Devisenmarkt

Abwertung des britischen Pfund beschleunigt sich

Von Bettina Schulz, London

Entwertung der Queen

Entwertung der Queen

17. November 2008 Die Abwertung des britischen Pfund nimmt dramatische Ausmaße an. Allein in den vergangenen zehn Tagen ist der Wechselkurs gegenüber dem Euro um fast 10 Prozent eingebrochen. Innerhalb eines Jahres hat die britische Währung damit 18 Prozent an Wert eingebüßt. Seit Mitte vergangenen Jahres, dem Ausbruch der Finanzkrise, verbilligte sich die britische Währung sogar um 27 Prozent. Das Pfund war Ende vergangener Woche auf 85 Pence je Euro gefallen - umgerechnet ein Wert von ehemals 2,29 D-Mark. Das Rekordtief aus dem Jahr 1995 liegt bei 2,17 DM.

Die rasante Abwärtsbewegung des Pfund wurde beschleunigt, als die Bank von England vor anderthalb Wochen den Leitzins unerwartet deutlich um 150 Basispunkte von 4,5 auf 3 Prozent senkte. Damit war das Zinsniveau Großbritanniens erstmals unter das Zinsniveau im Euro-Raum gefallen. Weitere Zinssenkungen bis auf ein Niveau von einem Prozent werden bis Frühjahr nächsten Jahres nicht ausgeschlossen.

Schock saß bei Briten tief

Die Analysten von Barclays Capital glauben daher, dass sich der Wechselkurs des Pfund kurzfristig noch weiter abschwächen wird. Für langfristig orientierte Anleger sei das Kursniveau allerdings derzeit schon extrem günstig für einen Einstieg, denn im kommenden Jahr sollte sich der Wechselkurs gegenüber dem Euro und anderen Währungen wieder erholen.

Am Wochenende löste der finanzpolitische Sprecher der Opposition, George Osborne, einen Sturm der Entrüstung aus, als er warnte, eine ausufernde Staatsverschuldung könnte einen Vertrauensverlust in die Währung und eine Flucht aus dem Pfund auslösen. Von Seiten der Regierung und aus den Reihen der Konservativen Partei fing sich Osborne scharfe Kritik ein, weil der Zustand der Währung vor allem in Krisenzeiten von Politikern nicht diskutiert werden sollte.

In Großbritannien wird auf das Thema Wechselkurs extrem empfindlich reagiert. 1967 wertete das Pfund unter Premierminister Harold Wilson um 15 Prozent ab. 1992 wurde Großbritannien sogar gezwungen, aus dem Europäischen Wechselkurssystem (EWS) auszutreten, weil sich der damalige Schatzkanzler Norman Lamont aus nationalem Prestigedenken schlicht weigerte, das Pfund innerhalb des EWS von seinem zentralen Wechselkurs von 2,95 D-Mark abzuwerten. Selbst ein Zinssatz von 15 Prozent konnte letztlich nicht verhindern, dass Großbritannien das EWS am 16. September 1992 verließ. Dieser Schock saß bei den Briten so tief, dass sie der Europäischen Währungsunion fernblieben.

Beitritt Großbritanniens zur Währungsunion?

Gordon Brown stellte als Schatzkanzler der neuen Labour-Regierung später fünf Bedingungen auf, die erfüllt sein müssten, bevor Großbritannien eine Teilnahme an der Währungsunion in Erwägung ziehen kann. Grundsätzlich sei die Regierung für eine Teilnahme an der Währungsunion. Aber: die Konjunkturzyklen von Großbritannien und der Währungsunion müssten übereinstimmen; es müsse in Krisenzeiten ausreichend Flexibilität gewährleistet sein; die Währungsunion müsse im langfristigen Interesse britischer Unternehmen sein; die Wettbewerbsfähigkeit der Londoner City müsse gewährleistet bleiben und eine Mitgliedschaft müsse sich positiv auf den britischen Arbeitsmarkt auswirken. Die fünf Bedingungen sind bewusst schwammig formuliert, um der Regierung maximalen Ermessensspielraum zu geben.

Nach der Finanzkrise in Irland und den Wechselkurserschütterungen Dänemarks ist in Großbritannien nun eine verhaltene Diskussion darüber entbrannt, ob das Land als Mitglied der Währungsunion in dieser Krise besser abgeschnitten hätte oder jetzt abschneiden würde. „Ganz offensichtlich nicht“, heißt es in der Tageszeitung „The Times“, die dem Euro skeptisch gegenüber steht. Wie viele Briten hofft sie, dass die starke Abwertung des Pfund dem Land hilft, sich mit Hilfe des Exports und einem verstärkten Kapitalzufluss aus der Rezession zu befreien.

Befürworter eines Euro-Beitritts wie Professor Willem Buiter von der London School of Economics (LSE) sind der Ansicht, die britische Kreditblase sei geplatzt, die Sonderentwicklung der extremen Hausse vorbei, die Zeit der Immobilienblase, der britischen Hochzinskultur, der extremen Privatverschuldung in Großbritannien und der Überbewertung der Währung jetzt beendet. Das Experiment des angelsächsischen Sonderweges sei gescheitert und ein Beitritt Großbritanniens zur Währungsunion daher nur opportun. „Grundsätzlich ja, aber nicht jetzt“, lautet das Votum von Pragmatikern wie Simon Tilford, Chefvolkswirt des Centre of European Reform.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, F.A.Z.

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