Finanzkrise

Der Weg in das Milliarden-Desaster

Von Benedikt Fehr

31. Dezember 2008 Die Geldbeträge, um die es seit Ausbruch der Finanzkrise geht, machen staunen: Die Mittelstandsbank IKB verliert mehrere Milliarden Euro, zur Rettung der Citigroup müssen Staat und Notenbank mehr als 300 Milliarden Dollar bereitstellen, die Bundesregierung schnürt zur Stützung der deutschen Banken ein Paket über 500 Milliarden Euro. Wie erklären sich diese astronomisch hohen Geldbeträge? Wie konnte es zu diesem Desaster kommen?

Billionen an neuen Krediten

In den riesigen Geldbeträgen spiegelt sich, dass in den vergangenen Jahren rund um den Globus in großem Stil Kredite vergeben und Geld geschöpft wurde. So hatten die Banken des Euro-Raums Ende 2000 an Haushalte und Unternehmen des Euro-Raums nach Statistiken der Europäischen Zentralbank (EZB) insgesamt rund 6100 Milliarden (6,1 Billionen) Euro an Krediten vergeben; knapp acht Jahre später, im Oktober 2008 betrug das Kreditvolumen rund 10,9 Billionen Euro - ein Zuwachs von fast 80 Prozent. In anderen Ländern haben die Kredite ähnlich stark zugenommen.

Einen Anhaltspunkt dafür liefern die Geldmengendaten. Im Euro-Raum hat die Geldmenge von Ende 2000 bis Oktober 2008 um 4,5 Billionen Euro oder rund 91 Prozent auf 9,4 Billionen Euro zugenommen. Auch in den Vereinigten Staaten schwoll sie stark an, allerdings nicht so stark wie im Euro-Raum: um knapp 3 Billionen Dollar oder gut 60 Prozent auf 7,9 Billionen Dollar. Ähnlich stark nahmen die Geldmengen nach OECD-Daten auch in vielen anderen Ländern zu: in Großbritannien zum Beispiel um 130 Prozent und in den westlichen Industrieländern insgesamt um 84 Prozent.

Wie Geld geschöpft wird

Wie konnte es zu dem starken Anstieg der Kreditvolumen und Geldmengen kommen? Schon seit einigen Jahrzehnten ist das Geld nicht mehr durch Gold gedeckt; das Ausmaß der Geldschöpfung wird in den modernen Papiergeldwährungen vielmehr von politischen Erwägungen bestimmt. An der Geldschöpfung sind dabei zum einen die Geschäftsbanken, zum anderen die Zentralbank eines Landes beteiligt. In den westlichen Industrieländern wird Geld normalerweise überwiegend durch die Vergabe von Krediten geschöpft, zum kleineren Teil dadurch, dass Banken oder Notenbanken Vermögenswerte ankaufen.

Anders als vielfach vermutet, spielen die Ersparnisse, die eine Geschäftsbank bei den Haushalten einsammelt, für ihre Kreditvergabe nur eine untergeordnete Rolle. Die Wirkungskette läuft vielmehr in umgekehrter Richtung: Gewährt eine Bank einem Kunden einen Kredit zum Beispiel in Höhe von 100 000 Euro, schreibt sie diesen Betrag dem Schuldner auf dessen Girokonto gut: In diesem Moment entsteht Buch- oder Giralgeld. Der Schuldner wird über das gutgeschriebene Geld verfügen, es zum Beispiel zur Bezahlung eines Eigenheims verwenden. Dann landet das Geld auf dem Konto des Verkäufers, der darüber wiederum verfügt. Weitere Empfänger von Überweisungen werden die Giro-Guthaben wegen der höheren Zinsen zum Teil als Sparguthaben oder Festgeld anlegen. Das geschöpfte Geld zirkuliert somit auf den Bankkonten - bis es zum Beispiel durch Tilgung eines Kredits dem Kreislauf wieder entzogen wird.

Wiederum anders als vermutet, wird durch die Geldschöpfung niemand reicher: Der Bankkunde, der den Kredit aufgenommen hat, hat nun zwar 100 000 Euro auf seinem Konto, über die er verfügen kann; doch hat er auch 100 000 Euro Schulden, die er, samt Zinsen, zurückzahlen muss. Entsprechend hat die Bank nun zwar auf der Aktivseite ihrer Bilanz eine Kreditforderung gegen den Kunden, doch steht dem auf der Passivseite die Einlage des Kunden von 100 000 Euro als Verbindlichkeit gegenüber.

Giral- und Bargeld sind austauschbar

Im praktischen Leben ist das Giralgeld so gut wie Bargeld. Jeder Bankkunde kann sich sein Giro-Guthaben jederzeit in bar auszahlen lassen. Sollten einer Geschäftsbank die Bestände an Bargeld knapp werden, nimmt sie bei der Zentralbank einen Kredit auf, die ihr den Betrag gutschreibt. Dieses Guthaben kann sich die Geschäftsbank in Banknoten auszahlen lassen. So kommt das Bargeld in Umlauf: von der Zentralbank, die es drucken lässt, zur Geschäftsbank und von dieser zu den privaten Kunden.

Auch bei dieser Geldschöpfung wird weder die Zentral- noch die Geschäftsbank reicher. Aktiv- und Passivseite der Bilanzen sind jeweils ausgeglichen. Die Zentralbank verdient aber an den Zinsen, die die Geschäftsbank für den ihr gewährten Kredit zahlen muss. Diese Pflicht zur Zinszahlung gibt der Geschäftsbank einen Anreiz, mit dem geschöpften Geld so umzugehen, dass Wert geschaffen wird - und die Volkswirtschaft an Wohlstand gewinnt. Ähnlich legt die Pflicht zur Zinszahlung auch dem privaten Kreditnehmer nahe, das aufgenommene Geld effizient zu verwenden.

In der Praxis wird der größte Teil der Zahlungen ohne Bargeld abgewickelt: Beispielsweise wird die Stromrechnung meist dadurch beglichen, dass Giralgeld von einem Konto zum anderen überwiesen wird. Entsprechend sind derzeit nur rund 700 Milliarden Euro in Banknoten im Umlauf, während sich die Einlagen auf den Girokonten auf rund 3300 Milliarden Euro summieren.

Begrenzung der Geldschöpfung

Können die Geschäftsbanken unbegrenzt Kredite gewähren und Giralgeld schöpfen? Im Prinzip gibt es "Bremsen" auf drei Ebenen: erstens durch das Interesse der Banken an der Vermeidung von Verlusten, zweitens durch die Regeln der Bankaufsicht und drittens durch die Geldpolitik der Zentralbanken. Im Nachhinein wird deutlich, dass in den vergangenen Jahren alle drei "Bremsen" nicht richtig gegriffen haben.

Auf der einen Seite sind Banken daran interessiert, viele Kredite zu vergeben. Denn sie verdienen an den Kreditprovisionen sowie an der Zinsmarge. Dem steht freilich bremsend das Verlustrisiko gegenüber: Zahlt ein Schuldner den Kredit nicht zurück, bereitet dies der Bank einen Verlust. Inzwischen ist allerdings klar, dass die Bonisysteme vieler Finanzinstitute die Mitarbeiter zu stark auf die Erzielung kurzfristiger Gewinne ausgerichtet haben. Fällt ein - leichtfertig vergebener - Kredit nach mehreren Jahren aus und wird er für die Bank zum Verlust, muss der Mitarbeiter dafür nicht haften.

Bankaufsicht ohne Biss

Da die Geschäftsbanken Giralgeld schöpfen können, unterliegen sie einer staatlichen Regulierung. So schreibt die Bankaufsicht vor, dass eine Bank jeden Kredit und ähnliche riskante Engagements mit Eigenkapital als "Risikopuffer" unterlegen muss, der Verluste auffangen kann, so dass die Gläubiger der Bank - zum Beispiel die Inhaber von Sparguthaben - nicht um ihre Forderungen fürchten müssen. Vereinfacht dargestellt, muss eine Bank für 100 Millionen Euro an Krediten mindestens 8 Millionen Euro an Eigenkapital vorhalten. In der Praxis sichern viele Großbanken ihre Risiken allerdings mit deutlich weniger Eigenkapital ab.

Das ist der Grund für die Angst, dass das Finanzsystem zusammenbrechen könnte: Denn wenn nur einige Prozent des Kreditportefeuilles ausfallen, kann dies rasch zu einer Knappheit an Eigenkapital führen - wenn nicht gar zu dessen völligem Verlust und damit der Pleite der Bank. Auch die Einleger der Pleite-Bank müssen dann Einbußen befürchten, was eine verheerende Kettenreaktion auslösen kann. Um einer Panik vorzubeugen, hat Bundeskanzlerin Angela Merkel im September für alle privaten Bankguthaben eine politische Garantie gegeben.

Um ihren regulatorischen Eigenkapitalbedarf möglichst gering zu halten, haben viele Banken in den vergangenen Jahren außerbilanzielle Zweckgesellschaften gegründet, welche ihnen Kredite oder mit Krediten unterlegte Wertpapiere abkauften. Die Gewinne dieser Zweckgesellschaften flossen den Banken zu. Geht alles gut, lässt diese Strategie die Eigenkapitalrendite der Bank steigen - deren Höhe oft die Höhe der Boni bestimmt.

Dass Banken Kredite mit Eigenkapital als Risikopuffer unterlegen müssen, dient dem Schutz der Allgemeinheit. Gleichwohl haben die Aufsichtsbehörden in fast allen Ländern die Umgehung der Eigenkapitalvorschriften geduldet. Das rächt sich nun: Gerade auch die Zweckgesellschaften bereiten den Banken jetzt so hohe Verluste, dass sie mit Steuergeld gestützt oder gerettet werden müssen.

Einäugige Geldpolitik

Auch die Zentralbanken können die Kreditvergabe der Geschäftsbanken begrenzen: Die Notenbank verpflichtet die Geschäftsbanken, bei ihr in einem bestimmten Umfang "Mindestreserven" zu unterhalten. Wie bei der Beschaffung von Bargeld müssen die Geschäftsbanken dazu bei der Zentralbank einen Kredit aufnehmen. Die Zentralbank kann den Zins für diese Kredite nach freiem Ermessen festsetzen. Erhöht sie den "Leitzins", geben die Banken dies meist über höhere Kreditzinsen weiter. Höhere Leitzinsen verringern somit in der Tendenz die Kreditnachfrage von Unternehmen und Haushalten, niedrigere Zinsen erhöhen sie. Die Zentralbank kann über diese - allerdings fragile - Wirkungskette das Volumen von Kreditnachfrage und Geldschöpfung steuern.

In den sechziger und siebziger Jahren schenkten die Notenbanken unter dem Einfluss der monetaristischen Theorie der Entwicklung der Geldmenge viel Beachtung. Doch hat die monetaristische Theorie ihre Schwächen. Die meisten Notenbanken gingen deshalb dazu über, die Entwicklung der Verbraucherpreise in den Vordergrund ihrer Strategie zu rücken. Tatsächlich blieb die Inflation der Verbraucherpreise, mit Ausnahme des Jahres 2008, trotz der starken Zunahme der Geldmengen vergleichsweise niedrig. Ein wichtiger Grund dafür war allerdings, dass sich Länder wie China und Indien der Marktwirtschaft öffneten: Billigimporte aus diesen Ländern hielten Verbraucherpreise und Lohnzuwächse in den Industrieländern in Schach.

Vertrauen auf die Markteffizienz

Abgesehen davon wurde ein Teil der Kredite nicht aufgenommen, um mit dem geschöpften Geld Verbrauchsgüter wie Autos oder Maschinen zu erwerben, sondern vielmehr, um dieses Geld an den Finanzmärkten gewinnbringend anzulegen. Das trieb die Preise praktisch auf allen Finanzmärkten nach oben, von Immobilien über Aktien und Rohstoffe bis hin zu komplexen Anleihen. Diese durch Geldschöpfung finanzierte Inflation der Vermögenspreise kümmerte die Zentralbanken allerdings kaum. Denn nach der vorherrschenden Doktrin wissen Käufer, Verkäufer und die finanzierenden Banken selbst am besten, was der Wert eines Eigenheims oder einer Aktie ist - auf alle Fälle besser als ein Bürokrat fernab in der Zentralbank.

Dieses Vertrauen auf die Vernunft der Wirtschaftsakteure und auf die Effizienz des Marktes hat aber offensichtlich die Eigendynamik spekulativer Prozesse unterschätzt: Eine kreditfinanzierte Nachfrage nach bestehenden Eigenheimen oder Aktien treibt deren Preise nach oben. Das lockt weitere Käufer an, die auf Spekulationsgewinne aus sind. Gleichzeitig wird es den Banken möglich, zusätzliche Kredite zu vergeben - und so auch für sich selbst rasch zusätzliche Gewinne zu erzielen. Denn steigen zum Beispiel die Eigenheimpreise, verfügen deren Besitzer über höhere Sicherheiten, die sie der Bank als Pfand für Kredite anbieten können.

Verstärkt wurde diese Preisdynamik durch aggressive Investoren, die den "Kredithebel" nutzten, um ihre Eigenkapitalrendite zu steigern. Dabei sammelt zum Beispiel ein Hedge-Fonds bei Anlegern Eigenkapital ein. Im ersten Schritt kauft er damit Wertpapiere. Diese Wertpapiere hinterlegt er bei einer Bank als Pfand, um Kredite aufzunehmen, mit denen er weitere Wertpapiere kauft. Diese Papiere hinterlegt er wiederum als Pfand für weitere Kredite. Manche Fonds haben so auf Eigenkapital von 1 Million Euro insgesamt 30 Millionen Euro an Kredit aufgenommen.

Weil die Kredite besichert waren, wogen sich die Banken in Sicherheit. Die Zentralbanken wiederum ließen lange gewähren, weil sie sich auf die - andauernd niedrigen - Verbraucherpreise fixierten und ansonsten auf die Effizienz der Finanzmärkte vertrauten. So stiegen und stiegen die Preise an vielen Finanzmärkten - bis die Spekulationsblasen im Jahre 2007, ausgehend vom amerikanischen Subprime-Hypothekenmarkt, zu platzen begannen.

Drohende Geldvernichtung

Seither gibt es eine Eigendynamik nach unten. Wegen der fallenden Preise wollen viele Investoren verkaufen, was die Preise weiter fallen lässt. Die durch Geldschöpfung erhöhten Werte fallen plötzlich in sich zusammen, als Folge der Wertvernichtung kommt es zu Geldvernichtung: Manche Schuldner können ihre Kredite nicht mehr bedienen; das bereitet den Banken Verluste, die deren Eigenkapital verringern. Die Banken verlängern deshalb ihre Kredite an Spekulanten nicht mehr, was weitere Zwangsverkäufe und Preisrückgänge auslöst. Und mangels Eigenkapital und anderer Refinanzierungen halten sich die Banken auch zusehends damit zurück, Sachinvestitionen zu finanzieren.

Die Abwärtsspirale zieht inzwischen die gesamte Weltwirtschaft nach unten. Um gegenzusteuern, haben Regierungen und Notenbanken riesige Rettungspakete geschnürt. Doch weil in den vergangenen Jahren so viele Kredite vergeben und so viel Geld geschöpft wurde - das nun größtenteils auf Bankkonten liegt und geschützt werden soll - sind astronomische Beträge erforderlich, um das Finanzsystem zu sichern.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: FAZ.NET: Carsten Feig

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