Interview

„Stellt den Schwellenländern Liquidität zur Verfügung“

Hans Redeker, Währungsstratege der BNP Paribas

Hans Redeker, Währungsstratege der BNP Paribas

24. Oktober 2008 Am Devisenmarkt werten Yen, Dollar und Schweizer Franken stark auf. Die japanische Währung fiel am Freitag gegen den Dollar auf bis zu 90,93 Yen und der Euro fiel bis auf 1,2496 Dollar sowie auf 1,4416 Franken im Tagestief.

Im Moment hätten Banken und Unternehmen aus Schwellenländern keinen Zugang zu Liquidität in harten Währungen und liquidierten aus diesem Grund Positionen an den Börsen und Rohstoffmärkten, erklärt Hans Redeker, Währungsstratege von BNP Paribas.

Dieser Prozess werde sich fortsetzen, sollten die Märkte nicht die richtigen Signale erhalten. Man müsse den Schwellenländern möglichst rasch die notwendigen liquiden Mittel zur Verfügung stellen, sagt er. Der Internationale Währungsfonds sei dafür eine geeignete Institution. Allerdings benötige er den finanziellen Rückhalt der G-20-Staaten.

Der Devisenmarkt befindet sich im Moment inmitten eines Sturms. Die Wechselkurse ändern sich unheimlich schnell und stark, die Volatilitäten befinden sich auf nie zuvor gesehenen Niveaus. Wieso?

Wir sehen die fortgesetzte Liquidierung der so genannten „Carry Trades“. In der Vergangenheit haben sich nicht nur Anleger in Währungen mit tiefen Zinsen oder Abwertungsphantasie verschuldet, um die Mittel in höher rentierlichen Märkten zu investieren, sondern auch Unternehmen haben sich auf diese Weise refinanziert.

Wir reden in den Märkten über ein erhebliches Defizit in „Hartwährungen“. Marktteilnehmer in den Schwellenländern suchen Hände ringend Liquidität in Euro, in Dollar, in Yen, Schweizer Franken und so weiter.

Wie kommt es dazu?

Das hat damit zu tun, dass die Politik als Reaktion auf die Krise nichts anderes zu bieten hat als nationale Antworten. Man - auch die deutsche Regierung - versucht immer noch, globalisierte Märkte mit nationalen Maßnahmen zu beruhigen - und das ist falsch. Es sind internationale Ansätze nötig.

Können Sie das näher erläutern?

Wenn der Staat in Europa die Verbindlichkeiten der Banken über die gegebenen Garantien versichert, so ist das zunächst positiv zu betrachten. Allerdings sind die Garantien auf Banken beschränkt, die innerhalb Europas agieren. Genau das führt zu einer Diskriminierung am Geldmarkt. Will zum Beispiel eine ungarische Bank Kredite in Euro oder Dollar aufnehmen, so erhält sie es nicht, weil sie diese Garantie nicht hat. Eine Deutsche Bank leiht sich gerne Geld von der BNP Paribas - und umgekehrt. Allerdings werden beide Institutionen möglicherweise nicht bereit sein, einer russischen, einer ungarischen oder bulgarischen Bank Geld zu leihen.

Zu welchen Konsequenzen führt das?

Wir sehen in den sich entwickelnden Volkswirtschaften erhebliche Verbindlichkeitsstrukturen, die in Euro, Dollar oder auch im Yen gehalten werden. Verteuern sich diese Währungen oder sind sie gar nicht verfügbar, so wird deren Kalkulationsgrundlage völlig auf den Kopf gestellt.

Gilt das nur für die Banken?

Nein. So ist beispielsweise der brasilianische Real um 40 Prozent gefallen, weil die Unternehmen des Landes ein spekulatives Rad auf Seite der Verbindlichkeiten gedreht haben. Das spekulative Element war in diesem Bereich immens. Nun erlauben wir diesen Banken und Unternehmen nicht, sich zu refinanzieren, weil wir mir ihren Kreditrisiken nicht klarkommen.

So lange diese Diskriminierung dauert wird sich am Geldmarkt keine Besserung einstellen. Aus diesem Grund werden diese Unternehmen und Banken gezwungen, Vermögenswerte abzustoßen, um Liquidität zu schöpfen. Genau das führt zu weiteren Verwerfungen an den Börsen und an den Gütermärkten.

Welche Lösung ist möglich?

Die westlichen Zentralbanken der Hartwährungsstaaten müssen den Schwellenländern Swap-Fazilitäten zur Verfügung stellen, die diese auch ausnutzen können.

Die Zentralbanken sollten wegkommen von ihren traditionellen Ansätzen. Zinssenkungen führen zu steileren Zinskurven. Tiefe Zinsen am kurzen Laufzeitende und deutlich höhere Renditen bei längeren Laufzeiten bringen jedoch zum Beispiel japanische Vermögensverwaltern zu einer mechanischen Reaktion: Sie kaufen sich die lang laufenden Papiere in Amerika, sichern gleichzeitig die Währungsrisiken über Termingeschäfte ab und machen so einen Renditevorteil im Vergleich mit japanischen Staatsanleihen fest. Diese Währungstransaktionen lassen den Yen aufwerten.

Wenn man den Schwellenländern nicht rasch Liquidität in Euro, Dollar, Yen und Schweizer Franken zur Verfügung stellt, wird es problematisch.

Wieso?

Im vergangenen Jahr gingen 23 Prozent der europäischen Exporte nach Zentral- und Osteuropa. Dieser Markt wird nun möglicherweise zusammenbrechen, während die Inlandsnachfrage in Deutschland schon rezessiv ist. Aus diesem Grund sind die meisten Konjunkturprognosen viel zu optimistisch.

Waren die Zinssenkungen der Zentralbanken ein Fehler?

Nein, aber sie alleine können es nicht richten. Es geht nicht alleine um das Zinsniveau, sondern um die Verfügbarkeit der Währungen.

Was bedeutet die Gesamtkonstellation für die Wechselkurse?

Statistiken zeigen, dass nichtamerikanische Banken Verbindlichkeiten in Höhe von 10,8 Billionen Dollar haben. Nichteuropäische Banken haben Verbindlichkeiten in Höhe von 4,5 Billionen Euro. Reduzieren die Schuldner ihre Risiken, so müssen sie zumindest theoretisch doppelt so viele Dollar wie Euro kaufen. Dieser Mechanismus führt den Euro-Dollar-Kurs nach unten.

Dazu kommen die bekannten Repatriierungsbewegungen und zyklische Effekte: Die europäische Zentralbank wird die Zinsen stärker senken müssen als die amerikanische. Zudem haben wir in Europa eine immense Geldmarktposition. Diese Mittel fließen nun ab, da Zinssenkungen absehbar sind.

Ist der schwächere Euro nicht positiv für europäische Unternehmen?

Viele der Firmen sind voll abgesichert in den Rückgang des Euro-Dollarkurses gegangen. Das heißt, die Währungseffekte werden sich in den kommenden Monaten kaum positiv bemerkbar machen.

Welche Rolle spielen die Hedge-Fonds? Sind sie nicht auch zu Verkäufen gezwungen?

Es ist klar, dass sie erheblich Blut lassen. Hedge-Fondsmanager reagieren jedoch rasch auf entsprechende Impulse. Aus diesem Grund könnte ich mir vorstellen, dass ihre Verkäufe rascher aufhören, als manche denken. Der Schwerpunkt liegt derzeit bei den Schwellenländerunternehmen und -banken, die sich refinanziert haben.

Wie heißt die Lösung?

Der Lösungsansatz heißt: Stellt denen Liquidität zur Verfügung! Nationale, Einzelfallentscheidungen greifen zu kurz.

Gibt es überhaupt eine Institution, die dazu inter der Lage wäre?

Man könnte den Internationalen Währungsfonds in die Position eines Garanten für solche Verbindlichkeiten bringen. Allerdings muss er die entsprechende Substanz haben. Das heißt, die Industrienationen und andere Staaten mit Vermögenspositionen müssen dahinter stehen.

Die Märkte bewegen sich schnell. Müsste man sich nicht über das Wochenende zusammensetzen und eine Lösung aus dem Hut zaubern?

Ja, genau. Denn bisher sind die politischen Reaktionen zu langsam. Nationale Maßnahmen sind zudem kontraproduktiv, da sie andere aus dem Prozess ausklammern.

Welche Staaten müssten dabei sein?

Zuerst einmal die G10-Staaten. Dazu kämen all jene Staaten, die in den vergangenen Jahren starkes Wachstum zeigten, die von den unflexiblen Währungen profitierten und große Währungsreserven anhäuften. Die Chinesen zum Beispiel könnten sehr hilfreich wirken: Sie müssten eine expansive Fiskalpolitik zeigen, sie müssten ihre Inlandsnachfrage ankurbeln, sie müssten auf Außenhandelsüberschüsse verzichten und sie müssten ihre Währung aufwerten lassen.

Wäre es geldpolitisch nicht riskant, den Schwellenländern die Liquidität anzubieten?

Ich kann die Zentralbanken und ihre Bedenken verstehen. Denn mit Devisen-Swap-Vereinbarungen mit den Schwellenländern verlören sie die Kontrolle über wesentliche Teile des Geldangebots. Aber im Moment geht es primär darum, deflationäre Tendenzen abzuwehren. Auf die Folgen kann man sich später konzentrieren.

Wo laufen die Währungen kurzfristig hin? Immerhin sind die Bewegungen im Moment dramatisch?

Wenn wir weiterhin falsche Signale bekommen, wird der Kurs des Euro gegen den Yen auf 105 fallen, der Euro wird gegen den Dollar im laufenden Quartal auf 1,17 und im kommenden auf 1,07 Dollar fallen und die japanische Währung wird gegen den Dollar auf 88 Yen im ersten Quartal des kommenden Jahres fallen.

Das Gespräch führte Christof Leisinger



Text: @cri
Bildmaterial: Hans Redeker

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