Münchener Maximilianstraße

Die Krise ist anderswo

Von Marcus Theurer

Prachtboulevard in Müchen: die Maximilianstraße

Prachtboulevard in Müchen: die Maximilianstraße

29. November 2008 Preise lügen nicht: Die teuersten 500 Meter der Republik liegen in München zwischen den Kammerspielen und dem Altstadtring. Nirgendwo in Deutschland werden höhere Ladenmieten bezahlt als auf der Maximilianstraße. 240 Euro im Monat kostet der Quadratmeter. Hier, gleich gegenüber vom Hotel Vier Jahreszeiten, hatte einst Rudolph Moshammer seinen Laden für geschmackvolle Krawatten namens „Carnaval de Venise“. Mosi ist nicht mehr, aber die anderen sind noch alle da. Armani, Gucci, Louis Vuitton, Escada und wie sie alle heißen. Mit München hat das alles nur am Rande zu tun. Die Maximilianstraße ist eine kleine Welt für sich - gemacht für Schwerreiche aus fernen Ländern und die Schickeria. Der gutsituierte Münchner im reiferen Alter kauft bei Beck am Rathauseck oder Loden Frey am Promenadenplatz. Nicht hier. Im Sommer strömen die Araber und ganzjährig die Russen über die Trottoirs der Maximilianstraße. Und dann gibt es noch die Touristen mit den Rucksäckchen, die ihren Reisebussen entsteigen, um sich diese fremde Welt anzuschauen.

Es ist kurz nach drei Uhr am Nachmittag, und die Suche nach der Krise in der Welt der nicht immer Schönen, aber doch meistens Reichen soll beginnen im Cafe mit dem treffenden Namen „Kulisse“ - mitten auf der Maximilianstraße. Krise? Welche Krise? Die junge Frau hinterm blankpolierten Tresen lacht. „Wir sind hier in München, da hauen die Leute weiter das Geld raus“. Ja, schon, dass bei Bayern LB Milliardenlöcher gähnen und BMW zu Tausenden die Arbeitsplätze streicht - „darüber wird auch hier geredet“, sagt die Kellnerin. Aber eigentlich gehe es in diesen Gesprächen meistens darum, dass man von diesen schlimmen Zeiten doch nur in der Zeitung lese und man selbst davon - komisch eigentlich - noch gar nichts bemerkt habe.

„Im Moment merkt man noch gar nichts“

Wer das ganze Krisengeschrei landauf landab nicht mehr hören mag, der sollte hierherkommen und sich einen Nachmittag in der Maximilianstraße gönnen. Hierher, wo kein Kunde eine Ladentür selber aufmachen muss, weil zum Türaufmachen eigene Angestellte beschäftigt werden. Außer bei dem alteingesessenen Juweliergeschäft, wo man vorne klingeln muss, damit einem der Weg in die Sicherheitsschleuse zur dahinterliegenden Schatzkammer geöffnet wird. Der Juwelier, ein junger Mann, ist sehr freundlich und zeigt auf dem mit beigem Wildleder bezogenen Tischchen im Beratungs-Séparée seine Schmuckstücke. Ein Ring mit einem sehr großen Smaragd. Er wolle nicht, dass in der Zeitung stehe, was das Stück koste, sagt der Juwelier. Macht ihm und seinen Kunden die heraufziehende Wirtschaftskrise Sorgen? Der Juwelier überlegt. „Die Leute äußern sich manchmal dahingehend“, sagt er. Auch an der Maximilianstraße werde die Rezession „nicht spurlos vorübergehen“. Und ist sie schon angekommen? „Wir können bisher keine gravierenden Auswirkungen erkennen.“

So geht es weiter. Der Galerist auf der anderen Straßenseite hat einen Spitzweg im Schaufenster. „Der späte Sonntagsjäger“, heißt das Bild. „Die Wahrheit ist: Im Moment merkt man noch gar nichts“, sagt er. Allenfalls nächstes Jahr könnte das Geschäft leiden, erwartet der Galerist, der seinen Laden auf der Maximilianstraße schon seit über 30 Jahren betreibt. Er habe ja mit den ganzen Luxusläden hier nicht viel zu tun, sagt er. Seine Kunden seien Sammler, allerdings leider keine Araber. Die interessieren sich nicht für Spitzweg.

Allenfalls die Bettler berichten hier von Umsatzrückgang

Wenn der Galerist über seine Ölgemälde hinweg aus dem Schaufenster sieht, blickt er auf einen ganz neuen Laden, in dem an diesem Nachmittag noch die Handwerker zu Gange sind: „Vertu“ ist eine Tochtergesellschaft des finnischen Handyherstellers Nokia, die Mobiltelefone in Gehäuse aus Platin und Gold verpackt. Es sei der erste Vertu-Laden in Deutschland, sagt der Filialleiter in spe. „Es gibt keinen besseren Ort dafür als hier in der Maximilianstraße“, glaubt er. Von Vertu gibt es Handys, die 250.000 Euro kosten. Passen die noch in die Zeit? „Wir rechnen zwar mit einem etwas geringeren Wachstum als ursprünglich angenommen, aber wir werden wachsen“, sagt der Filialleiter.

Es ist überall dasselbe. Egal, ob Vertu, Jil Sander, Gucci, Versace oder Louis Vuitton über dem Schaufenster steht. Die Krise sei anderswo, nicht hier. „Das betrifft die Mittelschicht, nicht unsere Kunden“, sagt eine der Filialleiterinnen, die fast alle sagen, dass sie eigentlich gar nicht mit Journalisten reden dürfen. Ein letzter Versuch in der Filiale der Deutschen Bank. Muss der Geldautomat nicht mehr so oft aufgefüllt werden, wie bisher? Alles, wie immer, sagt der Zweigstellenleiter.

Draußen vor der Tür sitzt ein Bettler auf dem Trottoir - der einzige in der ganzen Maximilianstraße an diesem grimmig kalten Novembernachmittag. Und er ist auch der Einzige, der hier von heftigen Umsatzeinbrüchen berichtet. Die Passanten sparen mit Almosen. „Es ist viel weniger geworden dieses Jahr“, sagt der Bettler und zieht an seiner Zigarette. Seltsam, wo doch in den Läden alle von guten Geschäften berichten. Der Bettler sieht das anders. Er sitzt fast immer hier in der Maximilianstraße, und er hat Zeit, um zu beobachten. In der Bankfiliale seien noch vor kurzem viel mehr Kunden aus- und eingegangen, erzählt er. Und dann sind da noch die Taschen, die Einkaufstaschen, mit den teuren Markennamen drauf. Viel weniger von ihnen würden inzwischen über die Maximilianstraße getragen. „Die Leute schauen viel, aber wenn sie viel kaufen würden, dann hätten sie doch mehr Taschen dabei“, sagt der Bettler.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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