Hypo Real Estate

Aktionäre erlauben Verstaatlichung der HRE

Von Henning Peitsmeier

Ein Name und im Saal wird es laut: Soffin-Chef Hannes Rehm

Ein Name und im Saal wird es laut: Soffin-Chef Hannes Rehm

03. Juni 2009 Hannes Rehm muss ein mutiger Mann sein. Die Stimmung unter den Aktionären der Hypo Real Estate ist gereizt, geradezu aggressiv, da schreitet die Zielscheibe der Aktionärsproteste mit festem Schritt ans Rednerpult. Soeben hat ein Vorredner von der „schwärzesten Stunde des deutschen Kapitalmarktrechts“ gesprochen und die Kapitalerhöhung für die HRE als „Vorbereitung zur Enteignung“ bezeichnet. Nun steht Rehm am Mikrofon und blickt in die Gesichter von gut 1900 Anwesenden, die in den wenigen Stunden zuvor schon mehrfach den Beweis angetreten haben, mühelos eine Atmosphäre wie in einem Bierzelt zum Münchner Oktoberfest entfachen zu können.

Rehm ist Chef des Bankenrettungsfonds Soffin und damit Vertreter des HRE-Großaktionärs, der schon 47 Prozent hält und bald die übrigen Aktionäre aus der Bank drängen wird. Und die Nennung seines Namens reicht, um den Dezibelpegel im Saal hörbar zu heben, um Pfiffe und Buhrufe zu provozieren. „Lügner“ und „Wie bei den Kommunisten“, schallt es dem hoch aufgeschossenen Mann mit dem schlohweißen Haar entgegen - oder, auf bayrisch, die unmissverständliche Aufforderung: „Geh hoam!“

Berufskläger heizen die Stimmung an

Die Aktionäre kommen

Die Aktionäre kommen

Rehm ist das personifizierte Feindbild. Was er zu sagen hat, interessiert nur eine schweigende Mehrheit im Kongresszentrum der Münchner Messe. „Die HRE ist von überragender systemischer Bedeutung“, versucht sich Rehm Gehör zu verschaffen. „Wir brauchen 100 Prozent der Bank, um sie sanieren zu können.“ Offenbar ist die Furcht im Finanzministerium so groß gewesen, dass Investoren wie Hedgefonds darauf aus sein könnten, als Minderheitsaktionär aus der Krise der Bank Kapital zu schlagen, mutmaßen einige. Manche wittern gar eine Verschwörung wahlweise des Finanzministeriums, der Bundesbank oder des Soffin. Einzelne Berufskläger heizen die Stimmung an, schreien ihre Gegenanträge zur Geschäftsordnung ins Mikrofon, drohen unter Protest Klagen an. Noch am Nachmittag liegen 45 Wortmeldungen vor, längst ist die Redezeit von 10 auf 5 Minuten begrenzt, dann wird die Rednerliste geschlossen - denn schließlich muss die Hauptversammlung vor Mitternacht über die Bühne gebracht werden.

Nach fast zwölf Stunden stimmen am Ende 73,95 Prozent der anwesenden Aktionäre der geplanten Kapitalerhöhung zu, und der Bund hatte die Erlaubnis für die Verstaatlichung des maroden Immobilienfinanzierers in der Tasche.

„Verstaatlichung im Hinterzimmer“

Es sind oft wenige Reizworte, die ausreichen, um die Versammlung von Aktionären im Rentenalter in eine johlende Schar Halbwüchsiger zu verwandeln. Eines dieser Reizworte heißt „Bezugsrecht“. Und der Aufsichtsratsvorsitzende Michael Endres weist kurz nach Eröffnung der außerordentlichen Hauptversammlung darauf hin, dass eben jenes Bezugsrecht für alle übrigen HRE-Aktionäre ausgeschlossen ist. „Pfui-“und „Raus-“Rufe sind die Antwort.

Der Ausschluss des Bezugsrechts erregt die Aktionäre ebenso wie der Ausschluss der elektronischen Medien. Aktionärssprecher Hans-Martin Buhlmann fordert, die Presse sofort wieder zuzulassen. Es könne doch nicht „im Hinterzimmer eine Bank verstaatlich werden.“ Schon vor Beginn der Hauptversammlung hatten Rundfunkanstalten und Journalistenverbände gegen das Vorgehen protestiert - vergeblich. Später wird Endres über sich selbst abstimmen lassen: Mehrere Aktionäre haben den Antrag gestellt, ihn wegen „Befangenheit und Unfähigkeit“ als Versammlungsleiter abzusetzen. Das Abstimmungsergebnis überrascht kaum: Der Antrag wird mit 99 Prozent der anwesenden Stimmen abgelehnt.

Wenige Aktionäre tragen ihre berechtigte Kritik so sachlich vor, wie Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Auch die Frau mit der strengen Hochsteckfrisur spart nicht mit Schärfe, spricht von „kriminellen Vorgängen um die Hypo Real Estate“, von einem „eklatanten Versagen unseres Staates, eine funktionsfähige Bankaufsicht auf die Beine zu stellen.“

Sie sagt, dass der alte HRE-Vorstand die Bank „leichtfertig in den Ruin gefahren“ habe, und sie teilt das Problem aller Anwesenden: Der alte Vorstand um den Vorsitzenden Georg Funke sitzt nicht auf dem Podium. Dort sitzt jetzt Funkes Nachfolger Axel Wieandt, ein junger Manager aus dem Talentschuppen von Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann. Es ist Wieandts erster öffentlicher Auftritt, seine erste Hauptversammlung als Vorstandsvorsitzender, die Beinahe-Pleite hat er nicht zu verantworten. So einer taugt nicht als Zielscheibe. Sein dunkelblaues Sakko hat Wieandt bis oben zugeknöpft, seine Augen blicken wachsam durch die runde Hornbrille. Seelenruhig und konzentriert beantwortet er die vielen Sachfragen, geduldig erträgt er die eine oder andere persönliche Beschimpfung. Der Zweiundvierzigjährige wirkt eigentlich nicht über Gebühr angespannt, würde er nicht wiederholt mit dem Taschentuch Schweißperlen von der Stirn wischen.

„Ich habe gezockt“

Wieandt schildert die prekäre Lage der HRE schonungslos. Die Bank, die bereits Garantien und Bürgschaften von 102 Milliarden Euro erhalten hat, ist laut Wieandt noch nicht über den Berg. „Wir gehen auch für die Geschäftsjahre 2009 und 2010 von hohen Ergebnisbelastungen aus“, sagt er und will das als Begründung für weitere Kapitalhilfen in Milliardenhöhe verstanden wissen. „Die Gruppe ist auf umfassende Liquiditäts- und Kapitalhilfe angewiesen, um ihr Überleben zu sichern“, sagt er. Das alles ist für viele Aktionäre kein Grund, ihre Aktien zwangsweise zu verkaufen.

Wenige Aktionäre sind so ehrlich wie Werner Tremme. Der Rentner aus München steht im Foyer, hält seine Abstimmungskarten fest in der Hand. Tremme besitzt 350 Aktien, die er mitten in der HRE-Krise für 4 Euro erworben hat und für die er bald 1,39 Euro bekommen wird. „Ich habe gezockt“, sagt er und lächelt verschmitzt. „Ich habe mir gedacht, so eine Bank darf man doch nicht zugrunde gehen lassen.“

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: ddp

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