Von Moira Herbst
22. November 2007 Der Flirt der Rohölpreise mit dem dreistelligen Bereich geht weiter. Nach einem neuen Tiefstand des Dollars gegenüber dem Euro am 20. November und der Ankündigung der Opec, die Fördermengen nicht zu erhöhen, sprang der Preis pro Barrel leichten Rohöls der Sorte West Texas Intermediate um 3,39 Dollar nach oben und schloss auf dem Rekordhoch von 98,03 Dollar. Im elektronischen Handel nach Börsenschluss notierten Rohölfutures gar bei 99,29 Dollar. Im bisherigen Jahresverlauf hat sich Rohöl damit um 61 Prozent verteuert.
Während Spekulanten weiterhin fieberhaft die magische 100-Dollar-Marke testen, macht sich die Sorge breit, dass hohe Ölpreise die Inflation anheizen und die Verbraucherausgaben belasten könnten. Mit Unterstützung durch Subprime-Krise, zittrige Kreditmärkte, Kursturbulenzen an der Wall Street, Spannungen mit Iran und einem immer schwächeren Dollar könnte teures Öl dazu beitragen, dass die Wirtschaft der Vereinigten Staaten in eine Rezession abgleitet.
Teures Öl - der Anreiz zum Investieren steigt
Doch ein Ölpreis von 100 Dollar hat nicht nur Schattenseiten. Viele Analysten sehen in hohen Ölpreisen sogar den für die Wirtschaft dringend notwendigen Schub zur Verringerung von Treibhausgasemissionen und zur Steigerung der Energieeffizienz. Wird Öl teurer, steigt der Anreiz für neue Investitionen in energieeffiziente und erneuerbare Alternativen. Die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit von Hybridfahrzeugen oder von Zellulose-Äthanol nimmt zu. Höhere Ölpreise steigern außerdem den Druck auf den amerikanischen Kongress, neue Gesetze zur Förderung erneuerbarer und sauberer Energiequellen in größerem Stil auf den Weg zu bringen.
Der wichtigste Effekt des teuren Öls ist, dass es den Wunsch verstärkt, aktiv zu werden, sagt Josh Dorner, Sprecher der amerikanischen Naturschutzorganisation Sierra Club. Es geht nun darum, die sowohl für Umwelt als auch für Verbraucher am besten geeignete [Energie]Politik zu finden und die Suche nach Alternativen voranzutreiben.
Mais-Äthanol soll den Maisgürtel wiederbeleben
Es herrscht allerdings großer Dissens darüber, welche alternativen Energien bei weiter ansteigenden Ölpreisen zur Deckung der Nachfrage geeignet wären. Befürworter von Mais-Äthanol argumentieren, dass dieser Biokraftstoff sauberer als Benzin sei und dass eine Ausweitung des Maisanbaus zur Revitalisierung des Maisgürtels im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten beitragen würde.
Doch während die amerikanische Regierung mit Nachdruck die Verwendung von Mais-Äthanol propagiert, verliert sie in der öffentlichen Wahrnehmung angesichts der ökonomischen und ökologischen Kosten dieses Kraftstoffs an Boden. Vielversprechender wäre nach Expertenmeinung die energieeffizientere und umweltfreundlichere Produktion von Äthanol aus Rohrzucker und Holzchips. Andere vom starken Ölpreisanstieg profitierende Alternativen sind Hybridfahrzeuge, Kraft-Wärme-Kopplung und Brennstoffzellentechnologien.
Ölalternativen: Wehe, wenn die Politik entscheidet
Welche Energieformen Unterstützung finden, hängt zum Teil auch davon ab, wie die Politik bei der Gestaltung der Marktlandschaft eingreift. In diesem Sommer wurden vom amerikanischen Senat und vom Repräsentantenhaus Energiegesetze verabschiedet, die unter anderem eine Erhöhung des Anteils erneuerbarer Kraftstoffe und eine Steigerung der Energieeffizienz vorsehen. Nach Auffassung von Dorner und anderen dürften derartige Gesetze bei Ölpreisen über 100 Dollar angesichts der hohen Kostenbelastung der Verbraucher stärkeren Anklang finden.
Experten warnen jedoch vor übereilten und unüberlegten Maßnahmen: Ölpreise über 100 Dollar erzeugen eine 'Nicht zuschauen, sondern handeln'-Einstellung, so Craig Pirrong, Professor für Finanzen und Energiemärkte am Bauer College of Business der Universität von Houston. Meine Sorge ist, dass Politiker Finanzmittel ziellos einsetzen und sich in wenig praktikable politische Maßnahmen verrennen. Die Verteilung ihrer Finanzmittel könnte von politischem und nicht von wirtschaftlichem Kalkül bestimmt sein.
Die Ölpreise schwanken seit 148 Jahren
Manche Befürworter erneuerbarer Energien warnen, dass Veränderungen in der Energiepolitik nur aufgrund von Ölpreisen über 100 Dollar angesichts der Marktvolatilität zu kurz greifen. Die Ölpreise schwanken seit 148 Jahren - man sollte sich mittlerweile daran gewöhnt haben, sagt Amory Lovins, Geschäftsführer und Chef-Wissenschaftler des amerikanischen Energieforschungsinstituts Rocky Mountain Institute. Einhundert Dollar teures Öl wäre zwar psychologisch hilfreich, ist aber nicht erforderlich.
Nach Ansicht von Lovins können Unternehmen auch ölpreisunabhängig von einem stärkeren Umweltbewusstsein profitieren, weshalb die vielversprechendsten Entwicklungen bei Energieeffizienz und Alternativen im privaten Sektor entstehen dürften. Unternehmen wie Wal-Mart und Boeing haben mit der Verringerung von Treibhausgasemissionen begonnen, indem sie Veränderungen beim Management ihrer Logistikkette und bei der Entwicklung effizienterer Produkte vorgenommen haben. Unternehmen erkennen, dass sich stärkeres Umweltbewusstsein in barer Münze auszahlen kann. Der private Sektor tut das, was er am besten kann - Geld verdienen, so Lovings. Ehe sich Washington versieht, haben die Unternehmen die Probleme bereits in Angriff genommen.
Die Erschließung neuer Ölreserven
Doch die Suche nach Möglichkeiten der Energieversorgung in einem Umfeld steigender Ölpreise endet nicht bei Energieeffizienzsteigerung und erneuerbaren Energien. Solange Öl mit der 100-Dollar-Marke flirtet, wird die Exploration neuer Ölreserven vorangetrieben. Unternehmen haben nun starke Anreize, schwerer zugängliche Vorkommen wie Ölsandvorräte oder Tiefseelagerstätten zu erschließen, selbst wenn dieses Öl schwerer und qualitativ nicht so hochwertig wie leichtes Rohöl mit niedrigem Schwefelgehalt sein sollte. So verkündete beispielsweise der staatliche brasilianische Ölkonzern Petrobras vor kurzem, ein gewaltiges Ölfeld vor der Küste des Landes in mehreren tausend Metern Tiefe entdeckt zu haben.
Die Zeit des billigen Öls, die ab Mitte der achtziger Jahre einsetzte und sich in den neunziger Jahren fortsetzte, schuf keinerlei Anreize, neue Vorkommen zu erschließen und Investitionen in die Förderung vorzunehmen, sagt Stephen Schork, Energieberater und Redakteur von The Schork Report, einem Börsenbrief mit Schwerpunkt auf Energiemärkte. Der Anstieg der Ölpreise setzt dieser Lethargie ein Ende und fördert die Erschließung weiterer Ölreserven.
Irgendwann schrumpft die Öl-Preisblase
Ölkonzerne wie ExxonMobil, BP and ConocoPhillips erhöhen bereits ihre Investitionen in derartige Projekte. ExxonMobil-Chef Rex Tillerson fordert die amerikanische Regierung auf, die stärkere Ausbeutung der in den Vereinigten Staaten vorhandenen Ölvorräte zuzulassen, da Alternativen in einer Welt mit knappem Ölangebot und hohen Preisen nur bedingt als Problemlöser taugen. Zwar sollten alle wirtschaftlich nutzbaren Energiequellen herangezogen werden, um mit der steigenden Nachfrage Schritt zu halten, fossile Brennstoffe - Öl, Gas und Kohle - werden jedoch aufgrund ihres Volumens, ihrer Verlässlichkeit und ihrer Erschwinglichkeit bis weit in dieses Jahrhundert eine beherrschende Rolle spielen, so Tillerson am 12. November in einer Rede auf dem Weltenergiekongress in Rom.
Eine andere Folge teuren Öls ist natürlich ein Sinken der Preise. Da hohe Ölpreise zu Änderungen der Entscheidungen von Verbrauchern, Unternehmen und Investoren führen, wird die Nachfrage zurückgehen und zumindest etwas Luft aus der aufgeblähten Preisblase entweichen lassen. Dieser Markt ist langfristig nicht haltbar, meint Fadel Gheit, leitender Energieanalyst beim Investmenthaus Oppenheimer. Wenn sich der Preis für ein Gut in kurzer Zeit verdoppelt, können sich Menschen und Volkswirtschaften nicht so schnell darauf einstellen. Die Frage ist indes nicht, ob, sondern wann und wie stark die Preise zurückgehen werden.
Text: Business Week Online
Bildmaterial: BP, Deka, F.A.Z., FAZ.NET, IEA