Ökonomen kritisieren Steinbrück

„Regulierung mit dem Holzhammer wenig sinnvoll“

Von Holger Paul

Nach Steinbrücks Regierungserklärung sieht er sich von vielen Seiten der Krit...

Nach Steinbrücks Regierungserklärung sieht er sich von vielen Seiten der Kritik ausgesetzt

26. September 2008 Den Banken und Spekulationsfonds droht eine deutliche Einschränkung ihrer Geschäfte - zumindest, wenn es nach dem Willen des deutschen Finanzministers geht. Als Konsequenz aus der Finanzmarktkrise will Peer Steinbrück (SPD) unter anderem rein spekulative Leerverkäufe verbieten. Das hieße: Wetten auf fallende Wertpapierkurse wären nicht mehr erlaubt. Zudem will er die Weitergabe von Krediten über Verbriefungen begrenzen.

Damit geht der Minister deutlich über die bisherigen Überlegungen der EU-Kommission hinaus, die einen Selbstbehalt von lediglich zehn Prozent beim Handel mit Kreditpaketen vorgeschlagen hatte. Die Kommission will dazu am 1. Oktober eine neue Kapitalmarktdirektive präsentieren.

Ziel eines solchen Selbstbehalts wäre, die Finanzinstitute zu mehr Vorsicht und schärferer Prüfung der Geschäftspartner im Kredithandel zu zwingen. In der Finanzwelt und von Wissenschaftlern wird eine solche Regulierung jedoch kritisch bewertet. Ein Selbstbehalt von 20 Prozent würde bedeuten, dass die Banken mehr Eigenkapital für Verbriefungsgeschäfte vorhalten müssten, welches dann nicht für andere Ausleihungen zur Verfügung stünde, hieß es am Markt. In der Tendenz gingen damit auch die Erträge der Banken zurück. Vor allem große Privatbanken und Landesbanken wären davon betroffen, während kleinere Institute und Sparkassen besser damit leben könnten. Der Sparkassenpräsident Heinrich Haasis hatte unlängst auf einer Fachtagung die Idee des Selbstbehalts als „im Grundsatz richtig“ bewertet, allerdings vor einem europäischen Alleingang gewarnt.

„Das ist genau die Art von Regulierung, die wir nicht brauchen“

Marktteilnehmer sagten, entscheidend wäre bei einer solchen Regulierung die Ausgestaltug. Gehe es darum, allgemein 20 Prozent eines Kreditpakets im eigenen Buch zu belassen, könnten die Institute damit leben. Gehe es bei diesen 20 Prozent aber um jene Teile des Kreditbündels, die besonders ausfallgefährdet sind, würde das eine heftigen Einschnitt in das Geschäftsfeld Verbriefungen bedeuten.

Aber auch grundsätzlich sei eine solche „Regulierung mit dem Holzhammer“ wenig sinnvoll, sagte der Frankfurter Finanzprofessor Jan Pieter Krahnen. „Je nach Ausgestaltung eines Kreditpakets können 20 Prozent Selbstbehalt zu wenig oder zu viel sein“, erläuterte er. Zudem würde eine solche feste Zahl nur den Anreiz setzen, sie durch andere Kreditkonstruktionen zu umgehen. „Das ist genau die Art von Regulierung, die wir nicht brauchen“, sagte er. Der Wissenschaftler vom Frankfurter House of Finance plädiert vielmehr dafür, dass die Marktteilnehmer die Höhe des Selbstbehalts weiter selbst bestimmen dürfen, dies ihren Geschäftspartnern aber mitteilen müssen. Die so geschaffene Transparenz könnte für eine vernünftige Preisgestaltung und Risikoabwägung beim Kredithandel sorgen.

Marktbeobachter: Für deutsche Institute weniger einschneidend

Ein Verbot von Leerverkäufen wäre nach Ansicht von Marktbeobachtern für deutsche Institute weit weniger einschneidend als etwa für die Londoner Finanzwelt. Allerdings gebe es einige Geschäfte, die erheblich erschwert würden, etwa wenn Leerverkäufe zur Absicherung von Wertpapieren benutzt werden, die auf steigende Kurse setzen. Allerdings sei auch das in erster Linie ein Problem der großen Institute, hieß es. „Wenn man Leerverkäufe verbietet, stellt sich jedoch das Problem, wie Kurse und Preise korrigiert werden sollen, die zu weit nach oben getrieben wurden“, sagte der Mannheimer Finanzprofessor Martin Weber. Auch bei dieser Frage sei ein Mehr an Transparenz besser als ein Verbot. „In der Praxis einen Unterschied zwischen spekulativen und nicht-spekulativen Geschäften zu machen ist ohnehin kaum möglich“, ergänzte Krahnen.

Ein Verbot der spekulativen Leerverkäufe nur auf nationaler Ebene reicht auch nach Steinbrücks Einschätzung nicht aus, der Minister strebt daher eine internationale Vereinbarung an. Dafür will er sich auf dem bevorstehenden Treffen der sieben wichtigen Industrieländer in Washington einsetzen.

Darüber hinaus will der Finanzminister auch die Bankmanager persönlich für Fehler haftbar machen. Zudem machte er sich für eine weitere europäische Harmonisierung der Aufsicht stark. Das gehe allerdings nicht mit einem „Urknall“. Am Nachmittag traf Steinbrück sich mit Spitzenvertretern der deutschen Finanzbranche zu einem informellen Treffen um ihnen sein Acht-Punkte-Paket zur Neuordnung der Finanzmärkte zu präsentieren.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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