Wall Street

Setzt beim Dollar eine Bodenbildung ein?

Von Ben Steverman

06. Mai 2008 Unter Devisenhändlern setzt sich mehr und mehr die Wahrnehmung durch, dass der lang anhaltende Wertverfall des Dollars gegenüber anderen maßgeblichen Währungen beendet sein könnte. Am 22. April kletterte der Euro auf den Rekordwert von 1,60 Dollar. Gleichzeitig notierte der Dollar-Index - der die Wertentwicklung des Greenback gegenüber einem Korb der wichtigsten Weltwährungen aufzeigt - so schwach wie nie zuvor.

Seitdem befindet sich der Dollar jedoch in einem leichten Aufwärtstrend. Am 2. Mai wurde der Euro mit 1,54 Dollar gehandelt, während der Dollar-Index drei Prozent über seinem Rekordtief lag. „Wir denken, dass beim Dollar eine Bodenbildung einsetzt“, sagt Meg Browne, leitende Devisenstrategin bei Brown Brothers Harriman.

Die Ursachen sind die gleichen

Die Hauptursache für die jüngste Stärke des Dollars ist dieselbe, die im Laufe des vergangenen Jahres für seinen rasanten Einbruch verantwortlich war: die amerikanische Notenbank (Fed). Der Wert des Dollars geriet unter Druck, als die Fed rasche Zinssenkungen vornahm, um die Finanzkrise einzudämmen und eine Rezession in den Vereinigten Staaten zu verhindern. Der Wendepunkt könnte am 30. April eingetreten sein, als die Fed den als Schlüsselzins geltenden Satz für Tagesgeld mit 25 Basispunkten weniger stark senkte als in den Monaten zuvor. Viele rechnen damit, dass die Zentralbank nun vorerst keine weiteren Zinssenkungen vornehmen wird.

Weiteren Schub erhielt der Dollar unlängst von Hoffnungen auf eine Erholung der amerikanischen Wirtschaft in der zweiten Jahreshälfte sowie von Befürchtungen, dass sich das Wachstum von Volkswirtschaften in anderen Teilen der Welt verlangsamen und die dortigen Notenbanken zu Zinssenkungen veranlassen könnte.

Rückenwind für den Export

Für einige Politiker und populäre Kommentatoren kann sich der schwache Dollar als wunder Punkt herausstellen. Inmitten wirtschaftlicher Übel wie Finanzmarktturbulenzen, hohen Ölpreisen, sinkenden Eigenheimpreisen und rückläufigen Verbraucherausgaben gilt ein Wertverfall des Dollars als Sinnbild des sinkenden Ansehens Amerikas.

Nach Ansicht der meisten Volkswirte ist die Realität jedoch weitaus komplexer. Eine billige Währung könnte zwar Ausdruck wirtschaftlicher Schwäche sein, sie kann der Konjunktur jedoch auch Flügel verleihen. So freuen sich beispielsweise amerikanische Exporteure über die Dollarschwäche, weil damit ihre Waren im Ausland wettbewerbsfähiger werden. Dies hilft Unternehmen wie Caterpillar und Boeing, die trotz Abschwächung auf dem amerikanischen Heimatmarkt kürzlich mit starken Quartalszahlen glänzten.

Brian Gendreau von ING Investment Management verweist darauf, dass die Ausfuhren seit 2006 zusätzliche 150 Milliarden Dollar zum amerikanischen Bruttoinlandsprodukt beigetragen haben und damit einen Großteil der infolge der Schwäche auf dem Häusermarkt erlittenen Einbußen in Höhe von 170 Milliarden Dollar kompensieren.

Aufwertung der künstlich niedrig gehaltenen Währungen Asiens?

Laut L. Josh Bivens, Volkswirt des linksgerichteten Economic Policy Institute, sei der Wert des Dollars vor einigen Jahren „unhaltbar hoch“ gewesen, was den Vereinigten Staaten Millionen von Arbeitsplätzen im Verarbeitenden Gewerbe gekostet habe. Viele konservative Volkswirte stimmen mit Bivens Analyse, wenn nicht mit seinen politischen Vorschlägen überein: China und andere asiatische Staaten, die den Wert ihrer Währungen künstlich niedrig halten, sollten in harten Verhandlungen zur Aufwertung gegenüber dem Dollar gezwungen werden. Dies würde amerikanischen Exporteuren einen noch größeren Vorteil verschaffen.

Ein solcher Schritt würde sicherlich auch die Kosten für den amerikanischen Verbraucher erhöhen. Hohe Preise für Öl und andere Rohstoffe sind bereits zum Teil auf die Dollarschwäche zurückzuführen, was auf den großen Nachteil einer schwachen Währung hindeutet. Bivens zufolge hätten amerikanische Verbraucher davon profitiert. „Wir zählten darauf, dass die Dinge billiger waren als sie sein sollten“, so Bivens. Eine Anpassung sei „notwendig, um die Wirtschaft in eine Art Gleichgewicht zu bringen.“

Nur ein Teil der Wahrheit

Höhere Preise für Lebensmittel und Energie belasten die Verbraucherausgaben zum Nachteil amerikanischer Einzelhändler und Hersteller dauerhafter Konsumgüter. Höhere Kosten können jedoch auch auf die Gewinnmargen von Unternehmen drücken. Der Lebensmittelkonzern Kraft Foods und der Konsumgüterriese Procter & Gamble verkündeten vor kurzem, dass sie im Zuge höherer Rohstoffkosten zu Preisanhebungen gezwungen seien.

Natürlich ist die Schwäche einer Währung nur teilweise für die Rohstoffpreissteigerungen verantwortlich. In Dollar gerechnet ist der Ölpreis fast 17 Prozent höher als zu Jahresbeginn, doch auch in Euro beträgt der Anstieg noch immer 11,6 Prozent.

Großkonzerne profitieren vom schwachen Dollar

Michele Gambera, Chefvolkswirt der Morningstar-Tochter Ibbotson Associates, äußert sich besorgt, dass amerikanische Unternehmen, insbesondere kleine und mittelgroße Firmen, nicht genügend Rückenwind vom schwachen Dollar erhielten. Unternehmen aus den Vereinigten Staaten seien schwerfällig beim Aufspüren von Mitteln und Wegen, um hieraus Profit zu schlagen, selbst wenn „alle amerikanischen Produkte für den Rest der Welt im Sonderangebot sind“, so Gambera. „Wir profitieren nicht davon, zahlen jedoch höhere Preise für Rohstoffe und verlangsamen [durch den starken Euro] die Konjunktur in Europa“, konstatiert Gambera.

Für amerikanische Großkonzerne war der sinkende Dollar jedoch zweifellos von Nutzen. In Unternehmen mit enormen ausländischen Erlösbeiträgen, beispielsweise IBM und Intel, wirkt sich ein steigender Wert ausländischer Währungen positiv auf die Gewinne aus. „Eine deutliche Aufwärtsbewegung des Dollars würde ihr Gewinnwachstum in den kommenden Quartalen negativ beeinflussen“, so Keith Hembre, Chefvolkswirt bei First American Funds.

Künftige Richtung von zahlreichen Faktoren abhängig

Nach Einschätzung von Devisenexperten hängt die zukünftige Richtung des Dollars von einer breiten und komplexen Ansammlung von Variablen ab. Zu den Faktoren, die den Dollar weiter schwächen könnten, zählen eine größere finanzielle Instabilität amerikanischer Märkte, weitere Zinssenkungen der Fed sowie Anzeichen eines hinter den Erwartungen zurückbleibenden Wirtschaftswachstums in den Vereinigten Staaten.

Faktoren mit positiver Wirkung auf den Dollar wären Anzeichen wirtschaftlicher Stärke in Amerika, ähnlich den am 2. Mai veröffentlichten, besser als erwartet ausgefallene Arbeitsmarktdaten und Auftragseingänge für langlebige Güter oder Hinweise einer Wachstumsabschwächung anderer Volkswirtschaften mit hieraus resultierenden Zinssenkungen ausländischer Notenbanken.

Zwischenstand: Vorteil Vereinigte Staaten

Selbst wenn der Dollar seine Talfahrt beenden sollte, wird er historisch gesehen weiterhin vergleichsweise günstig bleiben. In den vergangenen fünf Jahren stieg der Euro ausgehend von einem Niveau von 1,12 Dollar um 37 Prozent. Wie jeder amerikanische Tourist auf Europareise bezeugen kann, ist auch die Kaufkraft des Dollars auf ein Niveau gesunken, das künstlich niedrig erscheint.

Auf dem Weltmarkt könnte der schwache Dollar den Vereinigten Staaten in den kommenden Jahren einen Kostenvorteil verschaffen. Für internationale Investoren und Geschäftsleute erscheinen amerikanische Arbeitnehmer und Vermögenswerte günstig. „Es werden bereits Produktionsstätten in die Vereinigten Staaten verlagert“, sagt Browne. „Nach unserer Ansicht gewinnen amerikanische Vermögenswerte aufgrund des schwachen Dollars für internationale Investoren an Attraktivität.“

Doch diese Vorteile dürften nur ein schwacher Trost sein, solange Amerika nicht zu wirtschaftlicher Stärke zurückfindet, die Häusermarkt- und Hypothekenkrise abschüttelt und die höheren Lebensmittel- und Energiepreise in den Griff bekommt. Keine leichte Herausforderung, selbst wenn der Dollar wieder auf die Beine kommen sollte.

Ben Steverman ist Reporter für den Business Week Investing Channel.



Text: Business Week Online
Bildmaterial: Bloomberg, F.A.Z.

 
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