Fragen und Antworten zur Finanzkrise

Pfeiler um Pfeiler im Finanzsystem fällt um

Von Hanno Mußler und Stefan Ruhkamp

19. September 2008 Obwohl die Kapitalmärkte schon die fünfte Welle der Finanzkrise erleben, gibt es keine Gewöhnung an den Schrecken. Im Gegenteil: Nie war die Angst vor einem Systemzusammenbruch größer. Warum eigentlich? Warum brechen Investmentbanken gerade jetzt zusammen? Und wo gibt es Hoffnung? Fragen und Antworten zur Finanzkrise.

Die Banken befinden sich doch schon ein Jahr lang im Krisenzustand. Was ist der Auslöser für das jüngste Debakel

Die Kapitalgeber der Banken sind es leid zuzusehen, wie ihr Geld dahinschmilzt. Seit Beginn der Finanzkrise haben die Banken rund 200 Milliarden Dollar an frischem Kapital erhalten. Die Geldgeber, darunter viele Staatsfonds aus Asien und dem Nahen Osten, bereuen ihre Engagements. Denn die Beteiligungen sind inzwischen nur noch einen Bruchteil der investierten Summen wert. Kein Wunder, dass sich in der vergangenen Woche Kaufinteressenten an der maroden amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers zurückzogen.

Hätte der amerikanische Staat nicht eingreifen können, wie zuvor bei der Investmentbank Bear Stearns

Viele Anleger hatten darauf vertraut, dass die Regierung es nicht wagen würde, eine so große Bank wie Lehman umfallen zu lassen. Zu groß schienen die Risiken für das Finanzsystem. Diese Hoffnung hat getrogen, was ein wichtiger Grund für die Kursverluste auf den Aktienmärkten und für die Verunsicherung der Anleger ist. In Marktkommentaren ist von einer Schocktherapie die Rede

Aber wenig später hat die amerikanische Notenbank Fed doch den Versicherer AIG gerettet. Warum nicht auch Lehman?

Um ein Exempel zu statuieren. So lange der Staat immer einspringt, wenn es schief geht, besteht für Eigentümer und Manager der Banken der Anreiz, immer größere Risiken einzugehen. Lehman soll ihnen zeigen, dass sie sich nicht zu sicher fühlen dürfen. Die Fed hat offenbar das von der Lehman-Pleite ausgehende systemische Risiko als erträglich eingeschätzt, zumal Banken und Anleger über Monate Zeit hatten sich darauf einzustellen. Die Notlage des Versicherers American International Group spitzte sich dagegen rascher zu. Außerdem ist AIG ein besonders großer Akteur auf dem Derivatemarkt. Die Gesellschaft hat allein mit handelbaren Kreditabsicherungen offene Positionen im Wert von 440 Milliarden Dollar. Ein unkontrollierter Bankrott und eine schlagartige Abwicklung hätte eine Kettenreaktion auslösen können

Wie kommt ein Versicherungsunternehmen überhaupt dazu, solche Geschäfte zu machen

AIG war nicht nur Versicherer, sondern agierte wie eine Investmentbank. Neben den soliden Geschäftsbereichen der Sach- und Lebensversicherung gibt es eine Sparte für Finanzprodukte. Sie ist unter anderem als Sicherungsgeber auf dem Derivatemarkt aufgetreten. AIG hat im großen Stil Absicherungen für amerikanische Hypothekenanleihen gegeben. Dafür kassierte der Versicherer über Jahre riesige Erträge, so lange die Preise auf dem amerikanischen Immobilienmarkt stiegen. Inzwischen sind die Hauspreise im Schnitt um 18 Prozent gefallen und viele Menschen können ihre Kredite nicht mehr bedienen.

Das ist aber schon seit einem Jahr so

Stimmt, aber die Lage verschärft sich weiter. Die Zahl der Zwangsvollstreckungen nimmt zu. Die Ratingagentur Standard & Poor's hat ihre Schätzung für die notwendigen Abschreibungen auf Hypotheken, die an finanzschwache Eigenheimbesitzer vergeben worden sind, gerade von 285 auf 378 Milliarden Dollar angehoben. Zähle man auch noch die aus qualitativ hochwertigeren Hypotheken zu erwartenden Verluste hinzu, liege die Summe der erforderlichen Abschreibungen sogar bei rund 500 Milliarden Dollar. Der Fall Lehman zeigt, dass die Banken mit diesen Abschreibungen nun alleine fertig werden müssen - bis hin zur Pleite.

Warum kann die Insolvenz einer großen Bank gefährlich sein

Schon ein drohender Konkurs kann zu Notverkäufen von Vermögenswerten führen. Das drückt die Preise für verlustreiche Kreditverbriefungen noch weiter nach unten. Andere Banken sind dann gezwungen ihre eigenen Papiere zu geringeren Werten zu bilanzieren, obwohl sie diese eigentlich gar nicht verkaufen wollen. Außerdem haben zum Beispiel Lehman und AIG Kreditabsicherungen verkauft. Durch den Konkurs sind die von Lehman ausgesprochenen Versicherungen und Garantien wertlos. Das zwingt Banken, die sich auf die Versicherungen verlassen haben, zu weiteren Abschreibungen. Um das zu finanzieren kann zusätzliches Kapital notwendig sein, das Banken aber derzeit oft von Investoren nicht erhalten

Verpuffen die Milliarden der Zentralbanken

Sie sind kein Befreiungsschlag, wirken aber immerhin wie eine Infusion, die den Geldkreislauf stabilisiert. Das Misstrauen unter den Geschäftsbanken ist so groß, dass sie sich gegenseitig kaum noch Geld leihen. An dieser Stelle springen die Notenbanken als Bank der Banken ein und stellen Liquidität zur Verfügung.

Droht deshalb Inflation

Eher nicht. Denn die Zentralbanken werfen nicht die Notenpresse an. Sie verlangen für ihre Milliardenkredite Wertpapiere als Sicherheiten. Nach einer bestimmten Frist zahlen die Geschäftsbanken das geliehene Geld einschließlich der Zinsen wieder zurück, wodurch es wieder vom Markt verschwindet. Zudem hat die amerikanischen Notenbank in dieser Woche die von vielen Investmentbanken erhoffte Senkung des Leitzinses verweigert.

Wer könnten die nächsten Opfer sein

Von den fünf großen Investmentbanken in Amerika sind nur noch Morgan Stanley und Goldman Sachs übrig. Auch Morgan Stanley droht der Verlust der Unabhängigkeit. Das Geschäftsmodell der Investmentbanken scheint gescheitert. Sie müssen sich ausschließlich über den Kapitalmarkt finanzieren, was in der Finanzkrise kaum möglich ist. Universalbanken wie die Deutsche Bank sind im Vorteil, weil sie Privatkunden haben, die Geld auf Girokonten oder Sparbüchern einzahlen. Aber auch sie können in Bedrängnis geraten, wie die Beispiele UBS und HBOS zeigen

Welche Risiken birgt die Finanzkrise noch

Gefährlich ist ein sich selbst verstärkender Prozess. Die abgeschlagenen Banken müssen ihre Kreditvergabe einschränken. Das belastet die Wirtschaft und könnte zu einem scharfen Abschwung führen. Es drohen Unternehmensinsolvenzen, die bei den Banken zu weiteren Kreditverlusten führen können. Zudem entstehen immer größere Banken - auch in England, wo der Wettbewerb auch in der Vergangenheit nicht gut funktionierte.

Bleibt Hoffnung

Vor allem für Europa und Deutschland. Das zersplitterte Bankensystem in Deutschland aus Sparkassen, Genossenschaftsbanken und privaten Banken mit jeweils eigenen Sicherungssystemen erweist sich als stabilisierend. In Deutschland fehlt es nur den Landesbanken, ähnlich wie den amerikanischen Investmentbanken, an einem zukunftsträchtigen Geschäftsmodell. Aber Rohstoffpreise und Euro-Wechselkurs zeigten zuletzt nach unten und sollten für die europäische Wirtschaft den bevor stehenden Abschwung erträglicher machen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.

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