Energie & Rohstoffe

Märkte ohne Orientierung

Von Gerald Braunberger

23. Mai 2008 Die Hausse nährt die Hausse. Die Gültigkeit dieses alten Börsenspruchs lässt sich derzeit am Ölmarkt beobachten. Spätestens mit dem am Donnerstag erreichten Preis von 135 Dollar für ein Barrel (159 Liter) stellt sich die Frage, ob alle optimistischen Prognosen für die Konjunktur und die Aktienmärkte nicht einer Korrektur bedürfen.

Dabei hatte in den vergangenen zwei Monaten alles so schön ausgesehen. Aus den Banken waren Einschätzungen zu hören, die Finanzmarktkrise sei zwar vielleicht noch nicht beendet, doch das Schlimmste wohl überwunden. Zeitgleich erweckten Konjunkturdaten diesseits und jenseits des Atlantiks den Eindruck, dass die Vereinigten Staaten vielleicht doch haarscharf einer Rezession entgehen könnten und die deutsche Wirtschaft dank einer prächtig laufenden Industrie einer deutlichen Verlangsamung des Wirtschaftswachstums entgehen könnte. Seit der Veröffentlichung eines unerwartet hohen Wirtschaftswachstums von 1,5 Prozent für das erste Quartal 2008 haben mehrere Forscher ihre Prognose für das Wachstum im Gesamtjahr erhöht.

Prozyklisches Denken im Wesen der Menschen angelegt

Prozyklisches Denken scheint im Wesen der Menschen angelegt zu sein. Es äußert sich unter anderem in der Eigenart, nur jene ökonomische Daten zu berücksichtigen, die in das eigene Bild passen, und alle anderen Daten zu ignorieren und für irrelevant zu erklären. Als die Finanzmarktkrise wütete, einzelne Kreditmärkte geradezu kollabierten und selbst große Banken zu wackeln schienen, hatten die Schwarzseher Konjunktur. Von den Vereinigten Staaten ausgehend, wurde das Szenario eines Einbruchs der Weltkonjunktur an die Wand gezeichnet, während gleichzeitig verängstigende Bürger sich mit physischem Gold eindeckten.

In den vergangenen zwei Monaten erhielten die Optimisten wieder Aufwind. Der Ölpreis erreicht einen Rekordpreis nach dem anderen? Ach was, das haut heute doch keine Konjunktur mehr um. Der Euro wertet kräftig gegenüber dem Dollar auf? Was soll's, die deutsche Exportmaschine läuft doch bei jedem Wechselkurs.

Man fühlt sich angesichts solcher Einschätzungen an das Ende der neunziger Jahre erinnert, als inmitten des Booms der "new economy" selbst angesehene Ökonomen plötzlich erklärten, es gäbe von nun an keinen Konjunkturzyklus mehr, sondern nur noch einen lang anhaltenden Aufschwung. Nicht lange danach brach die Konjunktur zusammen.

Die gegenwärtige Lage der Weltwirtschaft ist durch ein außerordentlich hohes Maß an Unsicherheit gekennzeichnet. Die von den Märkten und aus den Statistischen Ämtern kommenden Daten sind zum Teil widersprüchlich und schwer zu interpretieren. Es ist schwer vorstellbar, dass diese Unsicherheit in den kommenden Monaten verschwindet.

Ölpreis außer Rand und Band geraten

Zum Beispiel die Finanzmarktkrise: Es ist richtig, dass sich die Lage an den Kreditmärkten etwas entspannt hat und die Banken in Zukunft möglicherweise weniger Wertberichtigungen vornehmen müssen als in den vergangenen Quartalen. Aber die Banken misstrauen sich noch immer, und nicht wenige sitzen auf hohen Beständen an forderungsbesicherten Wertpapieren und Übernahmekrediten, für die sie noch keine Käufer gefunden haben. Bis das Finanzsystem wieder einwandfrei funktioniert, werden wohl noch Monate vergehen.

Oder die Rohstoffmärkte: Auch hier hatte sich die Lage in den vergangenen Monaten etwas beruhigt; nicht wenige Preise waren sogar deutlich gefallen. Aber nun ist der Ölpreis außer Rand und Band geraten, und niemand weiß, wohin seine Reise geht. Eine zumindest vorübergehende Korrektur erscheint ebenso plausibel wie ein weiterer Anstieg, der dann wirklich weh tun würde. Derzeit jedenfalls bestimmen die Haussiers den Preis.

Das größte Risiko für die Weltkonjunktur dürfte die Inflation darstellen. Dass die Zentralbanken nicht unmittelbar gegen Preiserhöhungen von Energieträgern und Nahrungsmitteln vorgehen können, ist unumstritten, auch wenn deren Bedeutung erheblich ist. Eine Erhöhung der Energiekosten um 10 Prozent führt in Deutschland zu einem Anstieg der Inflationsrate um einen ganzen zusätzlichen Prozentpunkt.

Aber die Zentralbanken müssen wenigstens verhindern, dass sich die Erwartung einer dauerhaft hohen Inflation verfestigt. Inwieweit ihnen das gelingt, hängt von der jeweiligen Perspektive ab. Für den Mann oder die Frau auf der Straße wirkt die aktuell ausgewiesene Inflationsrate von gut 3 Prozent angesichts stark steigender Benzin- und Nahrungsmittelpreise schon heute wie eine statistische Manipulation (obwohl sie durchaus korrekt berechnet wird). Die Teilnehmer an den Finanzmärkten vertrauen hingegen den großen Zentralbanken immer noch, wie recht niedrige Renditen für Staatsanleihen belegen.

Sollte das Wirtschaftswachstum nachlassen, werden die Inflationsgefahren es den Zentralbanken erschweren, mit niedrigeren Zinsen gegenzuhalten. Die konjunkturstimulierende Wirkung einer expansiven Finanzpolitik wäre nach aller Erfahrung bescheiden. Es kann noch ganz schön ungemütlich werden.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: FAZ.NET

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