Energie & Rohstoffe

Unsicherheit treibt Anleger in Rohstoffe - Öl auf Rekordniveau

Geht die Ölversorgung tatsächlich zur Neige?

Geht die Ölversorgung tatsächlich zur Neige?

11. Juli 2008 Die vom schwachen amerikanischen Immobilienmarkt ausgehende Kredit-, Wirtschafts- und Finanzkrise nimmt immer drastischere Ausmaße an. Darauf deuten die massiven Kursverluste der vergangenen Tage bei amerikanischen Finanzwerten ebenso hin, wie die wieder auflebende Flucht aus dem Dollar und hinein in die Rohstoffmärkte.

Die Papiere der beiden Hyothekarriesen Fannie Mae und Freddie Mac gehen alleine am Freitag 45 und 47 Prozent ihrer Werte ab. Seit Jahresbeginn haben die Aktien 18 und 87 Prozent verloren. Die Bedenken werden immer größer, die beiden Institute seien faktisch insolvent, nachdem der ehemalige Zentralbanker Bill Poole genau das in einem Interview gesagt hatte. Nach einer Zwischenkonsolidierung läuft am Devisenmarkt der Euro gegen den Dollar nach oben. Mit 1,5925 Dollar nähert sich die europäische Einheitswährung am Freitag trotz der schwachen Konjunkturzahlen in Europa und trotz einer Meldung, nach der die dänische Roskilde Bank insolvent sei und von der Zentralbank gerettet werden müsse, dem im April erreichten Allzeithoch von knapp 1,60 Dollar je Euro.

Der Ölpreis hat gewaltigen Auftrieb

Gleichzeitig hat neben anderen Rohstoffen der Ölpreis gewaltigen Auftrieb. Nach einer kurzen Zwischenkonsolidierung in den vergangenen Tagen erreicht die Sorte WTI am Freitag mit einem Preis von 146,90 Dollar je Barrel ein neues Allzeithoch und setzt damit ungeachtet aller Fundamentaldaten den Aufwärtstrend der vergangenen Jahre fort.

Gründe dafür lassen sich beliebig finden. Neu aufkommende Befürchtungen über Versorgungsengpässe hätten am Freitag den Ölpreis wieder auf Rekordniveau steigen lassen, argumentieren die Nachrichtenagenturen. Neben anhaltenden Spannungen zwischen dem Iran und dem Westen rückten Analysten zufolge weitere Schauplätze in den Fokus der Investoren. „Es gibt Probleme in Brasilien, was ja eine der aufstrebenden Ölnationen ist, wegen eines Streiks“, sagte LBBW-Analyst Frank Schallenberger. Arbeiter von Petrobras hätten einen fünftägigen Arbeitskampf angedroht, von dem alle Offshore-Plattformen der Firma betroffen wären. Diese decken rund 80 Prozent der täglichen Ölproduktion des Landes ab. Daneben bleibe der wichtigste afrikanische Ölexporteur Nigeria anfällig für gewaltsame Ausschreitungen, sagte Schallenberger. Rebellen haben eine Vereinbarung über einen Waffenstillstand im ölreichen Niger-Delta aufgekündigt.

Die zunehmende Unsicherheit unter den Investoren ließ die Nachfrage nach den vermeintlich sicheren Häfen ansteigen. Der Preis für Gold stieg bis auf knapp 952 Dollar je Feinunze und liegt damit wieder auf dem Niveau vom April. Noch Anfang der Woche hatte sich der Preis zeitweise um 912 Dollar bewegt. Analysten verwiesen auf die Nachrichten um die Schwierigkeiten bei den beiden führenden amerikanische Hypothekenfinanzierern Freddie Mac und Fannie Mae, die den Dollar unter Druck gesetzt hätten. Dies habe den Goldpreis beflügelt.

Steigende Preise bei Edel- und Industriemetallen

Unter den Industriemetallen stieg der Blei-Preis um 120 Dollar bis auf 2.070 Dollar je Tonne. Damit hat sich der Preis allein im Wochenverlauf um knapp 30 Prozent verteuert. Commerzbank-Analyst Eugen Weinberg zufolge könnte beim Blei ähnlich wie bei Aluminium Produktionsprobleme bevorstehen. Hintergrund seien Energieengpässe in China, einem wichtigen Produzenten. In Reaktion auf die Energieprobleme haben sich bereits die 20 führenden Aluminium-Produzenten des Landes darauf geeinigt, die Produktion ab Juli um bis zu zehn Prozent zu drosseln. Damit sollten höhere Preise durchgesetzt sowie Energie eingespart werden. China ist der mit Abstand weltweit führende Aluminium-Produzent, die 20 Unternehmen tragen mehr als 70 Prozent zur Gesamtproduktion des Landes bei. Kupfer kostete 8.310 Dollar je Tonne und damit 60 Dollar mehr als im späten Vortagesgeschäft. Generell gehen Experten davon aus, dass angesichts der Kursverluste an den Aktienmärkten Anleger verstärkt ihre Renditechancen am Rohstoffmarkt suchen.

Experten warnen jedoch davor, solche Tendenzen auf die Zukunft zu extrapolieren. „In den vergangenen Monaten gab es hohen Druck auf die amerikanische Notenbank Fed, die Zinsen niedrig zu halten und viel billiges Geld auszugeben, aber das wird die Inflation anheizen. Die Preise an den Rohstoffmärkten sind in die Höhe geschossen, als die Leitzinsen gesenkt wurden. Vielleicht sehen wir dort die nächste Blase,“ erklärt beispielsweise Nobelpreisträger Vernon Smith in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (siehe auch: Nobelpreisträger Vernon Smith warnt im Interview vor Preisblasen).

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @cri
Bildmaterial: BCA Research, dpa, FAZ.NET, Standard & Poor's 2008

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