Industriemetalle

Aufwärtstrend an Metallmärkten birgt Risiken

China kauft weiter Kupfer - ob sich das rechnet, ist eine andere Frage

China kauft weiter Kupfer - ob sich das rechnet, ist eine andere Frage

08. Mai 2007 Die Märkte für Basismetalle zeigen sich in den vergangenen Wochen wieder deutlich fester. Blei und Nickel laufen derzeit von einem Allzeithoch zum nächsten. Selbst Kupfer hat sich soweit von der Depression erholt, in die es nach dem Mai 2006 gefallen war, dass die alten Höchststände schon wieder in greifbare Nähe gerückt sind.

Auch wenn der Preis des roten Metalls am Dienstag den zweiten Tag hintereinander fällt, nachdem ein Streik in Peru beendet wurde und die Produktion in dem Andenstaat ein 27-Monats-Hoch erreicht hat, so sehen einige Analysten kein Ende des positiven Trends.

Fonds treiben ohne Asiaten die Preise hoch

Obwohl am Basismetallmarkt eine leichte Abkühlung fällig scheine, sei der Bullenlauf des zweiten Quartals noch nicht zu Ende. Analyst Glyn Lawcock von der UBS meint, die Metallpreise sollten sich zwar jetzt etwas abschwächen. Da sich der Markt aber in der üblicherweise stärksten Periode vor dem Sommer befinde, werde sich die feste Verfassung wohl noch halten.

Vor allem die Abwesenheit Chinas und Japans habe, so die Ansicht an den Märkten, zu dem rapiden Anstieg der Preise beigetragen. Da die Liquidität entsprechend ausgedünnt war, beruhte ein Gutteil der Gewinne bei vielen Metallpreisen in der vergangenen Woche auf der Erwartung, dass chinesische Marktteilnehmer bei ihrer Rückkehr an den Markt aggressiv kaufen würden. Robin Bhar von UBS vermutet, dass die Chinesen ihre Shortpositionen eindecken werden. Infolgedessen würden die derzeitigen Gewinne gehalten und noch höhere Preise getestet werden.

Zumal sich an der knappen Versorgungslage bei Blei und Nickel sich nichts geändert hat, betrachtet man die rekordtiefen Lagerbestände an der Londoner Metallbörse. Auch für Kupfer sind sie in den vergangenen Wochen nach unten gegangen. Die Nachfrage aus China werde trotz der höheren Preise robust bleiben. Letztlich sei das Land auf diese Metalle angewiesen, sagen Analysten. Die Bau- und Industrieprojekte, sofern sie unter solchen Preisvoraussetzungen überhaupt lebensfähig seien, würden fortgesetzt.

China kann die Nachfrage nicht dämpfen

Dabei sind auch mittlerweile die Sorgen gering, wie China auf das Preisniveau reagieren wird. Ursprünglich waren Befürchtungen laut geworden, die Regierung können angesichts des starken Wachstums ihre Maßnahmen zur Konjunkturdämpfung intensivieren.

Derartige Schritte stellen nach Ansicht von Metallhändlern und Analysten aber keine Gefahr für den chinesischen Basismetallverbrauch in diesem Jahr dar. Denn wenn das Land die Zinsen anhebe, so erhöhe dies die Attraktivität von Anlagen in Renmibi und ziehe so noch mehr Liquidität ins Land. „China ist nicht in der Lage, die Liquidität in größerem Ausmaß zurückzudrängen. Dazu gibt es zuviel sogenanntes heißes Geld“, sagt Bonnie Liu, Analystin bei Macquarie Research.

Zudem würde dies, so die Expertin, nur die Importe reduzieren, aber nicht die Exporte dämpfen: „Da der Handelsüberschuss eine wichtige Quelle für Devisenreserven ist, würden sich die chinesischen Liquiditätsprobleme dadurch nur verschlimmern.“ Macquarie Research prognostiziert für den Verbrauch von Kupfer in China im laufenden Jahr ein Plus von zehn Prozent und bei Blei von 15 Prozent. Grund sei die Zunahme der Investition in Sachanlagen im Vorfeld der Olympischen Spiele im Jahr 2008.

Es gibt genug Kupfer

Doch nicht überall ist die Stimmung so rosig. Andere Analysten prognostizieren für eine Rückkehr der chinesischen Marktteilnehmer aus den Ferien sogar eine Konsolidierung der Preise. Der Kassamarkt sei weiterhin gut versorgt. Von Dow Jones NE-Metalle Monitor befragte Einkäufer rechnen in der zweiten Jahreshälfte mit sinkenden Kupferpreisen. Für sie sei der Preisanstieg fundamental nicht nachvollziehbar. Es sei weltweit genug Material da.

Zwar spreche gegen einen starken Preisverfall die Erwartung, dass die chinesischen Marktteilnehmer sich wieder eindeckten, wenn der Kupferpreis ein bestimmtes, niedrigeres Niveau erreicht habe. Doch das verhindere nur, dass Kupfer unter 6.500 Dollar je Tonne falle. Auch bei den sinkenden Lagerbeständen handele es sich lediglich um eine Verschiebung von London nach Schanghai.

Auch die Analysten der Commerzbank sehen keine Anzeichen für eine Kupferknappheit und rechnen daher mit einem Preisrückgang. Nach den jüngsten Zahlen des World Bureau of Metal Statistics (WBMS) sei die Nachfrage weltweit nur um 1,7 Prozent gestiegen, während das globale Kupferangebot um neun Prozent gestiegen sei, so dass der Kupfermarkt zu Jahresbeginn einen deutlichen Überschuss aufgewiesen habe. Und Chile, der weltgrößte Kupferproduzent, hat im März 502.106 Tonnen Kupfer produziert - 13 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.

Substitution bedroht Nickelhausse

Auch mehren sich die Stimmen, die von einer Blase sprechen, wie etwa Metallhändler David Threlkeld von Resolve, der schon 1996 den drastischen Preiseinbruch am Kupfermarkt vorhergesagt hatte. Wie viele Einkäufer sieht auch er am Markt erneut eine enorme Menge nicht verkauften Kupfers.

Selbst Investmentbanken wie Goldman Sachs oder JP Morgan warnen davor, dass die Zeit der steigenden Metallpreise vorbei sein dürfte. Bis zum vierten Quartal soll der durchschnittliche Kupferpreis um 30 Prozent auf 5650 Dollar je Tonne sinken, prognostizierten Analysten in einer Bloomberg-Umfrage. Die Preise von Nickel und Blei dürften sich etwa halbieren.

Stephen Roach, Chefvolkswirt von Morgan Stanley, rechnet mit negativen Auswirkungen einer chinesischen Leitzinserhöhung, und wie andere „Metall-Bären“ darob mit einer schwächeren Nachfrage aus China zusätzlich zu einer Abkühlung aus den Vereinigten Staaten.

Auch für Nickel befleißigen sich die Analysten eher eines gewissen Pessimismus. Der Markt sei auf dem gegenwärtigen Niveau schlicht überhitzt, meint die Commerzbank. Stahlhersteller stellten auf Edelstahlvarianten mit verringertem Nickelgehalt oder gar auf nickelfreie Varianten um. In vielen Anwendungsbereichen werde zudem auf galvanisierten Stahl auf Zinkbasis umgestellt, was wiederum steigende Zinkpreise erwarten lasse. Indes sieht die Internationale Blei- und Zinkstudiengruppe auf dem Zinkmarkt noch einen Überschuss.

Weiter heile Welt für Blei?

Jon Bergtheil, Leiter der Abteilung Metallstrategie bei JPMorgan sieht den durchschnittlichen Nickelpreis in diesem Jahr auf 35.328 Dollar je Tonne fallen, nach 51.600 Dollar 2006. Analysten von Goldman Sachs sehen den Nickelpreis Ende nächsten Jahres auf 30.000 Dollar fallen. Beide Banken sehen eine zunehmende Substitution des Legierungsmetalls durch die Stahlhersteller. Edelstahlproduzenten stornierten bereits Bestellungen.Der südkoreanische Stahlkonzern Posco will die Produktion von nickelfreiem Edelstahl im nächsten Jahr verfünffachen.

Dagegen soll am Bleimarkt nach Ansicht der Internationale Blei- und Zinkstudiengruppe ein Defizit bestehen, das sich nach Ansicht der Macquarie Bank aufgrund von verschiedenen Angebotsstörungen noch verschärfen könnte, so dass die Analysten für den Rest des Jahres und bis ins Jahr 2008 hinein mit einer festeren Tendenz rechnen.

Am Optimismus an den Märkten, die von Finanzinvestoren und einer staatlich gelenkten Wirtschaft bestimmt werden, kann man sich daher nur wenig freuen. Selbst wenn die fundamentalen Aussichten für Blei besser sein sollten als für Nickel oder Kupfer, so könnte es sein, dass sich auch das Schwermetall einem Abwärtstrend nicht entziehen kann.

Chinesische Wirtschaft führerlos?

Für die Metalle und die Annahme, dass Preiskorrekturen nicht die prognostizierte Dramatik entfalten, spricht indes die vergleichsweise Trägheit der fundamentalen Faktoren. Rohstoffanalysten haben in den vergangenen Jahren mit ihren Prognosen häufig daneben gelegen.

Ein Grund dürfte in der schwachen Anpassungsfähigkeit der chinesischen Wirtschaft zu suchen sein. Trotz gegenteiliger Bekundungen hat sich die Steuerungseffizienz der chinesischen Wirtschaftslenkungsbehörden in den vergangenen Jahren als gering erwiesen. Entweder war ihre Neigung zu einschneidenden Schritten nicht besonders groß, oder aber ihre Fähigkeit, auf eine immer dezentraler, gleichwohl aber weiterhin politisch gelenkte Wirtschaft Einfluss zu nehmen, ist geringer, als die Behörden Glauben machen wollen.

Auf einem Forum des Internationalen Währungsfonds wurden jüngst Ergebnisse vorgestellt, wonach sich der Anteil qualitativ hochwertiger Produkte an den chinesischen Exporten in den vergangenen Jahren nicht erhöht hat, und der Anteil der importierten Vorprodukte sogar gestiegen ist. Nach zwei Jahrzehnten der Reformen seien Staatsbetriebe immer noch deutlich ineffizienter als die Unternehmen der privaten Wirtschaft. Dies sind Ergebnisse, die aus dem osteuropäischen Reformkommunismus her bekannt sind und die umso bedenklicher stimmen.

Der Ritt auf dem Tiger

Für die Metallmärkte könnte dies bedeuten, dass die Preise entgegen aller fundamentaler Faktoren dank einer chinesischen Nachfrage und damit gekoppelt spekulativer Gelder solange auf hohem Niveau bleiben, wie die chinesische Nachfrage nicht oder nur unvollkommen auf fundamentale Faktoren wie Preise reagiert.

Das bedeutet nicht, dass sie in jedem Fall weiter steigen, sondern nur dass eine träge Reaktion Chinas eine Anpassung der Preise auf ein Gleichgewichtsniveau verhindert. Bis zu dem Punkt, an dem China in eine Situation gerät, in der die realwirtschaftlichen Ungleichgewichte dazu führen, dass die derzeitige Wirtschaftspolitik aus unterbewerteter Währung, inländischen Preiskontrollen und Investitions- und Exportförderung nicht mehr tragfähig oder zielführend ist, dürfte indes noch einige Zeit vergehen.

Für Anleger heißt dies, weniger auf fundamentalen Marktfaktoren als auf technische zu bauen, den Trend zu spielen und sich beim Aufsteigen auf den Tiger, wie das chinesische Sprichwort sagt, schon zu überlegen, wie man wieder herunterkommt.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @mho
Bildmaterial: Bloomberg, REUTERS

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