Interview

„Wir brauchen wettbewerbsfähige Energiepreise in Deutschland“

03. April 2006 Rohstoffe sind gefragt. Das läßt sich alleine schon an der Preisentwicklung vieler dieser Produkte ablesen. Denn sie zeigt zum Teil deutlich nach oben. Auch bei Kupfer. In den vergangenen Monaten verzeichnete das Metall an der London Metals Exchange beinahe täglich neue Allzeithochs. Zuletzt am vergangenen Freitag mit einem Kurs von 5.390 Dollar je Tonne Kupfer.

Das muß aber noch nicht alles gewesen sein. Werner Marnette, Vorstandsvorsitzender der Norddeutschen Affinerie, rechnet vorerst mit einer angespannten Versorgungslage und blickt für sein Unternehmen optimistisch nach vorne. Aber er fordert auch tiefere, vor allem auch international wettbewerbsfähige Energiekosten für die deutsche Grundstoffindustrie und hat dies beszüglich hohe Erwartungen an den Energiegipfel an diesem Montag abend.

Herr Marnette, der Kupferpreis geht förmlich durch die Decke. Was ist los in diesem Markt?

Die physische Nachfrage nach Kupfer ist weiterhin sehr groß. Zunächst bestimmen die starken wachsenden Märkte in Asien, vor allem in China, das Geschehen. Aber wir spüren das jetzt auch hier in Europa, da der konjunkturelle Aufschwung hinzukommt. In Europa gibt es praktisch kein physisches Kupfer mehr, obwohl die Pipeline noch nicht ganz gefüllt ist und die Bestände niedrig sind. So eine Situation habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Das treibt insgesamt den Kupferpreis nach oben, wobei ich nicht ausschließen will, daß in der Spitze auch gewisse spekulative Kräfte dabei sind.

Wir reden vom Kupfer. Um welche Form handelt es sich dabei?

Es geht um Kupferkathoden. Das ist praktisch die erste Stufe der Kupferverarbeitung auf deren Basis auch jeden Tag der Kupferpreis festgelegt wird. Die Kathoden sind der Ausgangspunkt für die Herstellung von Kupferprodukten. Und hier ist der Markt in Europa praktisch leergefegt. Wir sehen das aber auch in unserem Markt. Gießwalzdraht und Stranggußformate laufen sehr stark.

War diese Entwicklung nicht vorhersehbar?

Wenn man sieht, welcher Nachholbedarf in China besteht und welche gewaltigen Infrastrukturprogramme dort umgesetzt werden und wenn man gleichzeitig einen gewissen Investitionsstau in Europa berücksichtigt, kann sie kaum überraschen. Dagegen dürfte der überraschend starke Preisanstieg des Kupfers schon überraschen, er lag am 31.3. immerhin bei 5.500 Dollar in der Settlement-Notierung. Aber die globale Nachfrage und das Angebot bestimmen eben die Preisentwicklung.

Es gibt Prognosen, zum Beispiel jene von Macquarie Research, die vorhersagen, daß die Unterversorgung noch das ganze Jahr anhalten werden. Sehen Sie das auch so?

Ich kann mit das sehr gut vorstellen, wenn vor allen Dingen die Konjunktur hier in Europa tatsächlich anspringen sollte. Denn in Zeiten einer verhaltenen konjunkturellen Entwicklung haben die Verarbeiter von Kupfer, also unsere Kunden, ihre Bestände möglichst niedrig gehalten. Jetzt muß diese Pipeline erst einmal aufgefüllt werden, damit Sie ihre Kunden bedienen können. Wir als Norddeutsche Affinerie, sind in einer sehr glücklichen Lage. Denn wir sind sowohl Hersteller von Kupfer aus Primärrohstoffen und Reycling-Material, als auch von Vorprodukten sind. Dadurch sind wir immer lieferfähig, während die reine Halbzeugindustrie, die auf den Kauf von Kupferkathoden angewiesen ist, arg in Bedrängnis ist.

Eine sehr guten Position!

Ja, die Norddeutsche Affinerie befindet sich also im Moment in einer guten Position. Allerdings sollte man bedenken, daß die hohen Preise auch dämpfende Effekte haben. So hat sich das Bestellverhalten unserer Kunden verändert.

Wie zeigt sich das?

Da sie die Bestände finanzieren müssen, halten sie ihre Lager klein und decken sich kurzfristiger als bisher ein. Dort, wo es nicht unbedingt auf die hochwertigen Eigenschaften des Metalls ankommt, sind zunehmend auch Substitutionseffekte in Alternativwerkstoffe zu beobachten.

Blickt man die Gewinnprognosen für Ihr Unternehmen, so scheinen die Analysten nicht mehr richtig optimistisch zu sein. Sind Sie mit steigenden Kosten, etwa für Erze, konfrontiert?

Für uns ist der Kupferpreis ein durchlaufender Posten. Wir bezahlen den Kupferinhalt in den Rohstoffen und geben den Preis in Form unserer Produkte an den Kunden weiter. Wir profitieren nicht direkt von der Preisentwicklung bei den Rohstoffen, sondern wir leben von einer Marge, die wir für die Transformation in physisches Kupfer verlangen. Wenn die Nachfrage nach Kupfer als auch der Kupferpreis hoch sind, dann steigen in der Regel auch unsere Margen.

Was die Gewinnerwartungen angeht: Wir werden im Mai die Zahlen für das erste Halbjahr vorlegen, befinden uns in voller Kontinuität des sehr guten ersten Quartals und so sind die Aussichten weiterhin gut.

Für die operative Entwicklung des Unternehmens spielen nicht nur die Rohstoffpreise eine Rolle, sondern auch die Löhne, Umweltvorschriften und auch die Energiepreise. Wie sieht es diesbezüglich aus?

Kritisch sehe ich die Entwicklung auf den Energiemärkten. Ich setze die volle Hoffnung in den Energiegipfel bei Frau Merkel. Ich erwarte, daß es da zu entsprechenden Weichenstellungen kommt.

Wie müssen die denn aussehen?

Wir befinden uns am Energiemarkt in einer wettbewerbsfreien Zone. Wir sind dem Diktat von vier übermächtigen Energiekonzernen ausgesetzt, die auch den Strompreis an der Börse in Leipzig bestimmen. Es gibt eine riesige Diskrepanz zwischen Erzeugungskosten für Strom und dem Preis, der gefordert wird über die Strombörse. Wir brauchen Wettbewerb, Transparenz und es muß Klartext geredet werden mit den Versorgern, was das „Einpreisen“ von CO2-Zertifikaten angeht. Denn der letzte kräftige Sprung beim Strompreis ist darauf zurückzuführen, daß die Energieversorger die kostenfrei zur Verfügung gestellten CO2-Zertifikate einfach in den Strompreis „eingepreist“ haben. Hier erwarte ich von Frau Merkel eine klare Aussage darüber, daß solche „Windfall-Profits“ nicht mitgenommen oder daß sie in den Bau neuer Kraftwerke investiert werden. Denn diese Gewinne stehen ihnen nicht zu.

Das heißt, die Deregulierung im Energiebereich ist schiefgelaufen und die Strompreise werden nach oben getrieben?

Ja, beides. In der vergangenen Woche ist klar geworden, wo die Erzeugungskosten für Strom in Deutschland liegen: bei etwa 24 oder 25 Euro pro Megawattstunde und die Strompreise an der Börse liegen bei 55 Euro und höher. Das heißt, wir haben keinen Erzeugerwettbewerb mehr hier in Deutschland. Hier muß politisch eingegriffen werden, denn das kostet Arbeitsplätze.

Norsk Hydro hat die Aluminiumproduktion in Hamburg aufgrund der Energiepreise dichtgemacht. Wird das bei der Norddeutschen Affinerie nicht ähnlich laufen?

Nein, denn wir bauen unser eigenes Kraftwerk auf der Basis von EBS. Das sind Ersatzbrennstoffe oder besser gesagt Müll. Es gibt aufgrund geänderter gesetzlicher Regelungen genügend energetisch verwertbare Müllfraktionen und die nutzen wir für die Befeuerung dieses Kraftwerks zur dezentralen Energieversorgung und als Reaktion auf das Oligopol am deutschen Energiemarkt. Das ist traurig genug, denn das dafür notwendige Geld würde ich viel lieber in die Erzeugung und Verarbeitung von Kupfer stecken.

Ist das auch eine langfristige Lösung?

Wir kommen auf ein Preisniveau was bei etwa der Hälfte dessen liegt, was die Strombörse fordert.

Zurück zum Kupfermarkt. Ist der transparent?

Ja, der Handel geht über die Comex in New York oder die LME in London, die Lagerbestände müssen veröffentlicht werden.

Es gibt in Deutschland nicht nur eine Diskussion über die Energiepreise, sondern neuerdings auch über die Rohstoffversorgung. Wie sehen Sie das?

In Deutschland ist die Rohstoffpolitik in den vergangenen Jahren völlig vernachlässigt worden. Wir sind jedoch ein rohstoffarmes Land und sie sehen am Beispiel von Aluminium - Norsk Hydro geht mit der Produktion an den persischen Golf, wo der Strompreis nur ein Bruchteil des deutschen ist - daß uns ganze Stufen aus der Wertschöpfungskette herausbrechen, wenn die Rahmenbedingungen zu stark verschlechtert werden.

Wie muß eine „Rohstoffpolitik“ in Deutschland aussehen?

Man muß als erstes einmal erkennen, wie wichtig die in der Regel energieintensive Grundstoffindustrie ist. Denn da sind zur Zeit aufgrund der oligopolistisch entstandenen hohen Strompreise rund 600.000 Arbeitsplätze gefährdet.

Sie hoffen auf den konjunkturellen Aufschwung. Werden hohe Rohstoff- und Energiekosten in diesem Zusammenhang nicht zu einem Bumerang und dämpfen die Entwicklung?

Ich glaube, mit einer vernünftige Energie- und Rohstoffpolitik ist vieles zu erreichen. Man muß es politisch nur wollen.

Läßt sich das an einem Beispiel festmachen?

Wir haben gegenüber der Bundesregierung schon oft klar gemacht, daß zum Beispiel die Chinesen ständig gegen die WTO-Regeln verstoßen, indem sie den europäischen Markt für Kupferschrotte leer kaufen, während sie die eigenen Märkte protektionistisch abschotten.

China ist für Ihr Unternehmen ein interessantes Stichwort. Denn sie sind dort aktiv.

Ja, wir wollen vom dortigen Wachstum profitieren und wir haben die Möglichkeit, gemeinsam mit einem chinesischen Privatinvestor am Bau einer Hütte und eines Drahtwerkes mitzumachen. Aber wir müssen natürlich ausgesprochen vorsichtig sein.

Sind denn die rechtlichen Rahmenbedingungen so fest und so sicher, daß man sich darauf verlassen kann als Unternehmer?

Das ist genau der Punkt. Die Chinesen sind schwierige Vertragspartner. Aus diesem Grund setzen wir nicht nur einseitig auf China, sondern überlegen uns beispielsweise auch, in einem anderen Land mit soliden rechtlichen Rahmen- und günstigen Kostenbedingungen zu investieren, um trotzdem vom China-Boom profitieren zu können. In diesem Zusammenhang werden auf dem Energiegipfel industriepolitische Weichen gestellt, auch für unser Unternehmen.

Wie würden Sie Ihre Erwartung an den Energiegipfel auf den Punkt bringen?

Er muß sicherstellen, daß international wettbewerbsfähige Energiepreise für die deutsche Wirtschaft zur Verfügung gestellt werden.

Ist das machbar?

Aber ja!

Das Gespräch führte Christof Leisinger



Text: @cri
Bildmaterial: FAZ.NET, picture-alliance/ dpa/dpaweb, The Chart Store

 
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