Von Siegfried Thielbeer, Reykjavik

Trügerische Idylle: Bis sich die Wolken über der isländischen Hauptstadt verziehen, wird es noch lange Zeit dauern
17. Oktober 2008 Von Hamsterkäufen in Reykjavik ist nichts zu beobachten. Die Regale der Supermärkte sind gut gefüllt, auch wenn in den vergangenen Tagen in manchen Geschäften über eine Verdoppelung der Umsätze berichtet worden war. An den Tankstellen ist mühelos Benzin zu erhalten. Die Lichter sind noch nicht ausgegangen in dem Inselstaat, dem der Staatsbankrott droht.
Die erste Reaktion der Menschen auf die jüngsten Hiobsbotschaften scheint von trotziger Zuversicht geprägt: Es wird schon werden, meinen Sie nicht auch? Dabei trifft die Krise die meisten hart - auch diejenigen, die glaubten, bisher eigentlich nicht über die Verhältnisse gelebt zu haben: Am Dienstag wurden Hunderte von Bankangestellten entlassen, viele andere Isländer, die in den vergangenen Jahren Arbeitslosigkeit nicht kannten, bangen nun um ihre Stellen. Innerhalb von wenigen Monaten ist zudem alles dramatisch teurer geworden. Fachleute klagen über eine Inflationsrate von 14 Prozent. Hausfrauen berichten, dass sich seit September vor einem Jahr die Preise um 20 Prozent erhöht haben, der Brotpreis sogar um 26 Prozent.
Haus nun weniger wert als Kredit
Und die gesamte private Haushaltsplanung stimmt plötzlich nicht mehr: Wer vor zwei Jahren eine Eigentumswohnung von 150 Quadratmetern für etwa 300.000 Euro erwarb, ein Drittel anzahlte und nur für zwei Drittel einen Hypothekenkredit aufnahm, muss nun feststellen, dass wegen des Einbrechens der überhöhten Immobilienpreise die Wohnung oder das Haus weniger wert ist als der Kredit. Die Wohnungskosten sind seit einem Jahr, wegen der Bindung der Zinsen an den Inflationsindex, um fast 20 Prozent teurer geworden. Aber verkaufen kann man nicht. Schlimmer ergeht es den Autofahrern. Isländer kauften gerne große Geländewagen amerikanischer oder japanischer Produktion. Eine Kreditfinanzierung zu 100 Prozent war üblich. Da die Regierung seit langem schon die Kreditzinsen für die isländische Krone hochgetrieben hatte, wichen viele auf eine billige Finanzierung in Yen, Euro oder Schweizer Franken aus. Das rächt sich jetzt: Wegen des Verfalls der isländischen Währung ist nun für den Devisenkredit mindestens das Doppelte zu bezahlen. Aber verkaufen könnte man die Fahrzeuge mit ihrem hohen Benzinverbrauch nur noch mit riesigem Verlust.
Vor zwei Jahren konnten die Isländer einen Euro noch für 80 Kronen bekommen, im Frühjahr waren es schon mehr als 120 Kronen. Als die Zentralbank den Leitzins zur Bekämpfung der Inflation von 14 auf 15,5 Prozent erhöhte, verschaffte das der isländischen Währung noch einmal kurz Luft. Inzwischen beträgt der offizielle Preis 150 Kronen - nur, der Normalbürger kann gar keine Devisen mehr erwerben. Auf dem Restmarkt in Europa, der inzwischen versiegt ist, fiel der Kurs sogar auf 340 Kronen. Mit der Verstaatlichung der Banken wurde auch die Bewirtschaftung der Devisen wieder eingeführt, die jetzt, wie am Mittwoch durch ein Bulletin der Zentralbank verkündet wurde, nach Bedarf über Auktionen verteilt werden sollen. Die wenigen Bestände, die sich Regierung und Zentralbank in den vergangenen Monaten noch sichern konnten und die am vergangenen Dienstag noch einmal durch Kredite der dänischen und norwegischen Nationalbanken von jeweils 200 Millionen Euro erhöht wurden, werden gehortet. So können wenigstens die lebenswichtigen Importe von Lebensmitteln und Produkten für die Unternehmen bezahlt werden.
Woher kam nur all das Geld?
An der Börse in Reykjavik war der Index bis zum Frühjahr schon um ein Drittel gefallen. Besonders hart getroffen waren die Bankaktien, die 80 Prozent des Börsenwertes in Reykjavik ausmachten. Dann stürzten bis Anfang Oktober die Werte auf die Hälfte ab. Inzwischen ist der Index ohnehin fiktiv. Die Bankaktien werden nicht mehr gehandelt. Seit Jahren hatten isländische Banken und Investmentgruppen in Nordeuropa, in den Niederlanden und Großbritannien auf atemberaubende Weise expandiert: Sie kauften Banken und die größten Warenhäuser in Dänemark auf. Dazu kamen das nobelste Hotel Kopenhagens sowie Immobilien, Modeketten. Zudem lancierten sie Gratiszeitungen, die etwa die großen dänischen Zeitungskonzerne in ihrer Abwehrschlacht Hunderte von Millionen dänische Kronen gekostet haben.
Die jugendlichen und smarten isländischen Bankiers und Investoren, entscheidungsfreudig innerhalb von Tagen im Gegensatz zu den konservativen europäischen Banken, schienen auf Beutezügen wie einst die Wikinger. Woher kam nur all das Geld? Wie konnte es sein, dass eine Bank wie Kaupthing unter ihrem 37 Jahre alten Chef immer bessere Zinskonditionen anbot als die europäische Konkurrenz? Verdienten die mehr? Viele wunderten sich schon längere Zeit. Gelegentlich, etwa 2006, kam alles schon einmal ins Rutschen, als plötzlich die isländische Krone in Turbulenzen geriet. Das Abenteuer der isländischen Gratiszeitung, Vorbild für die Expansion in Skandinavien, endete inzwischen in einem Fiasko und dem Verlust vieler Arbeitsplätze auch bei isländischen Zeitungen.
Syndrom des Problem-Leugnens
Die isländischen Banken, die die Aufkäufe der isländischen Investoren, mit denen sie persönlich eng verbunden waren, finanzierten, nutzten die international niedrigen Zinsen zum aggressivem Schuldenmachen. Vor zehn Jahren entsprachen die gesamten Aktivitäten der Banken, die ursprünglich nur dem kleinen Binnenmarkt dienten und erst 2003 ganz privatisiert waren, noch ungefähr dem Bruttoinlandsprodukt. Jetzt betragen sie das Zehnfache. Allein Kaupthing war sechsmal so groß wie das isländische Bruttoinlandsprodukt. Doch jetzt ist das Zinsniveau viel höher geworden und die Refinanzierung der Kredite viel teurer.

"Deine Bank schert sich nicht um Dich" steht auf dem T-Shirt des Demonstranten vor dem isländischen Parlament. In Island geht die Sorge um die Arbeitsplätze um
Seit vergangenem Herbst schon ist der Börsenboom in Reykjavik vorbei, seither beginnt auch die Immobilienblase zu platzen. Die Inflation stieg schon im März auf 8,7 Prozent statt der von der Zentralbank angestrebten 2,5 Prozent und vier Prozent, die man maximal tolerieren wollte. Das Defizit der Zahlungsbilanz liegt bei 16 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Island habe seit langem schon über seine Verhältnisse und auf Pump gelebt, klagt Wirtschaftsprofessor Gylfi Magnusson. Frühzeitige Warnungen aus dem In- und Ausland seien in den Wind geschlagen worden.
Er spricht von einem weitverbreiteten Syndrom des Problem-Leugnens. Auch in Island habe es Warnungen gegeben, aber niemand habe hören wollen. In Island mit gerade einmal 300.000 Einwohnern, davon fast 200.000 im Großraum Reykjavik, kenne jeder jeden. Und bei Freundschaftskumpaneien seien neutrale Analysen und Kritik schwer möglich. Das Wuchern der isländischen Banken zu einem Vielfachen des Bruttoinlandsprodukts sei ein kolossaler Fehler gewesen, sagt Magnusson. Zentralbank und Finanzaufsicht hätten ebenso versagt wie die Regierung, die vielleicht noch 2007 hätte gegensteuern können. Aber selbst der Staatspräsident sei über die Erfolge der Banken begeistert gewesen.
Opfer der Finanzkrise
Und dann kamen die Auswirkungen der internationalen Finanzkrise hinzu. Die isländischen Banken fühlten sich zunächst als das Opfer von Manipulationen, wie Sigidur Einarsson, der Aufsichtsratschef von Kaupthing, sagte. Zentralbankchef David Oddson, Vorgänger von Ministerpräsident Haarde, beschuldigte skrupellose Händler, die Islands Finanzsystem erdolchen wollten. Auch Haarde sagte, Island werde sich der internationalen Spekulanten durch eine Bärenfalle zu wehren wissen. Noch Anfang Oktober klagte er, die eigentlich grundsoliden isländischen Banken seien das Opfer der von Amerika ausgehenden Krise.
Im Industrieverband in Reykjavik herrschte längst die Ansicht, dass die isländische Krone zu spekulationsanfällig sei. Man sollte daher auch wegen der ganz überwiegenden Handelsausrichtung nach Europa am besten den Euro einführen, lautete der Rat. Doch bisher hat die konservative Unabhängigkeitspartei jeden Gedanken an eine EU-Mitgliedschaft abgewehrt. Dabei spielt auch der Fischkonflikt mit der EU eine Rolle.
Ein neuer Schuldiger
Mit Garantien für die Bankkunden wie in Europa und Amerika könnte der isländische Staat vor dem Bankrott stehen, sagte jetzt warnend Ministerpräsident Haarde. In Wahrheit aber kann der isländische Staat gar nicht für die viel zu großen Banken garantieren. Garantien für ausländische Anleger, die Konstruktionen mit Holländern und Briten zeigen es, kann Island nur geben, wenn es dafür Devisenkredite dieser Länder erhielte. Bei einer entsprechenden Regelung mit Deutschland würde also der deutsche Steuerzahler für die Einlagen der Deutschen zahlen.
Inzwischen haben die Isländer einen neuen Schuldigen ausgemacht: den britischen Premierminister Brown. Durch die Entscheidung der Briten, die Kaupthing-Konten zu beschlagnahmen, sei die völlig liquide Bank erst ins Strudeln gebracht worden. Und wie könne es sein, dass die Briten dabei ihre Antiterror-Gesetze genützt hätten? Jetzt übt man erst einmal patriotischen Schulterschluss. Nach einer Anstandsfrist aber werden die Köpfe rollen in Island. Viele erwarten, dass die führenden Bankiers bei der Zentralbank der Finanzaufsicht und wohl auch der Ministerpräsident werden gehen müssen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, F.A.Z., Tobias Schmitt
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