30. Januar 2006
Mit 19 Jahren trat er in die Benediktinerabtei Münsterschwarzach bei Würzburg ein, um die Welt zu verändern. Heute ist Pater Dr. Anselm Grün mit seinen 61 Jahren der berühmteste Mönch Deutschlands, hat weltweit rund zwölf Millionen Bücher verkauft, gibt Seminare für Manager und reist als Vortragsredner durch die ganze Welt.
Gut, ich habe während meiner Pubertät kurz überlegt, Naturwissenschaftler statt Mönch zu werden, aber das entspricht nicht den gängigen Vorstellungen von pubertärer Rebellion. Schon mit zehn Jahren habe ich meinem Vater gesagt, ich wolle einmal Priester werden. Der hat gelassen reagiert. Natürlich weil er wußte, daß man nicht alles ernst nehmen muß, was ein Zehnjähriger von sich gibt. Aber auch, weil er selber sehr religiös war. Immerhin hatte er seinen Job in einer Zeche im Ruhrgebiet, seiner Heimat, aufgegeben und ein Elektronikgeschäft in München eröffnet, nur weil in Nordrhein-Westfalen katholische Feiertage nicht frei waren.
Sagt heute ein 19jähriger, er möchte Mönch werden, klingt das ungewöhnlich. Als ich mich entschied, nach dem Abitur Karriere bei den Benediktinern zu machen, war ich kein absoluter Sonderling. Zuvor war ich bereits auf dem Internat der Benediktinerabtei Münsterschwarzach zur Schule gegangen. Ich konnte also einschätzen, was auf mich zukommen würde. Gemeinsam mit sieben Mitschülern fingen wir 1964 die einjährige Novizenausbildung an. Meine Mutter war eher skeptisch. Sie dachte: Junge, versuch's halt mal. Den letzten Abend außerhalb der Klostermauern verbrachte ich gemeinsam mit den anderen baldigen Novizen noch einmal in einer Wirtschaft. Es hatte etwas von einem Junggesellenabschied. Zum Ausbildungsbeginn am nächsten Tag im Kloster kamen wir alle zu spät.
Natürlich hatte ich Angst, ob ich die Anforderungen, die an einen Mönch gestellt werden, erfüllen könnte. Würde ich mit der Ehelosigkeit leben können? Immerhin hatten mich Frauen bis dato sehr interessiert, auch wenn ich nie eine längere Beziehung hatte. Aber noch mehr stellte ich mir die Frage, ob hinter den Klostermauern nicht meine Talente verdorren würden. Ich hatte das beste Abitur in unserer Schule gemacht und wollte die Welt verändern. Nicht im politischen Sinne, sondern missionarisch. Mein Vorhaben zu der Zeit des Eintritts: eine möglichst schwierige Sprache lernen - ich dachte an Koreanisch - um anschließend in Asien dem Orden mit meinen Gaben Nutzen zu bringen. Statt dessen mußten wir Novizen erst einmal lernen, Toiletten zu reinigen. Zweifel, ob ich die richtige Entscheidung getroffen hatte, plagten mich in dieser Zeit immer wieder.
Den letzten Abend außerhalb der Klostermauern verbrachte ich gemeinsam mit den anderen baldigen Novizen noch einmal in einer Wirtschaft.
Als ich anschließend nach Rom ging, um dort Theologie zu studieren, änderte sich dieser Eindruck. Die dortige Abtei war wesentlich liberaler. Abends gingen wir manchmal aus und aßen Pizza, und angeregt durch die 68er Proteste, kam es auch bei uns jungen Mönchen zu einer Auseinandersetzung mit den alten Traditionen. Was heißt es heute, Mönch zu sein, fragten wir uns, und was haben wir der Welt eigentlich noch zu sagen? Auch als ich nach vier Jahren wieder zurück nach Bayern ging, noch meine Doktorarbeit in Theologie schrieb und - weil es mein Abt so wollte - BWL studierte, hatten sich die Studentenproteste noch nicht beruhigt. Doch die laute, oft plakative Auseinandersetzung auf öffentlichen Demonstrationen lag mir nie. Ich machte mich eher auf die Suche nach dem Grundsätzlichen, eine therapeutische Suche nach dem Was hilft eigentlich dem Menschen?
1977 wurde ich von unserem Abt zum Cellar der Abtei, einer Art Geschäftsführer, in Münsterschwarzach berufen und war für rund 300 Mitarbeiter in über 20 Betrieben verantwortlich. Fast zeitgleich begann ich, kleine Schriften zu schreiben, die sich vor allem mit psychologischen Themen auseinandersetzten. Als der Herder-Verlag 1998 mein erstes Engelbuch herausbrachte, hat mich dessen Erfolg selber überrascht. Bis heute wurden allein von diesem Band rund 1,5 Millionen Exemplare verkauft, und meine Bücher werden in 30 Sprachen übersetzt. Vor allem in Europa und Südamerika wohnen meine Leser.
Das Geld aus dem Bücherverkauf fließt komplett ans Kloster. Doch den Gedanken, auszutreten und reich zu werden, hatte ich nie. Mir geht es nach wie vor darum, mich der eigenen Wahrheit zu stellen, nach Dingen tief unter der Oberfläche zu suchen. Wer diesen Wunsch nicht verspürt, der ist nicht fürs Mönchsein geschaffen. Mönche haben in der heutigen Gesellschaft die Aufgabe, durch ihre Gemeinschaft als Vorbild zu dienen. Und Menschen, die auf der Suche sind, eine Begleitung zu sein. Dazu müssen Mönche auch in der Öffentlichkeit präsent sein, sollten sich aber immer bewußt sein, daß der Gang an die Öffentlichkeit eine Gratwanderung ist: Wer nur noch übers Mönchsein redet, ohne selber noch einer zu sein, also den Alltag des Mönchs zu leben, verliert schnell seine Identität.
Ich versuche daher immer, nach einer Veranstaltung zurück ins Kloster zu fahren. Gestern abend erst habe ich in Belgien vor über 1.000 Menschen gesprochen, dennoch habe ich mich anschließend in meinen Golf gesetzt, um bis nach Münsterschwarzach in meine Zelle zu fahren. Gegen 2.30 Uhr war ich endlich da. Auf dem Tacho meines Golfs sind mittlerweile über 270.000 Kilometer.