Von Christoph Hein, Singapur
09. August 2007 In immer mehr asiatischen Volkswirtschaften macht sich eine Tendenz zur Einschränkung eines freien Kapitalverkehrs breit. Gerade erst hat Indien die Kreditaufnahme im Ausland beschränkt. Die indische Landeswährung Rupie verlor daraufhin kräftig an Wert: Kostete ein amerikanischer Dollar am Dienstagabend, vor Bekanntgabe der neuen Richtlinien, noch 40,41 Rupien, so wurde er am Mittwochmorgen für 40,82 Rupien gehandelt. Indien wehrt sich gegen eine überbordende Liquidität aus dem Ausland.
Die Zentralbank von Indien folgt einem wachsenden regionalen Trend zu Kapitalverkehrskontrollen, stellt Stewart Newnham von Morgan Stanley fest. Eingriffe in den Devisenverkehr bringen das Risiko mit sich, Autonomie in der Geldpolitik zu verlieren. Interessanterweise steht Indien damit nicht alleine. Die meisten asiatischen Länder stehen vor demselben politischen Dilemma, warnt Sonal Varma von der Investmentbank Lehman Brothers.
Verschiedene Länder, gleiches Problem
Gerade erst hat Südkoreas Zentralbank die Zufuhr von Auslandskapital eingeschränkt. Der Trend macht Sorge. Es mutet fast ironisch an, dass, während die Gütermärkte im Zuge der Globalisierung weiter geöffnet werden, die Öffnung der Kapitalmärkte teilweise zurückgeschraubt wird. Die Entwicklung ist noch jung und hat deshalb keine großen Auswirkungen gezeigt. Aber wir denken, sie passt nicht gut zu langfristigen Wachstumsperspektiven, warnt Newnham.
Auch die Militärdiktatur in Thailand hatte im Dezember Kapitalverkehrskontrollen eingeführt. Nach einem drastischen Einbruch am Aktienmarkt dort nahm sie sie allerdings weitgehend zurück.
Alle Schwellenländer Asiens stehen vor dem Problem, dass höhere Inflationsraten und damit steigende Zinsen zu wachsendem Interesse an Krediten im Ausland führen. Zugleich werten die asiatischen Währungen dank wachsender Auslandsinvestitionen und Anlagegelder an den Börsen rasch auf und lassen die Kredite im Ausland gleich doppelt attraktiv erscheinen.
Beschränkungen für die Unternehmen
Die indische Regierung hatte am Dienstagabend erklärt, heimische Unternehmen dürften nur noch bis zu 20 Millionen Dollar im Ausland aufnehmen. Alle darüber liegenden Beträge müssten jenseits der indischen Landesgrenzen ausgegeben werden - etwa für die Übernahme von Unternehmen oder zur Einkaufsfinanzierung. Auch schon für die Aufnahme und den Transfer von bis zu 20 Millionen Dollar im Ausland brauchen indische Unternehmen eine Genehmigung der indischen Zentralbank.
Bestehende Kreditvereinbarungen bleiben von den neuen Regeln unberührt. Die Maßnahmen zielen in erster Linie darauf ab, die überkochenden Kapitalzuflüsse zu beruhigen. Hohe Zinsen und die Aufwertung der Rupie hat die Kreditaufnahme im Ausland für Unternehmen reizvoll gemacht, sagt Varma.
Indische Devise auf einem Neun-Jahres-Hoch
Vor der Entscheidung war die indische Rupie auf ihr Neun-Jahres-Hoch gegenüber dem Dollar gestiegen. Mit einem Wertzuwachs von 8,8 Prozent ist die Rupie diejenige asiatische Währung, die in diesem Jahr am meisten gegenüber dem Dollar aufgewertet hatte.
Der hohe Kurs der eigenen Währung hatte zu heftiger Kritik und auch Gewinnwarnungen indischer Exporteure geführt. So nahmen gerade indische Vorzeigeunternehmen wie der Softwaredienstleister Infosys in den vergangenen Wochen ihre Prognosen zurück (F.A.Z. vom 12. Juli).
Export-Unternehmen leiden unter Devisenmarkt
In der Branche heißt es, ein einprozentiger Kursanstieg der Rupie verringere die Gewinnspannen indischer Export-Unternehmen um bis zu einen halben Prozentpunkt. Asiens drittgrößte Volkswirtschaft ist im ersten Quartal des Jahres um 9,4 Prozent gewachsen, das schnellste Wachstum seit 18 Jahren.
Die jüngste Intervention ist nur eine von vielen, mit der die Notenbank versucht, den Außenwert der Rupie zu dämpfen. Zuvor hatte sie in großem Stil Dollar gekauft und Rupien in den Markt gepumpt. Das aber ist ein gefährliches Spiel, ist sie doch zugleich bemüht, die Inflation in Grenzen zu halten.
Höhere Mindestreserve
Die Reserveanforderungen an die Banken hob sie gerade von 6,5 auf 7 Prozent an, um dem Markt Liquidität zu entziehen. Auf der anderen Seite aber blieben die Zinsen unangetastet, da die Zentralbank nicht noch mehr ausländisches Kapital ins Land strömen lassen will. Derzeit liegt der Zins für einjährige Kredite bei 7,75 Prozent. Allein in den vergangenen zwölf Monaten haben die Kapitalzuflüsse aus dem Ausland nach Indien 61,3 Milliarden Dollar betragen. Die Auslandsreserven Indiens stehen nun bei 225,4 Milliarden Dollar.
Text: F.A.Z., 09.08.2007, Nr. 183 / Seite 21
Bildmaterial: AFP, AP, F.A.Z.