Sojabohnen oder Weizen sind nicht mehr nur ein Thema, das Bauern in Illinois interessiert. Nach einer seit mehreren Jahren anhaltenden Hausse spüren auch die Verbraucher die Auswirkungen steigender Preise, zumal auch die Rohölpreise stark gestiegen sind. Brot und Benzin sind so teuer wie nie. In Entwicklungsländern führte der Preisanstieg bei Grundnahrungsmitteln zu Ausschreitungen. In den Vereinigten Staaten, wo die jüngste Häuserkrise die Verbraucher verunsichert hat, droht eine Rezession, wenn wegen der Kosten für Nahrungsmittel und Treibstoff der Konsum zurückgeht.

In Washington laden Kongressabgeordnete zu Anhörungen, weil sie eine Manipulation der Finanzmärkte durch Spekulanten vermuten. Zur Zielscheibe sind Hedge-Fonds, aber auch die Pensionskassen geworden, die in den vergangenen Jahren verstärkt in Rohstoffe investiert haben. „Index-Spekulanten sind für einen großen Teil des Anstiegs der Rohstoffpreise verantwortlich“, glaubt Senator Joe Lieberman. Der Kongress müsse im öffentlichen Interesse alles daransetzen, die Preise für Nahrungsmittel und Energie zu senken.

Das System scheint aus den Fugen

Auch die Farmer sind nicht automatisch Nutznießer hoher Rohstoffpreise. Denn die gestiegenen Kosten für Treibstoff und Düngemittel schmälern ihre Gewinne. Einige Farmer können zudem ihre Ernte nicht mehr wie bisher auf Monate im Voraus zu einem festen Preis an Betreiber von Getreidesilos verkaufen, um sich gegen einen Preisverfall abzusichern.

Silobetreibern, die bisher die Mittelsmänner zwischen Bauern und Terminbörse waren, ist das Geschäft zu gefährlich geworden. Das System scheint aus den Fugen zu geraten. Die Farmer müssen das Risiko von Preisschwankungen wieder selber tragen - wie zu den Zeiten, als es noch keine Terminbörsen gab. „Wenn die Preise plötzlich fallen, wird die Katastrophe schlimmer sein als alles, was wir bisher in der Landwirtschaft gesehen haben“, warnt Tom Buis, der Präsident des Bauern-Verbandes National Farmers Union.

Alles Panikmache

Der Druck aus Washington hat jetzt dazu geführt, dass die Terminbörsen-Aufsicht CFTC und die Börsen die Rolle der Spekulanten und eine mögliche Marktmanipulation prüfen wollen. Bisher weisen die Börsenbetreiber den Verdacht aber zurück. „Es gibt keine Belege, dass die neue Art von spekulativen Händlern den Markt beeinflusst hat“, sagt Fred Seamon, Ökonom bei der CME Group, der Muttergesellschaft der CBOT.

Für Vic Lespinasse ist das ohnehin alles Panikmache. Der seit 1972 an der CBOT zugelassene Händler und Analyst sitzt kurz vor Handelseröffnung in der Cafeteria für die Mitglieder der Terminbörse und blickt hinunter auf das Parkett. Dort füllen sich langsam die terrassenartig angelegten „Pits“, die Handelsplätze der Makler. „Grund Nummer eins für den Anstieg der Preise ist das Wetter“, sagt er resolut und legt ein weißes Blatt mit dem Kursverlauf eines Mais-Kontraktes auf den Tisch. Es hat viel geregnet in diesen Tagen, und Überschwemmungen im Mittleren Westen bedrohen die Ernte. Im Saal verfolgen die Händler deswegen nicht nur die Preise auf den großen Anzeigetafeln. In einer Ecke hängt für alle gut sichtbar ein riesiger Bildschirm mit der Wetterkarte.

Nur ein Sündenbock?

Neben dem Wetter gibt es andere Faktoren, die den Preis treiben. Die Menschen in Wachstumsregionen wie China essen mit steigendem Lebensstandard mehr Fleisch - und Mais ist Futtermittel für Vieh. Dazu kommt noch die Nachfrage nach Biotreibstoffen wie dem aus Mais gewonnenen Ethanol. Auch der niedrige Dollarkurs gilt als ein Faktor für die hohe Nachfrage.

Und Spekulanten? „Spekulanten folgen dem Trend bei den Preisen, sie machen ihn aber nicht“, sagt Lespinasse leicht gereizt. Als Beleg legt er einen Kurschart für Weizen auf den Tisch. „Der Preis ist kürzlich stark gefallen, weil es eine gute Ernte gegeben hat“, sagt er. Wenn Spekulanten die Preise hochhalten könnten, wäre der Weizenpreis doch kaum eingebrochen. Lespinasse hat auch eine Erklärung für die Angriffe aus Washington. „Wir haben in diesem Jahr Wahlen. Politiker brauchen einen Sündenbock.“

Brüllen, Winken, Kreischen

Zu Eröffnung des Handels steht Lespinasse dann an einem Computer an der Seite des Handelssaals. Punkt 9:30 Uhr beginnen sich die Händler in den Pits ihre Gebote zuzurufen und zu gestikulieren. Gespräche in normaler Lautstärke sind nicht mehr möglich. Was wie ein wildes Gefuchtel mit den Händen wirkt, hat System. Halten die Händler ihre Handflächen nach außen, wollen sie verkaufen. Sind sie nach innen gewandt, wollen sie kaufen. Mit den Fingern werden Bruchteile des Preises angedeutet.

„Brüllen, Winken und Kreischen. Es bringt das innere Kind hervor“, sagt der Makler Jack Scoville, der einige Jahre auf dem Parkett gearbeitet hat, mit einem Grinsen. Aber es sei auch eine Tortur für den Körper. Vor allem Stimmbänder und Ohren litten darunter. Trotz der traditionellen Handzeichen und der Stimmgewalt der Händler hat aber längst die Technik Einzug gehalten. Einer der Makler am Rande des Mais-Pit hat einen Computer wie einen Bauchladen umgehängt. Auf hoch aufgehängten Bildschirmen werden die Preise aus dem elektronischen Handel angezeigt. Bis auf den komplexen Optionshandel läuft das meiste Termingeschäft mittlerweile elektronisch.

Zu viel neue Entwicklungen

Jack Scoville arbeitet im 13. Stock eines Anbaus der CBOT, wo das Handelshaus Price Futures Group seine Büros hat. Dort ist es still. Scoville, der 51 Jahre alt ist und schon als Student an der Terminbörse arbeitete, listet Gründe auf, warum die Rohstoffpreise gestiegen sind. So hatte ein Streik der Bauern in Argentinien das Angebot von Sojabohnen verknappt. „Es gibt solide Gründe für höhere Preise“, sagt Scoville.

Aber er glaubt auch, dass Spekulanten, die „Specs“, wie er sie nennt, die Preise kurzfristig nach oben treiben können - auch wenn langfristig fundamentale Ursachen ausschlaggebend blieben. „Die Specs können die Preise nicht künstlich hochhalten“, sagt Scoville.

Aber er meint auch, dass der Rohstoffmarkt derzeit extrem schwankungsanfällig. Neben den großen Fonds macht er auch die Geschwindigkeit des elektronischen Handels dafür verantwortlich. „Der Markt arbeitet nicht normal, weil er eine Menge neuer Entwicklungen zu absorbieren hat“, sagt er. Aber das werde schon wieder in Ordnung kommen, meint er. Ohnehin seien Spekulanten schon immer Teil der Gleichung in Chicago gewesen. Ohne Spekulanten, die als Gegenpartei zu den Produzenten auftreten, funktioniere der Markt nicht.

„Neun Dollar sollten drin sein“

Es ist Freitag. Der schlaksige Scoville hat ein braunes Golf-Shirt, beige Hosen und weiße Turnschuhe an und telefoniert länger mit einem Farmer in Minnesota. Der hatte auf fallende Mais-Preise gewettet, und der Markt läuft jetzt gegen ihn. Scoville sitzt vor zwei Bildschirmen, wippt mit den Füßen und verschränkt die Arme.

Es ist kein angenehmes Gespräch. Er gibt dem Farmer in Kurzform die aktuellen Kurse durch, die auf einen neuen Rekord deuten. Schließlich stempelt er einen Auftragszettel und macht eine Notiz im Computer. „Der Kunde hat fast 50.000 Dollar verloren, aber er wird das wieder zurückbekommen, wenn er seine Ernte verkauft“, erläutert Scoville. Selbst wenn es zu einer Korrektur der Preise kommen sollte, werden sie nach Ansicht der Händler in Chicago nicht wieder auf das Niveau vor Beginn der Hausse zurückgehen.

Auch Martin Richenhagen, der deutsche Vorstandschef des großen amerikanischen Traktorenherstellers Agco, glaubt wegen des Wachstums der Weltbevölkerung an weiter anhaltende Nachfrage nach Agrarrohstoffen. „Die Preise werden sich eher auf einem höheren Niveau bewegen“, sagte Richenhagen kürzlich bei einem Gespräch an der New Yorker Börse.

In Manhattan, Illinois, glaubt Farmer Kiefner trotz seiner Sorgen um eine spekulative Blase unterdessen weiter an einen Anstieg der Preise. Auch Kiefner redet über das Wetter. Bei einem Gang auf die Felder hinter den Mais-Silos deutet er auf durch Regenfälle umgeknickte Gräser. Die Straße ins Dorf ist halbseitig gesperrt, weil dort kürzlich ein Tornado gewütet hat. Kiefner sitzt vor seinem Computer und überlegt ein wenig. „9 Dollar sollten bei Mais noch drin sein“, sagt er.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, REUTERS

 
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