Hohe Metallpreise ziehen Diebe an

Regenrinnen, Gullydeckel - nichts ist mehr sicher

Von Oliver Hollenstein

Vom letzten Halt zur beliebten Beute: die Regenrinne, hier mit James Stewart in “Vertigo“ (1958)

Vom letzten Halt zur beliebten Beute: die Regenrinne, hier mit James Stewart in "Vertigo" (1958)

07. Mai 2008 Regenrinnen, Blitzableiter, Gullydeckel, Bronzekreuze auf Friedhöfen, Kabel auf Baustellen, Kirchendächer, Bahnschienen - nichts ist mehr sicher. Weil Edelmetalle so teuer gehandelt werden wie noch nie, boomt auch der Schwarzmarkt. Die Diebe klauen alles, was nach Metall aussieht und nicht niet- und nagelfest ist. Dabei scheuen sie auch vor immensem logistischen Aufwand mit Lkw und Gabelstaplern nicht zurück.

Die Bundespolizei verzeichnete im vergangenen Jahr 3800 Delikte - gut 50 Prozent mehr als noch 2006. „Seit Ende 2005 wurde nahezu flächendeckend ein signifikanter Anstieg von Metalldiebstählen verzeichnet“, sagt Alexander Geyer vom Bundespolizeipräsidium. Den Grund sieht die Polizei „im sprunghaften Anstieg der Nachfrage auf dem internationalen Rohstoffmarkt nach Metallen aller Art“.

Der Kupferpreis stieg von 1600 auf 8900 Euro pro Tonne

Wertvoller Schrott

Wertvoller Schrott

Der Preis für das auch bei den Dieben beliebte Kupfer ist an der Londoner Metallbörse LME in den vergangenen fünf Jahren von unter 1600 Euro pro Tonne auf zeitweise fast 8900 Euro in diesem Jahr gestiegen. Die starke Nachfrage aus Schwellenländern wie China und Indien sei die Ursache des Booms, sagt Ingrid Keller vom Deutschen Kupferinstitut. „Für die massive Industrialisierung dort werden dringend Basismetalle wie Kupfer gebraucht.“ Spekulationen an den internationalen Börsen für Edelmetalle würden die Preise weiter in die Höhe treiben.

Die steigenden Preise an den Börsen beflügeln auch die Preise für Schrott. Wie im Goldrausch setzen einige Kriminelle inzwischen sogar ihr Leben für das glänzende Diebesgut aufs Spiel: Auf einer Baustelle in Leipzig versuchte kürzlich ein Unbekannter ein Starkstromkabel aus Kupfer zu entwenden. Dummerweise stand das Kabel unter Strom. Die Polizei fand später einen verschmorten Bolzenschneider, vom Täter fehlte jede Spur. Obwohl die Polizei keine genaueren Angaben machen möchte, gehen Fachleute davon aus, dass vor allem die organisierte Kriminalität beim Metallklau zunimmt. Dafür spricht sowohl der immense logistische Aufwand vieler Fälle als auch, dass es es inzwischen immer schwieriger wird, das Diebesgut abzusetzen.

„Es ist uns ein Rätsel, wo das Zeug hingeht“

„Es ist uns ein Rätsel, wo das Zeug hingeht“, sagt Ralf Schmitz vom Verband deutscher Metallhändler. Sowohl der Verkauf an deutsche Händler als auch der Export ins Ausland erweise sich als schwierig: „Unsere Mitglieder wissen inzwischen, dass sie sich bei der Annahme von eventuell gestohlenem Material der Hehlerei schuldig machen. Die prüfen jede Lieferung sehr genau.“

Auch die Zusammenarbeit mit der Polizei habe der Verband intensiviert: „Sobald irgendwo Schrott geklaut wird, informieren wir umgehend unsere Mitglieder.“ Es sei aber auch nicht ohne Weiteres möglich, den Schrott ins Ausland zu bringen und dort zu verkaufen. „Für Schrott braucht man eine Ausfuhrgenehmigung. Es ist relativ schwer, tonnenweise Schrott durch halb Europa zu karren ohne aufzufallen.“

Während spektakuläres Diebesgut wie Eisenbahnschienen oder Gullydeckel leicht zu identifizieren und damit schwer zu verkaufen ist, sieht das bei kleinteiligem Schrott ganz anders: „Ein Container voller Kleinkram ist sehr schwer als geklaut zu erkennen“, sagt Schmitz. Dabei würden die Händler immer öfter selbst zu Opfern der Diebstähle: „Unsere Mitglieder haben sehr viel Geld investiert, um ihre Plätze sicher zu machen.“ Videokameras, lasergestützte Alarmanlagen und Sicherheitsdienste schützen die inzwischen nicht mehr unerheblichen Werte auf den Plätzen.

Metalldiebstahl als weltweites Problem

Oft geraten Blei und Zink in das Blickfeld der Langfinger. Besonders interessant ist für die Kriminellen aber Kupfer. Der Grund: Aus eingeschmolzenem alten Kupfer kann wieder qualitativ einwandfreies neues Kupfer gewonnen werden. Das schlägt sich auch im Preis für Kupferschrott bei den Metallhändlern nieder: „Während reines Kupfer pro Kilo 5,65 Euro kostet, kann auch für Kupferdraht mit Isolierung noch ein Preis von 4,50 Euro erzielt werden“, sagt Keller. Und das Metall findet sich vielerorts. Die meisten Elektrokabel, Heizungsrohre, Gasleitungen und Regenrinnen sind aus Kupfer.

Im Zeichen der globalisierten Wirtschaft ist der Metalldiebstahl aber kein rein deutsches Problem. Auch im Ausland werden die Diebe immer dreister. Vor einigen Wochen machten Nachrichten die Runde, dass Kupferdiebe die WM-Vorbereitungen in Südafrika gefährden: Kriminelle gruben Telefonkabel aus der Erde, ließen sie einschmelzen und verkauften sie am Schwarzmarkt. In Deutschland sind ähnliche Fälle bisher nicht bekannt.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Cinetext Bildarchiv, ddp

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