20. November 2006
Um nicht mehr auf seinem Kettcar strampeln zu müssen, versuchte Heinz Harald Frentzen, Jahrgang 1967, den Motor aus dem Rasenmäher seiner Eltern umzumontieren. Sein Vater hatte Mitleid, kaufte ihm einen Go-Kart und legte so den Grundstein für eine Karriere, die Frentzen bis zur Formel-1-Vizeweltmeisterschaft führte. Heute fährt der Mönchengladbacher noch immer Rennen, mittlerweile bei der Deutschen Tourenwagenmeisterschaft (DTM).
Angst? Ja, hatte ich während der Formel-1-Rennen. Angst, daß ich nicht schnell genug fahre! Während des Rennens konzentriere ich mich auf das Auto und die gelegentlichen Informationen über die Positionen der Gegner. Man ist auf sich allein gestellt und muß das Maximale aus sich und dem Auto rausholen. Dazu braucht man auch viel Erfahrung: Wie liegt das Auto in der Kurve? Wie verhalten sich die Reifen? Stimmt die Bremsbalance zwischen Hinter- und Vorderrädern? Wenn alles in Ordnung ist, kann ich weiter die Gegner attackieren. Bei technischen Problemen heißt die Taktik: es bis ins Ziel schaffen und möglichst eine Position halten, mit der es am Ende noch WM-Punkte gibt. Nicht nur das Fahren an sich ist am Motorsport faszinierend. Taktik spielt eine große Rolle und vor allem auch die Technik.
Okay, am Anfang bin ich genau an ihr gescheitert. Ich fuhr leidenschaftlich gerne Kettcar, doch irgendwann war ich einfach zu faul zum Strampeln. Also nahm ich mir den alten Rasenmäher meiner Eltern vor, schraubte ihn auseinander und versuchte, den Motor an meinem Kettcar zu montieren. Das klappte natürlich nicht, und den Mäher bekam ich auch nicht wieder zusammen. Dafür entdeckte mein Vater, der in seinen jungen Jahren auch Motorsport betrieben hatte, bei einem Gebrauchtwagenhändler einen alten Go-Kart. Er kaufte ihn, begeisterte mich und unterstützte mich fortan beim Kartfahren. Einmal hat er sogar superweiche Reifen im Flieger-Handgepäck aus Italien geschmuggelt.
Motorsport war damals ein Hobby. Ich verdiente kein Geld damit und machte mir kaum Gedanken darüber, ob ich einmal vom Autofahren leben könnte. Im Gegenteil: Als ich 17 Jahre alt war, begann ich eine Lehre. Dabei konnte ich wählen, ob ich im Modellbaubetrieb oder im Bestattungsunternehmen meiner Eltern anfangen wollte. Ich entschied mich für eine Ausbildung als Bürokaufmann im Bestattungsunternehmen, so konnte ich mir meine Zeit zum Rennfahren relativ frei einteilen. Und ich wußte in den folgenden Jahren immer: Wenn alles schiefgeht, kannst du wieder in deinen alten Beruf zurück. Das gibt Sicherheit. Macht einem aber auch Angst, wenn der alte Beruf nicht der ist, der einen befriedigt.
Ich habe mich nie abends mit einem Gläschen Wein hingesetzt und beschlossen: Jetzt werde ich Profi-Rennfahrer, es war ein fließender Übergang. 1989 brauchte ich 230.000 Mark, um in die nächsthöhere Klasse, die Formel 3, einzusteigen. Die Hälfte übernahm ein Sponsor, für den Rest mußten meine Eltern und ich aufkommen. Von da an fuhr ich hauptberuflich. Was für ein Risiko! Und was für ein Glück, daß das Jahr danach erfolgreich verlief!
Wenn ich heute auf meine Karriere zurückblicke, wundert es mich oft, welche Risiken ich manchmal eingegangen bin, finanziell und fahrerisch. Doch ich mache mir keine Vorwürfe, im Gegenteil. Es macht mir Mut: Habe ich heute vor Dingen Angst, gibt mir die Erinnerung an meinen damaligen Mut Kraft. Oder war es Leichtsinn? Fest steht, wer Rennfahrer werden will, braucht die Fähigkeit zum Verdrängen. Zur Leichtigkeit. Man darf sich nicht über die Maßen beunruhigen lassen. Vor allem aber muß man in der Lage sein, sich auf seine Sache zu konzentrieren. Ich habe etliche Dinge in meinem bisherigen Leben vernachlässigt. Englisch lernen, zum Beispiel. Aber ich hatte in meiner Formel-Zeit keine Energie frei. Wer Rennfahrer werden will, muß sich zu 100 Prozent auf den Motorsport konzentrieren!
Vor dem Rennen gibt es die Angst. Angst in Form von Respekt vor dem Fahrzeug, der Geschwindigkeit und der Strecke.
1994 war dann das Jahr, in dem ich endlich in die Königsklasse, die Formel 1, aufrückte und für Sauber-Mercedes fuhr. Es war aber auch das Jahr, in dem mein Freund Roland Ratzenberger und mein Idol Ayrton Senna tödlich verunglückten und in dem mein Teamkollege Karl Wendlinger schwer verletzt wurde.
Während des Rennens, wenn man einmal im Cockpit sitzt, denkt man nicht daran, man hat keine Angst. Aber vor dem Rennen gibt es die Angst. Angst in Form von Respekt vor dem Fahrzeug, der Geschwindigkeit und der Strecke. Auf der Rennstrecke im belgischen Spa etwa gibt es eine Kurvenkombination, die Eau Rouge, von der weiß man, wer darin einen Fehler macht, für den wird es sehr schnell sehr gefährlich. Man muß daher als Rennfahrer lernen, seine Angst als etwas Positives zu begreifen. Die Angst will einem ja nicht schaden, sondern sie will warnen. An ihr kann man sich orientieren. Angst ist daher die beste Hilfe für einen Rennfahrer. Die eigenen Emotionen zu kontrollieren - damit meine ich die positiven wie die negativen - das ist die größte Kunst beim Rennfahren!