Rohstoffe

Nickel muss nicht teuer bleiben

29. März 2007 Die Hausse am Nickelmarkt scheint sich überschlagen zu haben. Doch das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Zu oft hat dieses Metall in der Vergangenheit alle genarrt, die glaubten, dass es nach exzessiv erscheinenden Preissteigerungen nicht weiter nach oben gehen könne. Der Nickelmarkt steht im Ruf, leicht manipulierbar zu sein. Er ist unbestritten eng, so dass ein geringer Kapitaleinsatz von kommerzieller oder spekulativer Seite weitreichende Preisbewegungen auslösen kann.

Die Nickel-Hausse in London hat am 16. März bei einem Rekordpreis von 48.300 Dollar je Tonne (Basis Dreimonatsware) ein wenigstens vorläufiges Ende gefunden. Kassaware kostete zu diesem Zeitpunkt rund 50.300 Dollar, so dass ein Aufpreis ("Backwardation") von etwa 3.000 Dollar verzeichnet wurde. Eine Backwardation gilt als Ausdruck knappen physischen Angebots.

Tatsächtliche Versorgungslage ist nur schwer zu prognostizieren

Seither sind die Notierungen für Dreimonats-Nickel in der Spitze um mehr als zehn Prozent gefallen. Derzeit kostet das Metall 43.400 Dollar auf Dreimonatssicht und 45.050 Dollar als Kassaware. Trotz des jüngsten Rückschlags ist die Hausse noch nicht gebrochen. Die laufende Phase setzte im Herbst 2005 bei einem Preis von 12.000 Dollar ein. Immer wieder kam es zu Korrekturen, die zum Teil ähnlich heftig ausfielen wie die jüngste. Doch diese stellt vielleicht den Beginn einer Baisse dar.

Aus fundamentaler Sicht traut sich kaum jemand, ein Urteil mit Anspruch auf Treffsicherheit abzugeben. Die Experten sind sich nicht einmal in der Frage einig, wie knapp Nickel wirklich ist. Die unbestritten geringen Bestände in den von der Londoner Metallbörse (LME) lizenzierten Lagerhäusern können nur als Indiz für die Versorgungslage herangezogen werden. Diese Vorräte seien leicht manipulierbar, indem Ware von den täglich ausgewiesenen offiziellen Beständen abgezogen und an Orte verschoben werde, wo sie statistisch nicht in Erscheinung trete. Natürlich sind Verlagerungen in die Gegenrichtung ebenso leicht.

Die von den unterschiedlichsten Quellen vorgelegten Statistiken geben auch keine zuverlässige Auskunft über die Versorgungslage. Sie erscheinen durchweg mit einem Nachlauf von mehreren Monaten. Zudem sind sie nicht vollständig, was die regelmäßigen Korrekturen an zuvor vorgelegten Zahlen beweisen. Unbestritten ist jedoch, dass am Nickelmarkt seit 2006 ein Produktionsdefizit herrscht, das aus vorhandenen Beständen ausgeglichen werden muss. Im vergangenen Jahr soll die Fehlmenge bei einer Produktion von etwa 1,35 Millionen Tonnen rund 50.000 Tonnen betragen haben. Das Nickel Institute, eine Interessengruppe der Produzenten, erwartet, dass die Defizite trotz Aussicht auf deutlich steigende Bergwerksproduktion bis ins Jahr 2010 anhalten.

Edelstahlproduktion: Treibende Kraft für die Nickelnachfrage

Treibende Kraft ist die Nachfrage nach Edelstahl. Knapp zwei Drittel des Nickelangebots gehen in dessen Herstellung. Die Kapazitäten werden hier besonders in China und in Südkorea stark erhöht. Mit Blick auf die Bergwerksgewinnung und die Produktion von Raffinadenickel erklären Fachleute, die extrem gestiegenen Preise brächten mit hoher Wahrscheinlichkeit früher als bisher angenommen ein unvermutet hohes Angebot an Nickel hervor. Kürzlich wurde ein chinesischer Experte mit der Bemerkung zitiert, die irrsinnigen Preissteigerungen führten zu irrationalen Investitionen in neue Nickelprojekte und zu einer starken Zunahme des Angebots in wenigen Jahren.

Die extrem hohen Nickelpreise haben schon bewirkt, dass die Verarbeitung und damit der Verbrauch sinken. Wo das Metall ersetzt werden kann, geschieht dies. Wo dies ohne zu große Qualitätseinbußen beim Endprodukt nicht möglich ist, bleibt Verarbeitern nur die Alternative, ihre Produktion zu drosseln, wenn ihre Abnehmer die hohen Preise nicht zu zahlen bereit sind. Dieser Prozess steht erst am Anfang. Er könnte einen Rückgang der Nachfrage bewirken, der die künftigen Produktionsdefizite geringer ausfallen lässt, als jetzt erwartet wird. Möglicherweise entstehen wegen sinkender Nachfrage in absehbarer Zukunft wieder Überschüsse mit der Folge, dass der Nickelpreis steil fallen könnte.

Dieser Aussage scheint der weltgrößte Nickelproduzent MMC Norilsk Nickel zuzustimmen. Das Unternehmen erwartet in diesem Jahr eine Entspannung am Markt. Während der Bedarf bislang größer sei als das Angebot, sei nun ein Angebotsüberschuss zu erwarten. Grund sei das veränderte Nachfrageverhalten Chinas. Statt Nickel setzten die Edelstahlproduzenten des Landes zunehmend das billigere Ferro- Nickel ein, um Stahl vor Rost zu schützen und zu härten.

Hoher Nickelpreis - hohe Kosten bei Edelstahlproduzenten

Bei den Edelstahlproduzenten trieb der jüngste Preisanstieg die Kosten rapide in die Höhe. Den Einsatz des Ersatzstoffs Ferro-Nickel wird damit immer attraktiver: Das Material kostet 40 Prozent weniger als raffiniertes Nickel. China stellt Ferro-Nickel aus Lateriterzen her, die von den Philippinen und aus Neukaledonien eingeführt werden. Pro Jahr dürfte die Volksrepublik etwa 70.000 bis 100.000 Tonnen des Metalls herstellen, erklärte Norilsk-Chefvolkswirt David Humphreys.

„Der Bedarf wird in China zu großen Teilen durch dieses Ersatzmaterial gedeckt“, sagte Humphreys am Rande der CRU World Copper Conference im Interview mit Bloomberg News. „Das Land dürfte den Bezug von raffiniertem Nickel daher nicht ausbauen.“ Der Branchenbeobachter Beijing Antaike Information schätzt, dass China den Import von Lateriterz in diesem Jahr um rund 60 Prozent steigert, um die boomende Nickelnachfrage der Edelstahlproduzenten zu befriedigen. Antaike berät die chinesische Regierung in Fragen der Metallwirtschaft. Norilsk will die Nickelproduktion bis ins Jahr 2010 auf jährlich 260.000 Tonnen Nickel ausbauen von gegenwärtig 240.000 Tonnen. In diesem Jahr sei ein „geringfügiger“ Produktionsanstieg geplant.

Text: F.A.Z., 30.03.2007, Nr. 76 / Seite 26
Bildmaterial: Bloomberg

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