Energie & Rohstoffe

Öl: Die neue Realität

Von David Wyss

09. Juli 2008 Rund um den Globus zerren die hohen Ölpreise am Geldbeutel der Verbraucher. Und auch wenn die Preise kurzzeitig nachgeben sollten, sind sich die meisten Experten darin einig, dass die Tage des billigen Treibstoffs gezählt sind und auf lange Sicht ein weiterer steiler Preisanstieg realistisch ist. Kann die Ölproduktion mit der wachsenden Nachfrage insbesondere in Indien und China Schritt halten? Werden rechtzeitig Alternativen zur Verfügung stehen? Viele Fragen, wenige Antworten. Einzig an Ungewissheit herrscht kein Mangel.

Anfang Juli stieß der Ölpreis mit 145 Dollar pro Fass auf ein neues Rekordhoch vor. Viele Beobachter sind der Überzeugung, dass der Preis höher ist, als es Angebot und Nachfrage rechtfertigen würden. Der Aufwärtstrend hält jedoch an. Zudem bleiben Lageraufbau und deutlicher Verbrauchsrückgang als übliche Symptome übermäßig hoher Rohstoffpreise aus.

Standard & Poor's rechnet nach wie vor damit, dass die Preise kurzfristig sinken, sich jedoch in einem zyklischen Aufwärtstrend entwickeln werden. Im Zuge des Wirtschaftswachstums in Asien nimmt die Nachfrage weiter zu. Das Ölangebot wächst dagegen nur langsam, was unter anderem daran liegt, dass sich der weitaus größte Teil der weltweiten Reserven in der Kontrolle staatlicher Ölgesellschaften befindet, für die ein geringerer Anreiz zur Produktionsausweitung besteht. Die noch im Boden schlummernden Ölreserven sind in ihrem Volumen zwar nicht bekannt, aber zweifellos endlich.

Asien: Starkes Nachfragewachstum

Die Energienachfrage in Asien ohne Japan steigt deutlich stärker als in den Industrieländern. Während der Ölverbrauch in den Vereinigten Staaten im Zeitraum 2000-05 mit einer Jahresrate von 1,8 Prozent und in Westeuropa mit gerade einmal 0,4 Prozent zunahm, legte er im Asien-Pazifik-Raum um 3,0 Prozent zu. Diese relativen Wachstumsraten werden in den kommenden 25 Jahren vermutlich fortgeschrieben. Für das laufende Jahrzehnt gehen Prognosen von einem Anstieg der Energienachfrage Chinas auf 9,9 Prozent aus, was fast dem Doppelten der mittleren Zuwachsrate im Asien-Pazifik-Raum entspricht. Für das Jahr 2030 dürfte der Energieverbrauch Asiens höher sein als der von Nordamerika und Europa zusammen.

Die Energieintensität (der Energieverbrauch einer Volkswirtschaft in Relation zum Bruttoinlandsprodukt (BIP)) befindet sich mit Ausnahme Japans in den meisten asiatischen Ländern auf hohem Niveau. China, Taiwan und Südkorea liegen in der Nähe des weltweiten Durchschnittswerts (BIP-Vergleich auf Kaufkraftbasis), während Japan einer der energieeffizientesten Staaten der Erde ist. Indien und die anderen aufstrebenden asiatischen Volkswirtschaften gehen mit Energie dagegen weitaus weniger effizient um. Sie haben jedoch den Vorteil, dass sie gegenüber dem internationalen Durchschnitt generell stärker kohle- und weniger ölabhängig sind. Während die Weltenergieproduktion zu 37 Prozent auf flüssige Energieträger zurückgeht, liegt dieser Anteil in einer Gruppe asiatischer Staaten, die gegenwärtig nicht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) angehören, bei nur 29 Prozent. Zu dieser Gruppe zählen alle Staaten der Region außer Japan, Australien, Neuseeland und Südkorea. Der Anteil der Kohle an der gegenwärtigen Energieproduktion Asiens beträgt 55 Prozent, im weltweiten Durchschnitt liegt er bei lediglich 27 Prozent. Allein auf China entfallen 40 Prozent des weltweiten Kohleverbrauchs, weshalb das Land bereits einen größeren Anteil an den globalen Treibhausgasemissionen stellt als die Vereinigten Staaten. Selbst wenn das Reich der Mitte seine Energieproduktion durch Atomkraft bis zum Jahr 2030 voraussichtlich um das Achtfache gesteigert haben wird, hängt seine Wirtschaft weiterhin primär am Tropf der Kohle.

Viele asiatische Länder subventionieren die Energie

Viele dieser Länder, namentlich China und Indien, subventionieren den Energieverbrauch durch staatlich kontrollierte Strom- und Benzinpreise. Damit wurden diese Volkswirtschaften von den gravierendsten Auswirkungen der Energiepreissteigerungen verschont, was jedoch mit einer geringeren Energieeffizienz erkauft wurde. Diese Subventionen dürften nach und nach abgebaut werden. Bei den Benzinpreisen wurde die staatliche Preiskontrolle in China bereits gelockert.

Nach Prognosen der amerikanischen Energieinformationsbehörde (EIA) steigt der Bedarf der nicht der OECD angehörenden asiatischen Länder bis zum Jahr 2030 um jährlich 3,2 Prozent oder um insgesamt 119 Prozent. Etwa die Hälfte des Zuwachses dürfte hierbei auf die Kohle entfallen; 2030 wird der Kohleverbrauch Asiens fast das Doppelte des Verbrauchs der OECD-Staaten betragen. Der Verbrauch flüssiger Energieträger steigt zwar etwas langsamer als der Gesamtverbrauch, die nicht der OECD angehörenden asiatischen Länder werden in diesem Zeitraum aber dennoch für 73 Prozent des Anstiegs der Ölnachfrage verantwortlich sein.

Die Nachfrage der asiatischen OECD-Staaten wird mit einem Jahreszuwachs von lediglich 0,7 Prozent moderat ausfallen und dem OECD-Durchschnitt entsprechen. Japan wird eines der weltweit energieeffizientesten Länder bleiben. Aufgrund des negativen Bevölkerungswachstums und des geringen BIP-Anstiegs wird Japans Energiebedarf mit durchschnittlich nur 0,1 Prozent pro Jahr nur geringfügig zunehmen. Der Energieverbrauch in Südkorea, Australien und Neuseeland wird in diesem Zeitraum dagegen stärker steigen.

Amerika: Stärker unter Druck

Im Jahr 2005 verbrauchten die Vereinigten Staaten 22 Prozent der weltweit produzierten Energie und sie sind auch weiterhin weltgrößter Energieverbraucher. Da die Mineralölsteuer in Amerika relativ niedrig ist, leidet das Land an einer der größten prozentualen Steigerungen der Energiekosten. In der Folge kommt es zu einem stärkeren Nachfragerückgang als in den meisten anderen Industriestaaten, und viele Amerikaner stehen unter höherem Druck, wenngleich sich schwer feststellen lässt, ob der Hauptgrund hierfür in den Energiekosten oder den Eigenheimpreisen zu suchen ist.

Die Gesamtenergieintensität der Vereinigten Staaten befindet sich nahe des weltweiten Durchschnitts, der Energieverbrauch pro Kopf ist jedoch so hoch wie in keinem anderen Land der Erde. Im Zuge ihrer Entwicklung neigen Volkswirtschaften aufgrund von Veränderungen der Industriestruktur zu einer rückläufigen Energieintensität. Länder mit geringer Bevölkerungsdichte weisen jedoch aufgrund höherer Transportkosten tendenziell höhere Energiekosten auf. Die Energieintensität von Kanada oder Australien ist beispielsweise ähnlich hoch wie jene der Vereinigten Staaten, und alle drei Länder liegen deutlich über dem Niveau von Japan und Europa, die zwar ein vergleichbares BIP, aber eine sehr viel höhere Bevölkerungsdichte aufweisen.

Die EIA prognostiziert für die kommenden 25 Jahre einen Anstieg des amerikanischen Energieverbrauchs von jährlich 0,7 Prozent, was in etwa dem Durchschnitt der OECD-Staaten entspricht. Kohle wird einen größeren Anteil an der Energieproduktion einnehmen, während der Ölanteil von derzeit 40 Prozent auf dann 37 Prozent sinken wird. Dieser erwartete Anstieg impliziert für die nächsten 25 Jahre einen annähernd unveränderten Pro-Kopf-Verbrauch.

Europa: Höhere Mineralölsteuern und höhere Zinsen

Europa ist beim Energieverbrauch relativ effizient, was voraussichtlich auch in den kommenden Jahrzehnten der Fall sein wird. Die EIA rechnet mit einem jährlichen Anstieg der europäischen Energienachfrage von lediglich 0,5 Prozent, während der Ölverbrauch um minimale 0,1 Prozent pro Jahr zunehmen wird. Auf Pro-Kopf-Basis ist der Trend jedoch vergleichbar mit der Situation in Amerika.

Hohe Mineralölsteuern haben Europa energieeffizienter und seine Volkswirtschaften weniger anfällig für Ölpreissteigerungen werden lassen. Zum einen ist hier der Anteil von Energie am BIP geringer als in den Vereinigten Staaten, zum anderen führen die hohen Steuern dazu, dass sich eine Veränderung der Ölpreise prozentual deutlich weniger stark auf die Benzinpreise und somit auch auf die Nachfrage auswirkt. Großbritannien und die Niederlande können dank ihrer Nordsee-Lagerstätten den Großteil ihres Energiebedarfs selbst decken, während Frankreich aufgrund seiner großen Atomindustrie vergleichsweise wenig Energie importieren muss. Andere Staaten Europas sind jedoch stark von Energieimporten abhängig und verzeichnen entsprechend große Handelsprobleme.

Im Unterschied zur amerikanischen Notenbank (Fed) hat die Europäische Zentralbank (EZB) den Auftrag, die Gesamtinflation und nicht die um die volatilen Nahrungsmittel- und Energiepreise bereinigte Kerninflation im Blick zu behalten. Daher wird die EZB die Zinsen in Reaktion auf höhere Energiekosten anheben - trotz schwacher europäischer Volkswirtschaften. Wir rechnen mit zwei weiteren Zinserhöhungen der EZB, wodurch der Euro weiter gestärkt und die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Exportindustrie geschwächt wird. Dies wird zwar keine großen Auswirkungen auf die Volkswirtschaften Europas haben, lässt jedoch ein weiterhin verhaltenes Wirtschaftswachstum im kommenden Jahr erwarten.

Kann das Angebot mit der Nachfrage Schritt halten?

Schätzungen des künftigen Energieverbrauchs sind leichter als Antworten auf die Frage, woher das entsprechende Angebot kommen wird. So schätzt die EIA, dass der weltweite Verbrauch flüssiger Energieträger bis zum Jahr 2030 auf 112,5 Millionen Fass pro Tag steigen wird (2005: 85,6 Millionen). Hiervon werden fast drei Viertel auf den Transportbereich entfallen, wo es - zumindest bislang - wenige praktikable Alternativen gibt.

Nach Prognosen der EIA stehen diesem Nachfrageanstieg drei Angebotsquellen gegenüber: Die Produktion der Opec-Staaten dürfte um 12 Millionen Fass pro Tag zulegen, während die konventionelle Produktion außerhalb der Opec um 9 Millionen Fass und die nicht konventionelle Produktion (Ölsand, Ölschiefer, Schweröl und Biokraftstoffe) um 7 Millionen Fass steigen wird. Sehr fraglich ist dabei, ob die Produzenten den Nachfragezuwachs decken können. Die EIA liefert alternative Prognosen auf Grundlage unterschiedlicher Preisszenarien. Im Szenario mit hohen Ölpreisen (186 Dollar pro Barrel im Jahr 2030) betrüge die Nachfrage lediglich 99 Millionen Fass pro Tag, was allerdings noch immer ein Anstieg von rund 15 Millionen Barrel gegenüber 2005 wäre.

Letzten Endes ist die zukünftige Ölpreissituation nach wie vor mit starker Unsicherheit behaftet. Niemand weiß, wie viele Ölreserven noch zur Verfügung stehen oder wie teuer ihre Förderung sein wird. Prognosen über die Ölmenge in Tiefseelagerstätten sind besonders schwierig, da die Schätzungen auf alten seismischen Analysen basieren. Kohle scheint in absehbarer Zukunft ausreichend vorhanden zu sein, dürfte jedoch durch ihre hohe CO2-Intensität den Anstrengungen zur Bekämpfung der globalen Erwärmung zuwiderlaufen. Es scheint mehr als wahrscheinlich, dass die Ölpreise in 25 Jahren höher sein werden als heute. Aber werden sie nur geringfügig oder doch sehr viel höher sein? Und wie schwierig wird sich die Suche nach Alternativen gestalten? Je früher wir Antworten auf diese Fragen finden, desto leichter wird der Übergang zu einer neuen Energiewelt.

David Wyss ist Chefvolkswirt bei Standard & Poor's in New York.



Text: BusinessWeek
Bildmaterial: BCA Research, FAZ.NET, Standard & Poor's 2008

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