19. Dezember 2009

Wie wird man eigentlich Kriminalpsychologe, Herr Dr. Müller?

Von Mathias Irle




19. Juni 2006 
Sie sprechen mit Massenmördern und können anhand eines Tatorts sagen, welche Augenfarbe die Mutter des Täters hatte - spätestens seit Jodie Fosters Rolle im „Schweigen der Lämmer“ meint jeder zu wissen, was ein Profiler ist. Doch der Österreicher Dr. Thomas Müller, Jahrgang 1964, der wohl berühmteste Kriminalpsychologe Europas, möchte nicht einmal Profiler genannt werden.

Viel mehr als die Frage, was ein Mensch denkt, hat mich schon immer interessiert, wie ein Mensch etwas denkt. Und warum. Als ich Sommer 1982 mit meinem Motorrad durch meine Geburtsstadt Innsbruck fuhr, hatte ich ohne großen Enthusiasmus ein Medizinstudium begonnen. Da hielten mich zwei Polizisten an. Angeblich hätten meine Reifen zu wenig Profil. Während ich zusah, wie sie einen Strafzettel ausfüllten, blieb meine Aufmerksamkeit an einem Detail hängen: Der eine der beiden Polizisten hatte in seiner Brusttasche mindestens ein Dutzend Schreibstifte. Als ich mich erkundigte, wofür er sie alle brauchte, gab er eine Antwort, die mich faszinierte: Er benutze für jede Kategorie Mensch genau einen Stift. Es gebe nur 18 unterschiedliche Menschentypen, folglich habe er exakt 18 Stifte dabei. Vier Monate später trat ich in die Polizeischule ein und begann nach Beendigung der Ausbildung meinen Dienst am Bahnhof.

Schon damals war mir einfach klar: Verstehen, warum sich Menschen unterschiedlich verhalten, kann man nicht mit Hilfe des Studiums von Büchern. Man muß auf die Straße gehen, mit den Menschen sprechen, in Kontakt treten. Der Hauptbahnhof ist dafür der ideale Ort. Er verbindet die unterschiedlichsten Menschen, läßt ihre Wege kreuzen. Dabei interessierte mich der Bettler genauso wie der Geschäftsmann oder die junge Mutter. Für mein Ziel, das Leben zu studieren und zu verstehen, boten sie alle den gleichen Stoff, und ich begegnete allen freundlich, wertfrei, interessiert. Eine wichtige Voraussetzung, damit sich Menschen einem öffnen. Und vielleicht die wichtigste Eigenschaft, um ein guter Kriminalpsychologe zu werden.

Doch um aus seinen Beobachtungen Schlußfolgerungen ziehen zu können, muß man sie systematisieren. Ich beschloß daher, neben meinem Polizeidienst ein Psychologiestudium aufzunehmen. Von Profiling hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nie gehört. Ändern sollte sich das erst 1991, als ein Mann in Innsbruck ein Postamt mit einer großkalibrigen Waffe überfiel: Die Angestellte sagte ihm, sie habe kein Geld, und tatsächlich ließ der Mann von ihr ab, verbarrikadierte sich und drohte, sich umzubringen, wenn man ihn festnehmen würde. Auf dem Weg zum Tatort fragte ich mich: Welche Logik beinhaltet diese Tat? Warum läßt sich ein Räuber so schnell von seinem Vorhaben abbringen und droht, sich direkt im Anschluß zu erschießen? Während Polizisten das Gebäude umstellten, gestattete man mir, mit dem Mann zu sprechen. Statt mit ihm übers Aufgeben zu verhandeln, fragte ich ihn nach seinen Gründen für einen Suizid. Wie erlöst gab er mir darauf Antworten, kurze Zeit später dann auch seine Waffe. Als er mir später nach Absitzen seiner Strafe noch einmal dankte, sagte ich ihm, wenn er sich umgebracht hätte, hätte ich nie erfahren, was ihn wirklich bewegte. Er antwortete trocken: „Aber sie hätten gesehen, wohin ich geschossen hätte: nämlich in den Kopf, weil ich nicht mehr denken wollte.“ Der Schuß in den Kopf wäre also sein Zeichen gewesen.

In den folgenden Jahren nahm ich Kontakt zur Behavioral Science Unit auf, einer Art Verhaltensforschungseinheit bei der amerikanischen Bundespolizei. Ich studierte in den USA und lernte beim FBI. In der Zentralstelle des Bundesinnenministeriums gründete ich den Kriminalpsychologischen Dienst. Und immer häufiger wurde ich nun gebeten, bei der Ermittlung von Straftaten zu helfen. Die Frage, die mich dabei trieb und noch treibt: Was sagt ein Tatort über den Täter? Die Hoffnung dabei ist natürlich immer, schnelle Hinweise auf ihn zu bekommen und eine weitere Straftat zu verhindern.

Was ich nicht kann und auch nicht will: die Gefühle von einem Mann, der vielleicht gerade eine Briefbombe verschickt, nachzuvollziehen. Ich kann mich nur bemühen, seine Denklogik zu ergründen. Warum erschießt der eine sein Opfer und ein anderer läßt es langsam verbluten? Nur wer Straftaten so wissenschaftlich betrachten kann, der kann seine Emotionen angesichts der Taten bändigen. Emotionen sind bei der Fallbearbeitung schädlich, sie versperren oft den Blick auf die wichtigen Details.

Am meisten überrascht hat mich in meiner Karriere allerdings weniger ein bestimmter Täter oder Tatort, als vielmehr die Reaktionen auf Erfolg: Seit der Fall des österreichischen Briefbombers verfilmt wurde und ich das Buch geschrieben habe, kennen viele meinen Namen. Ich freue mich darüber, denn ich möchte mehr Leute für die Kriminalpsychologie interessieren. Doch wenn ich eins aus meinem Beruf gelernt habe, dann ist es dies: Menschen verzeihen einem fast alles im Leben, außer man hat Erfolg.

Thomas Müller: Bestie Mensch
ecowin Verlag, 192 Seiten, 22 Euro

Text: Hochschulanzeiger Nr. 85, 2006
Bildmaterial: privat