Von David Bogoslaw
07. März 2008 Anleger, denen die taumelnden Aktien-, Kredit- und Häusermärkte sowie der stetige Verfall des amerikanischen Dollars zu schaffen machen, suchen verstärkt Zuflucht in harten Vermögenswerten, was zur Folge hat, dass die Preise für Rohstoffe - von Öl über Edelmetalle bis hin zu Getreide - in den Himmel wachsen. Während Spekulanten leuchtende Augen bekommen, sorgt der Preisanstieg bei Unternehmen für Verstimmung, wenn sie sehen müssen, wie die Beschaffungskosten ihrer wichtigsten Rohstoffe auf problematische Niveaus klettern.
Von der Preishausse sind weite Teile des Rohstoffsektors betroffen. Am deutlichsten sichtbar ist die Entwicklung beim Erdöl, das am 5. März mit 104,46 Dollar je Barrel auf ein neues Rekordschlusshoch vorstieß. Doch für die vielleicht größte Überraschung sorgen die Edelmetallmärkte, wo Händler derzeit gespannt darauf warten, dass der Goldpreis die magische Schwelle von 1.000 Dollar je Feinunze überschreitet. Aber auch andere Metalle, deren industrielle Verwendungsmöglichkeiten über jene des Goldes hinausgehen, glänzen mit spektakulären Steigerungen. So erhöhten sich etwa die Preise für Aluminium seit Mitte Oktober 2007 um mehr als 22 Prozent auf 138,25 Dollar je Pfund, während Platin in den vergangenen viereinhalb Monaten um stolze 53,5 Prozent auf 2.267 Dollar je Unze zulegte.
Unübersehbar ist auch der durch die Biokraftstoffproduktion vorangetriebene Boom bei Agrarrohstoffen. Weizen verteuerte sich in den zurückliegenden viereinhalb Monaten um 30,6 Prozent, Mais um 47 Prozent und Kaffee um 15 Prozent.
Sicherer Hafen für Anleger
Rohstoffe haben sich zur Anlageklasse erster Wahl entwickelt und gelten als sicherer Hafen während einer eventuell länger andauernden Baisse bei Aktien und bei festverzinslichen Vermögenswerten (je nachdem, wie sich die Zinsen entwickeln). Ein Blick auf die Bewegungen maßgeblicher Rohstoffindizes genügt: Der Reuters-Commodity Research Bureau (CRB) Index kletterte am 5. März nach einem neuerlichen Sprung der Energiepreise um zwei Prozent nach oben. In den vergangenen Wochen markierte der Index eine Reihe neuer Allzeithochs. Im zurückliegenden Jahr legte der Index fast 40 Prozent zu, wobei der CRB-Teilindex Edelmetalle knapp 62 Prozent hinzugewann, während bei Getreide im gleichen Zeitraum sogar ein Plus von 77,7 Prozent verzeichnet wurde.
Der Dow-Jones-AIG Commodities Index mit einem Korb aus Erdöl, Erdgas, Edelmetallen, Getreide, Vieh und anderen Gütern schloss am 4. März bei 213,86 Dollar, und liegt damit 15 Prozent über dem Niveau zu Jahresbeginn und fast 21 Prozent höher als während des Zenits der Aktienindizes Mitte Oktober 2007.
Das CRB sieht Inflationsängste als Triebfeder für den Kauf von Rohstoff-Futures. Diese Ängste werden wahrscheinlich erst dann nachlassen, wenn die amerikanische Zentralbank (Fed) ihre expansive Geldpolitik beendet. Die Zinssenkungen der Fed treiben auch den amerikanischen Dollar auf immer neue Tiefststände, was wiederum die Preise für reale Vermögenswerte wie Rohstoffe anfeuert, teilte Gary Kamen, Vertriebs- und Marketingchef bei CRB, in einer E-Mail mit.
Die Dollarschwäche und der Aufwärtsdruck auf die Rohstoffpreise werden nach Kamens Ansicht anhalten, solange der Häusermarkt und die Gesamtwirtschaft der Vereinigten Staaten keine Zeichen der Stabilisierung zeigen.
Im verarbeitenden Gewerbe führen steigende Preise für Rohstoffe - von Öl über Metalle bis hin zu Agrarerzeugnissen - zu durchweg höheren Bezugskosten. Den Unternehmen bleibt damit nicht viel anderes übrig, als ihre Verkaufspreise anzuheben oder sich mit niedrigeren Gewinnmargen abzufinden. Der Erzeugerpreisindex für un- oder geringfügig bearbeitete Güter einschließlich der schwankungsanfälligen Energie- und Lebensmittelkosten stieg im Januar um 2,5 Prozent. Die Lebensmittelpreise erhöhten sich im Januar um 1,7 Prozent, im Vorjahresvergleich um 8,3 Prozent. Unternehmen, die mit einem Absatzrückgang zu kämpfen haben, sehen sich gezwungen, die Kostensteigerungen zu schlucken.
Automobilhersteller: Trend in Richtung Palladium
Automobilhersteller schlagen sich seit längerem mit steigenden Preisen für Platin herum, das bei der Herstellung von Katalysatoren für die Abgasreinigung benötigt wird - und das trotz der Fortschritte, die sie bei der Substitution von Platin durch günstigere Metalle wie Palladium erzielt haben. Die über weite Strecken des vergangenen Jahrzehnts vorherrschende Stärke der Platinpreise war auf ein knappes Angebot und auf steigende Nachfrage von Seiten der Automobil- und Schmuckmärkte zurückzuführen.
Amerikanische Automobilhersteller sind gegenüber ihren europäischen Wettbewerbern im Vorteil, da sie hauptsächlich benzingetriebene Fahrzeuge produzieren, für deren Katalysatoren das günstigere Edelmetall Palladium eingesetzt werden kann. Bei Katalysatoren für Dieselfahrzeuge, die mittlerweile mehr als die Hälfte des europäischen Fahrzeugmarktes ausmachen, ist diese Substitution aus Gründen der Haltbarkeit und Leistungsfähigkeit nicht ohne weiteres möglich.
Doch die zunehmende Verwendung von Palladium in den Katalysatoren amerikanischer Fahrzeuge hat letztlich auch den Preisen dieses Metalls Auftrieb verliehen. Palladium wird zwischenzeitlich mit 570,45 Dollar je Unze gehandelt, ein Anstieg von 47 Prozent seit Mitte Oktober 2007.
Viele [amerikanische] Automobilhersteller sind mit ihren [Substitutions-] Programmen weit fortgeschritten. 90 bis 95 Prozent ihres Weges dürften sie bereits zurückgelegt haben, schätzt Tim Murray, Leiter des Amerikageschäfts von Johnson Matthey, einem der weltweit führenden Hersteller und Raffineure von Edelmetallen, zu dessen Kunden auch Fahrzeughersteller zählen.
Die Platinnachfrage in Nordamerika macht nach wie vor etwa 21 Prozent des Weltmarktes für Fahrzeugkatalysatoren aus, und belief sich nach Angaben von Johnson Matthey im vergangenen Jahr auf 900.000 Unzen. Ein Teil hiervon kommt in den Vereinigten Staaten bei Diesel-Pkw sowie bei leichten und schweren Diesel-Nutzfahrzeugen zum Einsatz.
Dagegen ging die Nachfrage nach Platinschmuck in den Vereinigten Staaten um 20 bis 30 Prozent zurück, da dieser nach enormen Preissteigerungen nur noch für die oberen Zehntausend erschwinglich ist. Die Nachfrage in China erlebte 2007 jedoch ein Comeback und zeigt sich auch im bisherigen Jahresverlauf 2008 robust, was auf eine wachsende wohlhabende Bevölkerungsschicht zurückgeht, die bereit ist, für dieses Metall tief in die Taschen zu greifen, so Murray.
Der Anstieg der Platinpreise im vergangenen Jahr geht auch auf die Einführung zweier mit Platin unterlegter börsengehandelter Fonds (ETFs) zurück, die dem Markt bis dato insgesamt etwa 360.000 Unzen Platin entzogen, die sie in Züricher und Londoner Banken geparkt haben. Nach Einschätzung von Murray dürften diese Fonds ihre Platinbestände in Zukunft weiter aufstocken.
Die Energiekrise und die daraus resultierenden Ausfälle der Bergbauindustrie in Südafrika, wo rund 80 Prozent des weltweiten Platins gefördert wird, dürfte in nächster Zeit negative Auswirkungen auf das Platinangebot haben und die Preise des Edelmetalls nach oben laufen lassen, so Murray
Lebensmittel: Schwere Kost für Unternehmen und Verbraucher
Die Schwerindustrie ist jedoch nicht die einzige, die unter dem Rohstoffboom zu leiden hat. Auch die Hersteller abgepackter Lebensmittel ächzen und müssen sich wahrscheinlich auf anhaltend steigende Getreidepreise einstellen. Eine der Ursachen ist der in den Vereinigten Staaten im Rahmen von Biokraftstoff-Förderprogrammen subventionierte Maisanbau, der dazu führte, dass amerikanische Farmer in den vergangenen zwei Jahren 14 Millionen Hektar Ackerfläche für Weizen oder Sojabohnen auf den lukrativeren Maisanbau umstellten. Das hierdurch verringerte Angebot an Sojabohnen und Weizen hat deren Preise ebenso in die Höhe getrieben wie den Preis für Mais, sagt Eitan Bernstein, Energieanalyst bei Friedman Billings Ramsey.
Nach Schätzungen von Eric Katzman, Analyst bei Deutsche Bank Securities in New York, wird sich der durchschnittliche Lebensmittelproduzent angesichts drastischer Verteuerungen bei Weizen, Mais und Kaffee im laufenden Jahr einer Kosteninflation bei Rohstoffen zwischen sieben und acht Prozent gegenübersehen.
Die Rohstoffbeschaffungskosten (einschließlich Kraftstoffe) des Lebensmittelkonzerns Kraft Foods stiegen 2007 um 1,3 Milliarden Dollar oder neun Prozent gegenüber dem Vorjahr. Für 2008 wird mit einem weiteren Anstieg gerechnet. Als beispiellos bezeichnet Michael Mitchell, ein Sprecher von Kraft Foods, die Größenordnung der Kostensteigerungen und die Tatsache, dass diese nicht nur vorübergehender Natur sind.
Den wachsenden Kostendruck versucht dass in Northfield (Illinois) ansässige Unternehmen durch Preissteigerungen und durch Kostensenkung in anderen Bereichen - etwa bei Verpackung und Transport - abzufedern.
So ersetzte Kraft beispielsweise sein traditionelles Glasgefäß für den Brotaufstrich Miracle Whip durch ein Gefäß aus wieder verwertbarem Kunststoff und breiterer Öffnung, die es den Verbrauchern erleichtert, auch noch den letzten Rest des Inhalts herauszukratzen, so Mitchell. Nach seinen Aussagen kommt das neue Gefäß bei den Konsumenten sehr gut an, weshalb sie wahrscheinlich auch bereit sind, mehr Geld dafür zu berappen.
Durch das auf diese Weise verringerte Verpackungsgewicht werden für den Transport zum Einzelhandel für die gleiche Produktmenge letztlich weniger Lkw-Fahrten benötigt, was pro Jahr etwa 87.000 Gallonen Kraftstoff einspart.
Anfang des Jahres erhöhte der amerikanische Schokoladenhersteller Hershey die Preise für sein Schokokonfekt um 13 Prozent, um die gestiegenen Kosten für Milchprodukte, Kakao, Zucker und Erdnüsse aufzufangen, so Deutsche-Bank-Analyst Katzman. Und auch der Lebensmittelkonzern General Mills hat seit vergangenem November seine Preise angehoben, unter anderem für Backwaren, Joghurts und Fertigprodukte.
Ich denke nicht, dass man in der Lebensmittelbranche auf absehbare Zeit von einer Veränderung der aktuellen Beschaffungskostensituation ausgeht, sagt Katzman. Als Gründe nennt er nicht nur die erwartete Fortführung der in den Vereinigten Staaten betriebenen Biokraftstoffpolitik, sondern auch die steigende Nachfrage nach höherwertigen Lebensmitteln durch eine Milliarde Menschen in den wachsenden Großstädten der Schwellenländer sowie die anhaltende Schwäche des amerikanischen Dollars.
Auch andere Analysten sehen bei mineralischen, pflanzlichen und tierischen Rohstoffen vorerst keine Abschwächung des derzeitigen Trends. Schlechte Nachrichten also für Unternehmen und Verbraucher.
David Bogoslaw ist Reporter für den Business Week Investing Channel.
Text: BusinessWeek Online
Bildmaterial: AP, Bloomberg, CBoT, dpa, FAZ.NET