03. Juli 2009 Der Glaube an die Effizienz der Märkte hat in den vergangenen Monaten wegen der Finanzkrise gelitten. Am Freitag dürften frische Zweifel aufkommen. Denn es wurde bekannt, dass der Ölmarkt manipulationsanfällig ist.
Ein einzelner Händler habe in den vergangenen Tagen mit nicht genehmigten Spekulationen den Preis für Rohöl ungewöhnlich weit nach oben getrieben und seinem Arbeitgeber, dem Londoner Brokerhaus PVM International Oil Brokers & Consultants, Verluste im Wert von sechs Millionen Pfund beschert, meldet The Times in ihrer Online-Ausgabe. Der Mann, ein erfahrener Händler des Hauses, wurde vom Dienst suspendiert.
Einzelner Ölhändler ging illegal große Positionen ein
Im Rahmen der Ereignisse wurden am Dienstag dem 30. Juni im asiatischen Handel Öl-Terminkontrakte mit einem Volumen von umgerechnet 16 Millionen Fass Öl innerhalb von gerade einmal einer halben Stunde gehandelt. Diese Menge entspricht nicht nur dem Doppelten dessen, was Saudi Arabien an einem Tag fördert, sondern normalerweise gehen im asiatischen Handel weniger als eine Million Barrel Öl um.
PVM bezeichnet sich selbst als global führenden, unabhängigen Ölhändler. Das Unternehmen wurde im Jahr 1971 gegründet und handelt nach eigenen Angaben täglich Öl in Mengen von mehr als 100 Millionen Barrel. Die Gruppe, die Büros in London, Wien, Singapur, New Jersey und Houston unterhält, beschäftigt nach Angaben auf ihrer Webseite 16 Futures-Händler, 15 Berater und 65 so genannte OTC-Broker. Sollte das Personalverhältnis auf die gehandelten Volumina schließen lassen, so lässt sich erahnen, welche Dimensionen die Positionen erreichen können, die mit maßgeschneiderten Ölkontrakten eingegangen werden.
Solche Positionen tauchen in den wenigsten Statistiken auf, die die spekulative Positionierung von Marktteilnehmern offenlegen oder analysieren lassen könnten. Aus diesem Grund erscheint der Preisauftrieb der vergangenen Monate in einem ganz anderen Licht. Nach einer massiven Preiskorrektur im vergangenen Jahr lief der Ölpreis unbeirrt von 33,9 Dollar im Dezember des vergangenen Jahres auf bis zu 72,7 Dollar je Fass der Sorte WTI Ende Juni 2009 nach oben. Der Dezember-Future der Sorte Brent erreichte einen Spitzenpreis von 72,3 Dollar je Barrel Öl.
Ölnachfrage wurde lange Zeit deutlich überschätzt
Mit der fundamentalen wirtschaftlichen Lage jedoch ließ sich diese Entwicklung kaum vereinbaren. Denn die Weltwirtschaft ist schwach und bremst die Energienachfrage. Sie zwang selbst die Internationalen Energie Agentur, die nicht gerade bekannt ist für defensive Schätzungen, wiederholt dazu, ihre Nachfrageschätzungen massiv nach unten zu nehmen. Noch im Jahr 1997 war sie davon ausgegangen, die durchschnittliche tägliche Ölnachfrage werde in den Jahren 2009 bis 2013 bei 91,7 Millionen Barrel liegen. Im Dezember 2008 reduzierte sie die Schätzung zunächst auf 89,2 Millionen Barrel, um sie in der vergangenen Woche sogar auf 85,6 Millionen Barrel zu senken. Das heißt, sie hat sich nur um knapp sieben Prozent verschätzt.
Seit Monaten machen Regierungen offiziell gegen spekulative Exzesse mobil. Wie wenig alle Beteuerungen und Bemühungen bislang nützen, hat ein nun ein einzelner Mann bewiesen. Gezielte Betrügereien dieser Art lassen sich kaum vermeiden. Solche Ereignisse legen nicht zwingend nahe, Handelsaktivitäten dieser Art zu unterbinden. Allerdings muss wohl das Risikomanagement - der Fall erinnert an den Fall Kerviel bei der Société Générale (siehe auch: Serie Finanzskandale: Jérôme Kerviel und die Société Générale) - und vor allem auch die Transparenz verbessert werden. Nur wenn klar wird, welche Marktteilnehmer wann welche Positionen haben, lassen sich auch Preisblasen identifizieren.
Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.
Text: @cri
Bildmaterial: AFP, Diapason Commodities, FAZ.NET