Edelmetalle

Physische Nachfrage treibt den Goldpreis

20. Februar 2007 Der Goldpreis befindet sich seit Jahresbeginn in einer soliden, sehr geordnet verlaufenden Aufwärtsbewegung. Nichts deutet gegenwärtig auf spekulative Übertreibungen hin, wie sie hier in der jüngeren Vergangenheit häufig zu beobachten waren. Dies schließt zwar kurzfristige Rückschläge nicht aus, doch Händler aus dem physischen Markt zeigen sich zuversichtlich. Auch technische Analysten äußern sich ähnlich. Für die anderen börsengehandeltenen Edelmetalle Silber, Platin und Palladium klingen die Prognosen ähnlich, allerdings handelt es sich hierbei um überwiegend industriell genutzte Rohstoffe. Die Nachfrage hängt hier wesentlich von der Entwicklung der Weltkonjunktur ab, während der Bedarf für Anlagezwecke gering bis nicht erwähnenswert ist.

Am Goldmarkt gilt als wichtigstes Ereignis der jüngsten Zeit, dass die die Nachfrageseite stark prägenden Schmuckhersteller und ihre Kunden den im vergangenen Jahr entstandenen Preisschock scheinbar überstanden haben. Er war eingetreten, als die Notierungen von März bis in die erste Mai-Dekade hinein von rund 540 auf fast 750 Dollar je Feinunze emporgeschossen waren. Nachdem die Hausse gekippt war, fielen der Preis bis in den Juni hinein auf deren Ausgangspunkt zurück, um sich in einem neuen Anlauf innerhalb von etwa vier Wochen wieder auf gut 675 Dollar zu erholen. Dort liegt der Preis auch jetzt. Der eindeutig spekulativ bestimmte Preisanstieg von Anfang 2006 lösten bei der Schmucknachfrage einen Schock aus. Schmuckproduzenten gaben ihre Erzeugnisse sogar zum Einschmelzen ab, weil sie so mehr erzielen konnten als über einen direkten Verkauf.

Barren und leicht handelbaren Münzen mit Währungscharakter gefragt?

Umstritten ist unter Händlern noch immer, ob der Schock einer Gewöhnung an höhere Goldpreise gewichen ist oder ob die Gold-Nachfrage auf einer breiteren Basis steht. Unbestritten ist aber, dass die seit Jahresbeginn ganz entgegen der saisonalen Tendenz zu beobachtenden Preissteigerungen ihre Ursache in einer höheren physischen Nachfrage haben. Da zeitnahe und dazu noch einigermaßen zuverlässige Statistiken nicht zur Verfügung stehen, versuchen Analysten sich aus Händlerberichten ein Bild von den tatsächlichen Gegebenheiten zu verschaffen. Hier fällt besonders auf, dass seit Wochen von regem Interesse am physischen Markt in Asien gesprochen wird. Die am häufigsten zu vernehmende Begründung lautet, der rasch wachsende Reichtum in dieser Region bewege eine zunehmende Anzahl von Anlegern, ihr Vermögen zu streuen und dabei auch physisches Gold anstelle von Papiergeld angemessen zu berücksichtigen. Dies ist das klassische, eher abstrakte Argument für den Erwerb von Gold in Form von Barren und leicht handelbaren Münzen mit Währungscharakter. In der gegenwärtigen Lage kommen nun aber konkrete Ungleichgewichte an den internationalen Finanzmärkten hinzu, die Engagements in herkömmlichen Anlageformen (Wertpapiere) immer riskanter erscheinen lassen. Als Risiken werden derzeit besonders die "Carry Trades" bezeichnet, ein - im Einzelfall schwer zu überblickendes - Geflecht aus Hausse- und Baissepositionen, das sich unter Einbeziehung von Derivaten über alle Anlagekategorien erstrecken kann.

Daneben stellt der amerikanische Dollar wegen der hohen internen und externen Defizite Amerikas schon seit langem ein großes Risiko dar, das nach herrschender Meinung nur über eine angemessene Abwertung dieser Valuta bereinigt werden kann. Gold verhält sich gegenüber dem Dollar tendenziell wie eine Währung. Wertet der Dollar ab, steigt der Goldpreis, wertet er dagegen auf, dann fällt der Preis für das Edelmetall. Bemerkenswert an der aktuellen Situation ist, dass sich der Goldpreis, in amerikanischer Währung betrachtet, seit Jahresbeginn in der Spitze um fast 15 Prozent erhöht hat, während der Dollar, gemessen an seinem handelsgewichteten Index (Dollar-Index), in der Spitze um 5 Prozent aufgewertet hat. Diese Diskrepanz stützt die These, dass die physische Nachfrage nach dem Edelmetall dessen Preisentwicklung in der gegenwärtigen Phase ohne Rücksicht auf die aktuellen Bedingungen an der Währungsseite entscheidend bestimmt. Käme eine ausgeprägtere Dollarschwäche hinzu, könnte der Goldpreis nach Ansicht von Händlern kräftig steigen.

Gold als Schutz gegen eine Krise des Währungssystems

Die Gold-Haussiers glauben eine weitere Trumpfkarte in der Hand zu haben. Sie fragen sich schon seit langem, wann jene asiatischen Länder, die sich durch inzwischen drückend hohe Leistungsbilanzüberschüsse und entsprechend belastende Dollar-Reserven auszeichnen, dazu übergehen, den Anteil von Gold in ihren Währungsportfolios zu erhöhen. Dies wäre allein deshalb sinnvoll, weil sie sich damit bis zu einem gewissen Grad gegen die, wie es heißt, unausweichlich kommende Abwertung des Dollar absichern könnten. Doch es wäre für die in Dollar schwimmenden asiatischen Länder auch für den Fall von Vorteil, über angemessene Goldreserven zu verfügen, dass die zunehmenden Ungleichgewichte im internationalen Währungsgefüge eines Tages auch eine Neuordnung des weltweiten Währungssystems erzwingen könnten. Bei einer solchen Neuordnung würde wohl kein Weg an einer Beteiligung von Gold als stützendem und disziplinierendem Pfeiler vorbeiführen, erklären einige Gold-Haussiers.

Text: hi., F.A.Z., 20.02.2007, Nr. 43 / Seite 21
Bildmaterial: F.A.Z., FAZ.NET, GFMS, Plexus Asset Management

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