04. Februar 2007 Der Yen macht Furore. Während nach Meinung europäischer Spitzenpolitiker die jüngste Schwäche der japanischen Währung und die dadurch drohenden Verzerrungen an den Märkten auf die Agenda des Treffens der Finanzminister der sieben größten Industrienationen (G7) in Essen Ende dieser Woche gehört, zeigen Tokio und Washington diesem Vorschlag die kalte Schulter. Die amerikanische Regierung betrachtet die vergangenen Abwertungsrunden des Yen noch gelassen. Japans Finanzminister Koji Omi erklärte, der Yen werde nicht auf der Tagesordnung des Gipfeltreffens stehen.
Das begründete sein Stellvertreter Hiroshi Watanabe damit, dass Japan an den Devisenmärkten seit drei Jahren nicht mehr zugunsten eines schwachen Yen interveniert habe. Bis zum Jahr 2004 hatte Tokio binnen weniger Monate Yen für umgerechnet mehr als 235 Milliarden Euro auf die Märkte geworfen. Mit dieser Summe wollte die Regierung der in Deflation und Wachstumsschwäche gefangenen weltweit zweitgrößten Volkswirtschaft auf die Sprünge helfen. Gepaart mit tiefgreifenden Strukturreformen im Inland und einer schnell wachsenden Nachfrage auf den für Japan so wichtigen Exportmärkten, hatten die bis dahin beispiellosen Manipulationen am Devisenmarkt Erfolg.
Japanische Unternehmen profitieren doppelt vom schwachen Yen
Seitdem wächst die Wirtschaft kräftig, der Handelsüberschuss steigt, und der Nikkei-Aktienindex notiert so hoch wie lange nicht. Kein Wunder, verbuchen Unternehmen wie Toyota oder Honda doch Rekordüberschüsse. Da sie einen Großteil ihrer Gewinne im Ausland erzielen, kommt ihnen die Yen-Schwäche entgegen. Toyota könnte in diesem Geschäftsjahr den höchsten Gewinn eines japanischen Unternehmens erzielen. Kojo Endo vom Bankhaus Credit Suisse beziffert den zusätzlichen Gewinn, den Honda für jeden Yen, den die japanische Währung gegenüber dem Dollar abwertet, auf 75 Millionen Euro. So erhöhte der Autobauer seine Prognosen für dieses Geschäftsjahr gerade.
Vor dem Hintergrund der angesprungenen Konjunktur leitete die Tokioter Notenbank im März 2006 erste Bremsmanöver ihrer fünf Jahre zuvor gelockerten deflationsbekämpfenden Geldpolitik ein. Im Juli erhöhte sie erstmals wieder leicht die Leitzinsen. Dennoch verlor in den darauffolgenden Monaten der Yen rasch an Wert. Mittlerweile werden für einen Dollar mehr als 120 Yen gezahlt. Gegenüber dem Euro wertete der Yen im Jahresvergleich 10 Prozent ab. Ende Januar kostete die europäische Gemeinschaftswährung die Rekordsumme von 158 Yen. "Der Yen ist die am stärksten unterbewertete Währung", meinte Uwe Wächter von der Dekabank. Das verschaffe japanischen Unternehmen auf den Weltmärkten erhebliche Vorteile.
Das rief europäische Politiker auf den Plan. Jean-Claude Juncker, Vorsitzender der sich zur Euro-Gruppe versammelten EU-Minister, versucht, das Thema auf die Tagesordnung des G-7-Treffens in Essen zu bringen. Unterstützung erhält er aus Paris und Rom. Dagegen zeigen sich die Amerikaner gelassen. In einer Anhörung vor dem Bankenausschuss des Senats sagte Finanzminister Henry Paulson zwar, dass der die Kursentwicklung der japanischen Währung zum Dollar "sehr, sehr aufmerksam" verfolge. Doch er wies darauf hin, dass der Yen auf "einem offenen Marktplatz auf der Grundlage wirtschaftlicher Fundamentaldaten gehandelt wird". Darum sei er derzeit auch nicht besorgt, dass der Yen zum Dollar in sechs Monaten 5 Prozent an Wert verloren habe.
Carry Trades belaufen sich auf mehrere hundert Milliarden Dollar
Gründe für den schwachen Yen seien jüngst verringerte Wachstumsprognosen, die dadurch fortgesetzte Niedrigstzinspolitik der Bank von Japan (BoJ), sowie Nettokapitalabflüsse und entsprechend aufgebaute Spekulationspositionen großer Hedge-Fonds an den Devisenmärkten, meint Martin Schulz vom Fujitsu Research Institut. Sie versuchten, durch gezielte Kapitalumschichtungen unterschiedliche Zinsniveaus zwischen den Währungsräumen zu nutzen. Betragen doch die Leitzinsen in Amerika derzeit 5,25, in Europa 3,5 und in Japan nur 0,25 Prozent. So verschulden sich Anleger massiv in niedrigverzinsten Yen und investieren die Mittel in Regionen mit höheren Zinsen wie Amerika oder Europa.
Nach Einschätzung von Fachleuten belaufen sich diese sogenannten Carry Trades auf mehrere hundert Milliarden Dollar. Die Bank of Japan ist sich des Problems bewusst. Standen doch vor den Finanzkrisen Ende der neunziger Jahre ähnlich hohe Beträge in den Büchern der Fonds-Branche. Gouverneur Toshihiko Fukui sagte: "Wir sind auf der Hut." Allein mit Taten lässt er auf sich warten, ein Zinsschritt blieb bislang aus.
Die BoJ hält aufgrund zuletzt enttäuschender Konjunkturzahlen den Tagesgeldsatz so niedrig wie möglich. Der damit einhergehenden Aufrechterhaltung der Zinsunterschiede zu Amerika und Europa folgen aber immer neue Carry-Trades, erläutert Jun Ishii von der Mitsubishi-Bank. Das lastet auf dem Yen. Der Exportindustrie des Inselreichs kommt das weiterhin zugute. Daher ist es kein Wunder, daß japanische Politiker die Yen-Abwertung aus allen Debatten auf dem G-7-Treffen heraushalten wollen.
Dabei bauen sie auf die verbale Hilfe Washingtons. Amerikas Finanzminister Paulson machte klar, dass die größere Aufmerksamkeit der amerikanischen Regierung dem Austauschverhältnis zwischen dem Dollar und dem chinesischen Yuan gelte. Vor dem Senatsausschuss verteidigte Paulson seine Strategie, in Verhandlungen und Gesprächen mit China eine Änderung des Wechselkursregimes zu erreichen, so dass eine deutliche Aufwertung des Yuan zum Dollar möglich werde. Dies verspreche mehr Erfolg als die Verhängung von Handelssanktionen gegen China.
Text: F.A.Z., 05.02.2007, Nr. 30 / Seite 13