Rohstoffe

China will eine Rohstoffreserve anlegen

10. Mai 2006 Der anhaltende Rohstoffboom treibt immer weitere Blüten. Das zeigt sich nicht nur an den am Mittwoch erreichten Rekordpreisen bei Kupfer, Zink, Gold, Silber und Platin, sondern auch an der Ankündigung Chinas, eine strategische Rohstoffreserve aufbauen zu wollen.

Statt die Verschwendung zu reduzieren, wilde Spekulationen zu vermeiden und statt auf innovativere Technologien zu setzen scheint das Land blind auf den angeblichen Lebensstandard der westlichen Industriestaaten schielend einfach den verschwenderischen Umgang nicht nur kopieren, sondern auch noch in der Dimension übertreffen zu wollen.

Rasante wirtschaftliche Expansion auf Kosten der Effizienz

Als ob es nicht möglich wäre, elektronische Geräte mit geringerem Energiebedarf, modernere Autos mit weniger Input oder intelligentere Gebäude und Infrastrukturprojekte zu entwickeln, als sie bisher im Westen üblich sind. Dabei dürfte klar sein, daß sich die Verhaltens- und Verbrauchsmuster der Europäer und vor allem auch der rücksichtslos konsumierenden Amerikaner nicht auf den gesamten Globus werden übertragen lassen, ohne entweder das Ökosystem dramatisch zu belasten oder ohne die Preise für viele dieser Güter weiter zunehmen zu lassen - oder beides zugleich.

In diesem Sinne und auch mit Blick auf die ökonomische Irrationalität, die sich unter anderem in industriellen Überkapazitäten und riesigen, aber an sich überflüssigen Währungsreserven zeigt, läßt fragen, ob sich das Land nicht auf dem Holzweg befindet.

So sollen unter anderem Metalle wie Uran, Kupfer, Aluminium oder auch die seltener vorkommenden Wolfram und Mangan gehortet werden, um „einen Puffer gegen Angebotsstörungen schaffen,“ wie es so schön heißt. Die Reserven sollen ein „ausreichendes“ Volumen haben, teilte das Ministerium für Land und Bodenschätze mit. Konkrete Volumenziele wurden nicht bekannt.

„China ist auf einer neuen Stufe der Industrialisierung angelangt“, sagte Metallanalyst Zhou Ming von Guotai Junan Securities in Shanghai der Nachrichtenagentur Bloomberg. „Wenn China im internationalen Handel mitreden und seine Interessen wahren will, muß es von den Schlüsselrohstoffen der Welt einen ausreichenden Teil kontrollieren. Nur so läßt sich das Wachstum untermauern.“ Deutlicher kann man die strategische Orientierung kaum formulieren.

Das Reich der Mitte ist der weltweit größte Verbraucher von Stahl, Kupfer und Aluminium. Gleichzeitig stieg das chinesische Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal des laufenden Jahres um 10,2 Prozent. Beides zusammen trägt zusammen mit spekulativen Phänomenen dazu bei, daß viele Metallpreise immer neue Rekordwerte erreichen. Kupfer erreichte am Mittwoch in London ein Allzeithoch von 8.010 Dollar je Tonne und verteuerte sich alleine im Jahr 2006 bislang um 71 Prozent. Der Zinkpreis legte seit Jahresbeginn um etwas mehr als 80 Prozent zu auf zuletzt 3.470 Dollar je Tonne und Nickel verteuerte sich 43,5 Prozent auf zuletzt 19.950 Dollar je Tonne.

Die Charts von Gold, Silber, Platin und zuletzt auch bei Palladium zeigen ebenso nach oben, wie jener von Öl. Pläne zum Aufbau einer strategischen Ölreserve hatte Peking bereits angekündigt. Sie soll noch in diesem Jahr angelegt werden.

Mißmanagement bei der Verwaltung von Reserven

In die geplante Rohstoffreserve werden Staat und Unternehmen gemeinsam investieren, kündigte das Ministerium für Land und Bodenschätze an. Wer die Reserven verwalten soll, wurde nicht erläutert. Gegenwärtig kontrolliert das State Reserves Bureau die Rohstoffreserven des Landes, darunter die Bestände an Kupfer und Stahl. Allerdings nicht sonderlich erfolgreich. Denn seit Ende des vergangenen Jahres verlor das Amt hunderte Millionen Dollar, da staatliche Händler mit Leerverkäufen gegen den Markt auf fallende Metallpreise gesetzt hatte. Da diese jedoch auf Rekordniveau stiegen, ging die Spekulation nicht auf, und die eingegangen Verpflichtungen mußten teuer beglichen werden.

Neben dem Aufbau der Reserven soll die Exploration von Rohstoffressourcen in China beschleunigt werden. Das Volumen der nachgewiesenen Vorkommen des Aluminium-Grundstoffs Bauxit soll um 200 Millionen Tonnen steigen, die Eisenerzreserven um fünf Milliarden Tonnen, die Kupfererzvorkommen um 20 Millionen Tonnen. Die nachgewiesenen Ölreserven sollen um 4,5 Milliarden bis fünf Milliarden Tonnen erhöht werden. Bei Erdgas ist der Ausbau um zwei bis 2,25 Billionen Kubikmeter geplant, bei Kohle eine Reservensteigerung um 100 Milliarden Tonnen.

Das hört sich alles gigantisch an. So dürfte es kaum verwundern, daß auch die Anleger auf die entstandenen Trends aufgesprungen sind, immer mehr Gelder in diesem Bereich investiert haben und auf diese Weise den Preisauftrieb noch beschleunigt haben. Allerdings stellt sich die Frage nach der Nachhaltigkeit. Denn erstens führen hohe Preise zu einem zunehmenden Angebot. Zweitens kommt es zu Ausweicheffekten. Dritten kommen zunehmend neue Technologien auf den Markt, die die Verwendung teurer Materialien deutlich reduzieren oder gar ersetzen.

In diesem Sinne dürfte es ratsam sein, sich von der gegenwärtigen Euphorie nicht überrollen zu lassen und schnell zu reagieren, wenn es zu einer deutlichen Korrektur kommt. Die Historie zeigt, daß sie unvermeidlich ist und unter Umständen deutlich ausfallen kann.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @cri
Bildmaterial: FAZ.NET, The Chart Store, Thechartstore.com

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