James Cramer

Ein Fernsehkommentator und der Dow-Absturz

Von Norbert Kuls

Finanzguru James Cramer muss sich rechtfertigen: Hat er allzu leichtfertig zu Verkäufen geraten?

Finanzguru James Cramer muss sich rechtfertigen: Hat er allzu leichtfertig zu Verkäufen geraten?

18. Oktober 2008 Der amerikanische Fernsehkommentator James Cramer ist für viele Anleger eine Art Guru. Seit ein paar Jahren hat er im Wirtschaftssender CNBC eine sehr erfolgreiche Show mit dem Titel "Mad Money" - verrücktes Geld. Sie zeichnet sich durch allerlei überdrehtes Verhalten von Cramer aus. Er unterstreicht seine Aktienempfehlungen gerne mit Geräuschen von weinenden Babys oder Maschinengewehren und reißt Schaumstoffbullen oder -bären vor laufender Kamera die Köpfe ab.

Der hemdsärmelige Cramer ist jedoch kein intellektuelles Leichtgewicht. Er hat einen Juraabschluss der Eliteuniversität Harvard, begann seine Karriere bei der führenden New Yorker Investmentbank Goldman Sachs und war lange Jahre als Manager eines Hedge-Fonds erfolgreich. Cramer gehört zu den Optimisten an der Börse. Eines seiner Mottos: "There's always a bull market somewhere" - irgendwo gibt es immer eine Hausse.

Harter Tobak für eine Frühstückssendung

Gerade dieser Hohepriester der Wall Street, der durchaus Kurse mit seinen Empfehlungen bewegen kann, hat nun eine bemerkenswerte Kurswende vollzogen. Vor zwei Wochen empfahl er Privatanlegern ganz undifferenziert den Ausstieg aus dem Aktienmarkt. "Nehmen Sie bitte all das Geld, das Sie in den kommenden fünf Jahren brauchen, aus dem Markt heraus - sofort - noch diese Woche", flehte Cramer.

Cramer machte seine Untergangsprognose bei dessen Muttergesellschaft NBC in der beliebten Frühstückssendung "Today", die sich an ein Massenpublikum richtet. Die Moderatorin der Sendung reagierte verblüfft, und vielen Zuschauern dürften angesichts dieser Prognose die Rühreier mit Speck im Hals steckengeblieben sein.

Hat Cramer den Dow Jones beeinflusst?

Möglicherweise hat Cramers Prognose sogar zum Markteinbruch an diesem Tag beigetragen. Seit Cramers Verkaufsempfehlung ist der Dow-Jones-Index um 13 Prozent gefallen. Aber die extremen Kursschwankungen am Aktienmarkt - ein Zeichen von Panikstimmung bei Anlegern - halten an.

Ob Cramer recht behalten wird, bleibt abzuwarten. Immerhin hat sich der Dow Jones von seinen jüngsten Tiefständen schon wieder um 6 Prozent erholt.

Ratschlag kommt zu spät

Auf jeden Fall beginnt die Kritik an Cramer zu wachsen. Denn vor zwölf Monaten, als der Dow einen neuen Rekord markiert hatte, hatte Cramer weiter den Kauf von Aktien empfohlen. "Wo war diese Empfehlung vor einem Jahr?", fragte Mitch Stapley, der das Anleihegeschäft bei der Regionalbank Fifth Third Bancorp verantwortet, angesichts von Cramers Rückzug.

Wer jetzt, fast 40 Prozent unter dem Rekord aus dem vergangenen Oktober, verkaufe, realisiere nur seine Verluste und verpasse die Erholung, für die der Aktienmarkt reif sei. Der berühmte Investor Warren Buffett, der reichste Mann der Welt, rät wegen der gefallenen Kurse nicht zum Verkauf, sondern zum Kauf amerikanischer Aktien.

Viele Fehler in der Krise

Cramer und die Finanzmärkte sind eine Fallstudie für Massenpsychologie geworden. Aber die Kapitulation von Cramer ist verständlich. Er hatte mehrmals zu früh den Tiefpunkt der Aktienbaisse ausgerufen. Auch hatte er Anleger noch kurz vor dem Beinahezusammenbruch der Investmentbank Bear Stearns beruhigt.

Und vor einigen Wochen präsentierte er bei "Mad Money" Robert Steel, den Vorstandschef der angeschlagenen Großbank Wachovia. Danach bezeichnete Cramer Wachovia wegen des Rettungspakets der Regierung als potentiellen Gewinner der Krise. Der Konzern stand in Wahrheit kurz vor dem Kollaps und wird jetzt an Wells Fargo verkauft. Cramer ging mit dieser Fehleinschätzung allerdings offensiv um. Er gab seinen Fehler zu und entschuldigte sich bei seinen Zuschauern.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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