Energie

Warum der Ölpreis noch weiter steigen könnte

Von Moira Herbst

Die Straße von Hormuz ist von zentraler strategischer Bedeutung

Die Straße von Hormuz ist von zentraler strategischer Bedeutung

06. August 2007 Seit nunmehr vier Jahren schnellen die Ölpreise nur so in die Höhe. Allein in diesem Jahr haben sie beinahe 30 Prozent zugelegt, wobei ein Großteil dieses Anstiegs in den vergangenen beiden Wochen erreicht wurde. Die amerikanische Benchmark „West Texas Intermediate Crude“ verzeichnete zu Beginn dieser Woche im Intraday-Handel ein Rekordhoch von 78,77 Dollar und schloss am 2. August an der New Yorker Warenterminbörse bei 76,86 Dollar pro Barrel.

Trotz alledem sieht es so aus, als könnten die Ölpreise noch weiter nach oben klettern. Eine rasant steigende Nachfrage, gepaart mit Ängsten vor einem Angebotsengpass, treibt die Rohölpreise in die Höhe, und Abhilfe ist weder auf der einen, noch auf der anderen Seite zu erwarten. Darüber hinaus rechnen die Anleger derzeit mit weiteren Preisspitzen.

81 bis 118

„Es scheint, als bereite sich der Ölpreis auf einen weiteren Höhenflug vor“, meint Peter Beutel, Vorstandsvorsitzender des im Energie-Risikomanagement tätigen Unternehmens Cameron Hanover. „Der Markt steckt voller Elan, und die magische Zahl liegt nun bei 81 Dollar. Wird diese erreicht, so glauben die meisten Leute, die Preise würden auf 91 Dollar oder noch höher steigen.“ Beutel fügt hinzu, dass laut Prognose einiger Chartanalysen die Preise bis Ende des Jahres auf 110 oder 118 Dollar klettern könnten. Er räumt jedoch ein, dass zum Erreichen einer derartigen Spitze ein einschneidendes Ereignis eintreten müsste, z. B. eine Blockade der Straße von Hormuz, des wichtigsten strategischen Zugangs zu den Ölvorräten des Nahen Ostens, durch den Iran.

Im Gegensatz zu früheren Zeiten haben in der letzten Zeit weder Kriege, noch Hurrikans oder die Machenschaften der OPEC die Preise derart in die Höhe getrieben, meinen Analysten. Der Anstieg sei eher im robusten globalen Wirtschaftswachstum zu sehen. Die Wirtschaft der Vereinigten Staaten befindet sich trotz Nervosität an der Börse nach wie vor auf einer soliden Grundlage. China und Indien preschen nach vorn, während die meisten Länder Europas eine starke Position einnehmen.

Obgleich hohe Ölpreise Anzeichen einer starken Wirtschaft sind, könnten sie letztlich das Wirtschaftswachstum in seine Schranken weisen. Die dunklere Seite des Themas Wachstum besteht darin, dass die Preisspitzen, die durch den Wettstreit um knappe Vorräte verursacht werden, schließlich zu einer Inflation, einer Rezession und einer Zunahme geopolitischer Spannungen führen könnten.

Angebotsengpass in Sicht

In einem am 9. Juli erschienenen Bericht der in Paris ansässigen Internationalen Energieagentur (IEA) heißt es, die globale Reservekapazität der Ölproduktion werde nach 2010 zurückgehen. Da die globale Nachfrage das Angebot übersteigen werde, sei eine „Versorgungskrise“ zu erwarten.

Nach Aussage der IEA wird die globale Nachfrage nach Öl, angeführt von Asien und dem Nahen Osten, im Jahresdurchschnitt um 2,2 Prozent steigen. Die Ölnachfrage in China wird im Jahr 2012 nahezu 10 Millionen Barrel pro Tag erreichen, wovon China lediglich 3,9 Millionen Barrel im Inland produzieren wird. Es steht zu erwarten, dass der weltweite Ölkonsum dieses Jahr auf 86 Millionen Barrel pro Tag klettern wird. Dies sind 1,5 Millionen Barrel mehr als im Jahr 2006.

In dem Bericht heißt es weiter, dass sich der Angebotspuffer an ungenutzter Kapazität der OPEC bis 2010 erhöhen, danach aber auf „unbehaglich niedrige Niveaus“ zurückgehen wird. Und obgleich die Nicht-OPEC-Länder wie Brasilien und Russland mehr und mehr Öl produzieren werden, wird dieses nicht ausreichen, um den Durst der Entwicklungs- und Industrieregionen zu stillen. Zudem werden bei den Nicht-OPEC-Mitgliedern die größten Produktionszuwächse von Ländern geliefert, die Schweröl produzieren, dessen Förderung und Raffinierung kostspieliger ist als die von leichtem, süßem Rohöl.

Länder vs. Unternehmen

Andere Faktoren, die die Ölpreise auf hohem Niveau halten, bestehen beispielsweise in dem zwischen Industrie und nationalen Regierungen schwelenden Kampf um die Kontrolle bestehender Ölfelder oder in der kostspieligen Penetration unkonventioneller Quellen wie beispielsweise Ölsand. Die überwiegende Mehrheit der globalen Ölvorräte befindet sich in der Hand nationaler Regierungen.

Die Ölkonzerne treibt es derzeit auf ihrer Suche nach mehr Ware in entlegenere Regionen, beispielsweise zu den Ölsanden Kanadas oder in die Küstengewässer Neuseelands. Exxon-Mobil konnte im zweiten Quartal nur schwache Gewinne verbuchen und musste einen einprozentigen Rückgang der Produktion von Öläquivalenten hinnehmen. Am 26.Juli verkündete Royal Dutch einen Quartalsrückgang der Öl- und Gasproduktion um zwei Prozent, der teilweise auf die Sicherheitsprobleme zurückzuführen war, die auch für die Schließung von Ölfeldern in Nigeria verantwortlich zeichneten.

Die Gesamtheit dieser Faktoren lässt viele Analysten auf einen fortlaufenden Anstieg der Preise schließen. „Ich glaube, wir bewegen uns in diesem Jahr auf die 85-Dollar-Marke zu; das ist technisch gesehen das Schicksal des Öls“, meint Phil Flynn, Analyst bei Alaron Trading in Chicago. „In den vergangenen Jahren hat der Preis jährlich im Durchschnitt um zehn Dollar zugelegt, und das könnte während des gesamten Jahrzehnts so weitergehen. Diese Hausse scheint sich als langfristiger Trend zu erweisen, der einen Wandel der ökonomischen Geschicke ausschließt.“

Seiner Ansicht nach verstärken sich in den kommenden Jahren noch die politischen Spannungen zwischen den Ländern, die die Ölvorräte kontrollieren, und denjenigen, die diese Vorräte benötigen, um ihre Volkswirtschaft in Schwung zu bringen. „Wir müssen auch einen Blick auf die geopolitischen Spannungen in diesem Gerangel werfen“, meint Flynn. „Es ist schon heute erkennbar, dass das Öl als politisches Instrument benutzt wird, und die Macht wird sich wohl weiterhin weg von den Verbrauchern und hin zu den Produzenten bewegen.“

Moira Herbst ist Reporterin für BusinessWeek.com in New York.



Text: Business Week Online
Bildmaterial: Daten: Nymex/Bloomberg; Grafik: FAZ.NET, Deka, FAZ.NET, IEA, REUTERS

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