Von Arnd Hildebrandt
06. Januar 2006 Es könnte als göttliches Geschenk verstanden werden, daß normale Sterbliche in den Genuß von Kakao gelangt sind. Die tropische Frucht trägt nämlich den Namen Speise der Götter.
Doch bevor Kakao in der einen oder anderen Form irdisch genossen werden kann, muß der Rohstoff, die Kakaobohne, einige seit Jahrhunderten im Grunde nicht veränderte Verarbeitungsstufen durchlaufen. In der fortgeschrittenen Phase entsteht Kakaomasse, aus der Kakaobutter, Kakaopulver und Schokolade gewonnen werden. Regulär gehandelt wird unter der Bezeichnung Kakao nur die Kakaobohne. Die bedeutenden Zentren sind London und New York, wobei der Londoner Handel in Pfund Sterling stattfindet. Damit ist er einer der sehr wenigen bedeutenden börsennotierten Rohstoffe, die nicht ausschließlich in amerikanischer Währung gehandelt werden.
Zwei Ernten innerhalb von zwölf Monaten
Kakao könnte einem kleinen Kreis der Menschheit, den im heutigen Mexiko ansässigen Olmeken, schon um 1000 vor Christus bekannt gewesen sein. Das jedenfalls glauben Sprachwissenschaftler nachweisen zu können. Als gesichert gilt, daß die Mayas spätestens um 750 nach Christus Kakao verarbeiteten und ihn als Schokoladegetränk zu sich nahmen. Die Eroberung Amerikas durch die Spanier Anfang des 16. Jahrhunderts markiert den Zeitpunkt, zu dem der Rohstoff von Mittelamerika aus als sogenannte Kolonialware in Europa bekannt zu werden begann.
Die Erzeugung von Kakao hat sich über die folgenden Jahrhunderte hinweg geographisch im tropischen und subtropischen Gürtel rund um den Erdball ausgeweitet. Die mit Abstand führende Erzeugerregion ist seit langem Westafrika, gefolgt von Asien und Lateinamerika. Die Kakaobohnen wachsen in einer als pod bezeichneten Frucht des Kakaobaums heran. Von der Bestäubung der Blüten bis zur reifen Frucht vergehen fünf bis sechs Monate. Dieser Zeitraum ermöglicht zwei Ernten innerhalb von zwölf Monaten, die in den meisten Ländern in Haupt- und in Mittelernten unterteilt werden.
1.500 Dollar je Tonne
Die Kakaobäume benötigen von der Pflanzung bis zur vollen Ertragskraft meist fünf bis sieben Jahre. Optimale Ergebnisse können nur mit hohem Einsatz von Dünger, Pflanzenschutz- und Schädlingsbekämpfungsmitteln erzielt werden. Dies erlangt wegen der Hausse am Markt für Rohöl zunehmend Bedeutung, weil dieser Rohstoff das Grundprodukt der genannten Erzeugnisse, auch Input genannt, ist.
Kakaobohnen kosten heute auf dem Weltmarkt mit rund 1.500 Dollar je Tonne zwar etwa doppelt soviel wie vor fünf Jahren. Aber sie bewegen sich damit auch in der Nähe des Niveaus, das im Durchschnitt der Jahre 1973 bis 1976 herrschte, bevor eine beispiellose Hausse einsetzte, die den Preis in New York 1977 in der Spitze auf rund 4.600 Dollar trieb. Mit Blick auf die steil gestiegenen Kosten für den Input erscheint es vielen Fachleuten unabwendbar, daß der Weltmarktpreis steigen muß, um den Erzeugern einen Ausgleich für den höheren Aufwand zu gewähren. Andernfalls wäre eine lange Phase unzureichender Produktion und der Unterversorgung zu erwarten, die ihrerseits deutlich höhere Preise erzwingen würde.
Bürgerkrieg beeinträchtigt Vermarktungskanäle
Über die Versorgungslage in der laufenden Saison 2005/06, die jeweils von Oktober bis September läuft, herrschen unterschiedliche Vorstellungen, wie sie sonst zu diesem Zeitpunkt eines Wirtschaftsjahres selten sind. Schätzungen, nach denen ein Produktionsdefizit von 100.000 Tonnen und mehr entstehen könnte, stehen andere gegenüber, die einen Überschuß von mehr als 100.000 Tonnen für möglich halten. Die Saison 2004/05 soll ein Defizit von etwa 50.000 Tonnen hervorgebracht haben. Das laufende Rechnungsjahr könnte den Ausgangspunkt für eine ausgedehntere Hausse markieren, wenn die Fehlmenge wirklich bei mindestens 100.000 Tonnen liegen sollte. Dann nämlich würden die Vorräte im Verhältnis zum geschätzten Verbrauch auf einen Wert sinken, der in der Vergangenheit häufig deutliche Preissteigerungen ausgelöst hat.
Die noch herrschende Ungewißheit über die statistische Lage geht wesentlich auf den schwer einschätzbaren Ausgang der noch laufenden Haupt- und der im Mai beginnenden Mittelernte in der Elfenbeinküste zurück. In Teilen dieses mit Abstand führenden Produzentenlandes wird ein Bürgerkrieg geführt, der die Erzeugung von Kakao bisher zwar noch nicht meßbar beeinträchtigt, der aber schon die gewachsenen Vermarktungskanäle von den Plantagen zu den Verschiffungshäfen verändert hat.
Weltproduktion von Kakaobohnen gesunken
2004/05, als dort gut 1,2 Millionen Tonnen erzeugt worden sein sollen, könnten nach Schätzung von Fachleuten bis zu 150.000 Tonnen in benachbarte Länder, darunter vor allem nach Ghana, geschmuggelt worden sein. Daher werden auch die Angaben zur Produktion in diesem einstmals führenden Erzeugerland mit erheblichen Vorbehalten aufgenommen, denn es gilt als wahrscheinlich, daß nicht unbedeutende Teile der eingeschmuggelten Ware in die ghanaischen Produktionsstatistiken einfließen. Die Ungewißheit über die tatsächliche Gesamtproduktion gründet sich aber auch auf Trockenheit in der Elfenbeinküste und in Ghana während des Sommers.
Die Weltproduktion von Kakaobohnen ist in der Saison 2004/05 nach der jüngsten Schätzung der Internationalen Kakao-Organisation (ICCO) gegenüber der vorausgegangenen Saison von 3,522 Millionen Tonnen auf 3,289 Millionen Tonnen gesunken. Nach der Elfenbeinküste und Ghana als den führenden Produzenten finden sich Indonesien, Nigeria, Kamerun, Brasilien, Ecuador und Malaysia in der weiteren Rangfolge der Erzeugerländer.
Westeuropa an der Spitze
Der Verbrauch von Kakao wird an den Rohkakaovermahlungen gemessen, also dem Prozeß, in dem die bereits vorbehandelten Kakaobohnen zermahlen werden, um Kakaomasse zu gewinnen. Die Vermahlungszahlen aus Amerika, Westeuropa und Japan, die regelmäßig bekanntgegeben werden, neigen zu extremen Schwankungen und können daher für sich allein kein verläßliches Bild vom Kakaoverbrauch vermitteln. Sie werden erst in Verbindung mit den Aus- und Einfuhrstatistiken der Produzenten- beziehungsweise Verbraucherländer aussagefähig. Dabei ist zu beachten, daß die bedeutenden Erzeugerländer ihre Verarbeitungskapazitäten im Binnenbereich stetig ausbauen, um größere Anteile an der Wertschöpfungskette zu gewinnen.
Die ICCO schätzt die Rohkakaovermahlungen in der Saison 2004/05 in der Welt auf 3,298 Millionen Tonnen, verglichen mit 3,203 Millionen Tonnen in der vorausgegangenen Saison. An der Spitze liegt Westeuropa, gefolgt von Amerika, Asien/Ozeanien, Afrika und Osteuropa.
Text: F.A.Z., 07.01.2006, Nr. 6 / Seite 21
Bildmaterial: picture-alliance / dpa
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