21. Dezember 2009

Wie wird man eigentlich Domina, Frau Gräfin?

Von Mathias Irle




16. Oktober 2006 
Früher war sie Model und Diskobesitzerin: Heute ist die 50jährige Gräfin Managerin eines der renommiertesten Dominastudios Europas, dem „Domizil der Gräfin“ in Düsseldorf, und Mutter einer 16jährigen Tochter. Ihre Vorbilder? Marlene Dietrich und Peggy Guggenheim.

Vor einiger Zeit stellte sich eine Lehrerin bei mir vor. Sie wollte als Domina anfangen zu arbeiten und sagte als Erklärung: „Ich hasse Männer, ich möchte es ihnen einmal so richtig zeigen.“ Ich habe die Frau wieder weggeschickt. Sie war falsch im Domizil der Gräfin: Denn wer als Domina arbeiten will, der muß Männer lieben. Und gerne mit ihnen spielen wollen. Domina sein heißt nämlich in erster Linie in eine Rolle schlüpfen. Spaß am Verkleiden haben. An der Selbstinszenierung. Diejenige, bei der dann noch Führungsqualitäten hinzukommen, bringt für diesen Beruf bereits sehr wichtige Grundvoraussetzungen mit.

Bis im November 1986, ich war damals 30 Jahre alt, hatte ich keine Idee davon, was eine Domina ist. Ich hatte schon mit jungen Jahren eine Disko betrieben, anschließend hatte ich eine Karriere als Model begonnen. Persönliche Grenzen haben mich interessiert. Zudem war ich es gewohnt, mich auf dem Laufsteg oder vor der Kamera zu inszenieren. Als mir mein damaliger Lebensgefährte, der bereits in der Szene aktiv war, von SM erzählte, hat mich das gereizt. Und ich habe Feuer gefangen: Die Macht, die man innerhalb kürzester Zeit über sonst selbstbewußte Männer haben kann! Das Spiel! Die Möglichkeiten, Phantasien auszuleben! Das Verruchte! Nur kurz habe ich ausschließlich SM mit meinem Lebengefährten praktiziert, dann schaltete ich - mit seinem Einverständnis - eine Annonce in einer Zeitung.

Die Resonanz war überwältigend: Erst habe ich die Herren in einem umgebauten Zimmer meiner Eigentumswohnung empfangen, doch sehr schnell waren plötzlich die ganzen 100 Quadratmeter der Wohnung ein Studio. Ich mußte mich nach etwas Größerem umschauen - das Resultat war das Domizil der Gräfin: 400 Quadratmeter plus 800 Quadratmeter Garten.
Es gibt zwei Möglichkeiten, mit dem Beruf als Domina umzugehen: Entweder man versucht, ihn zu vertuschen, was sehr viel Energie kosten kann. Oder man steht zu dem, was man macht. Ich war schon immer sehr selbstbewußt. Meine Vorbilder waren starke Frauen wie Marlene Dietrich oder Peggy Guggenheim. Daher habe ich mich immer bemüht, meine Sachen durchzuziehen. Meine Familie mußte anfangs ordentlich schlucken. Und einige Freunde haben den Kontakt zu mir beendet. Mittlerweile, nachdem meine Mutter gesehen hat, was ich genau mache und welchen Erfolg ich damit habe, sagt sie: „Schade ist nur, daß du deine Lorbeeren kaum nach außen transportieren kannst.“ Nur bei meiner Tochter habe ich gewartet, bis sie 16 Jahre alt war. Dann erst habe ich ihr ganz langsam und behutsam erklärt, wie ich arbeite. Sie ist sehr gut damit umgegangen und tut es noch immer, auch wenn sie keine ähnlichen Neigungen verspürt wie ich.

Die letzten Jahre ist das Domizil immer weiter gewachsen. Mittlerweile habe ich rund 20 Mitarbeiter, unter den Dominas befinden sich Anwältinnen, Medizinerinnen, Studentinnen, Schauspielerinnen. Allesamt starke Persönlichkeiten. Viele arbeiten nur in ihrer Freizeit als Domina. Weges des Geldes, natürlich. Aber auch aufgrund ihrer Liebe zum Spiel und des Wunsches, sich selbst bei der Arbeit kennenzulernen. Was unbedingt notwendig ist: Die Lust an sadomasochistischen Praktiken. Wenn sie die nicht hat, spüren das die Männer - trotz aller Schauspielkunst. Die Folge wäre: Die freiberuflich arbeitenden Damen verlieren ihre Kunden.

Unter den Dominas befinden sich Anwältinnen, Medizinerinnen, Studentinnen, Schauspielerinnen.Allesamt starke Persönlichkeiten.

Das Klischee, daß die Kunden im richtigen Leben Entscheidungsträger sind, stimmt in vielen Fällen. Für sie ist der Besuch bei einer Domina lustvoll, weil er einen Ausgleich, ein Gegengewicht zu ihrem Alltag darstellt. Sie können alle Kontrolle abgeben. Unterhält man sich mit ihnen, sagen vor allem viele Manager: „Im Grunde machen wir fast den gleichen Job.“

Überhaupt: Das Domizil der Gräfin ähnelt in vieler Hinsicht einem ganz normalen Unternehmen. Als Managerin habe ich so viel mit Organisatorischem oder der Mitarbeiterführung zu tun, daß ich höchstens noch bei der Weiterbildung oder Einarbeitung aktiv als Domina auftrete. Zudem lege ich seit Beginn des Studios sehr viel Wert auf das ästhetische Erscheinungsbild und auf die Weiterentwicklung des Domizils: Wir waren die ersten, die Kidnapping und gestellte KGB-Verhöre anboten. Wir gelten als die Vorreiter in der Szene.

Leider hat sich in den letzten 20 Jahren viel verändert - vor allem durch das Internet. Alles ist transparent geworden. Das Verruchte ist verschwunden. Und auch viele Kunden verhalten sich heute anders: Per Mail schreiben sie schon vorab sehr genau und sehr detailliert ihre Wünsche. Manche äußern ihre Vorstellungen fast schon lapidar. Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Ich habe absolut nichts gegen schöne Geschichten. Aber es muß noch Raum zum Inszenieren bleiben. Wenn die Phantasie der Domina auf der Strecke bleiben muß, finde ich das höchst bedauerlich.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 86, 2006
Bildmaterial: privat