Von Winand von Petersdorff

Ernste Mienen: Notenbankchef Bernanke, Präsident Bush, Finanzminister Paulsen, Börsenaufsichtschef Cox (v.l.)
27. September 2008 Wer sich in die Finanzkrise hineinliest, bekommt Herzrasen. Selbst die Prognose, der Kapitalismus werde überleben, scheint plötzlich optimistisch und allein legitimiert durch den Mangel an Alternativen. Denn zunächst einmal muss sein Herzstück, das Finanzsystem, dieses Wochenende überstehen. Dann wird man sehen, was noch übrig bleibt.
Einiges ist aber jetzt schon sicher: Die neue Finanzwelt wird neue Akteure, neue Regeln, neue Geschäftsmodelle haben - und alte Probleme. Bekannt sind auch ihre Designer: Sie heißen Politik und Markt, ihre Methoden sind Regulierung und Selektion. Ihre Arbeit haben sie schon aufgenommen. Und: Sie kostet.
Die Abwicklung der Bankenpleite der Großsparkasse Washington Mutual zeigt, wie die Designer vorgehen. Am Donnerstag schloss die zuständige Aufsichtsbehörde die Bank, nachdem zuvor Kunden binnen zehn Tagen 17 Milliarden Dollar Einlagen abgerufen hatten. Keine 24 Stunden später hatte J. P. Morgan Chase Einlagen, Filialen und bestimmte Verbindlichkeiten übernommen.
Tote Institute, große Geschäftsbanken
Das Ereignis illustriert einen Ausleseprozess, an dessen Ende einerseits tote Institute und andererseits große Geschäftsbanken stehen: J. P. Morgan als Übernehmer von Bear Stearns, die Bank of America als Käufer von Merrill Lynch und die britische Barclays als Resteverwerter von Lehman Brothers liegen deutlich in Führung. Aufschließen könnte noch Citicorp, die laut New York Times Fusionsgespräche mit Wachovia führt.
Die Logik liegt auf der Hand: Große Institute mit stabilen Spareinlagen können Risiken besser aushalten. Dies bewog zuletzt die beiden verbliebenen Investmentstars Goldman Sachs und Morgan Stanley, ins Spießerlager der Geschäftsbanken zu wechseln. Der zweite Anreiz zur Ausdehnung mag noch wichtiger sein: Das Umkippen großer Banken ist gefährlich für das Finanzsystem. Diese Position erleichtert die Erpressung der Regierung.
Allein die amerikanischen Geschäftsbanken Citi, J. P. Morgan und Bank of America haben zusammen Vermögenswerte von sechs Billionen Dollar in ihren Bilanzen, rechnet Hedge-Fonds-Manager Edward Lambert vor. Damit sind sie dreimal so groß wie die jüngst verstaatlichten Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac. Was passiert wohl, wenn die großen drei Probleme bekommen?, fragt Lambert rhetorisch. Sie sind erst recht zu groß, um zusammenzubrechen. Der Preis dieser Entwicklung sind neben der Erpressbarkeit des Staates schrumpfende Renditen. Die Investmentbanken haben Schutz und Regulierung gegen Gewinnchancen getauscht. Sie müssen für ihre Geschäfte künftig mehr eigene Mittel einsetzen.
Der Kredit verliert seine Bedeutung
Als gesichert kann jetzt schon gelten, dass der Kredit als solcher in der neuen Finanzwelt seine Bedeutung verlieren wird. Er spielt in der Krise zwei unglückliche Rollen: Einmal ist er das, was High- Tech-Aktien in der New-Economy-Blase waren - das Objekt der Fehlspekulation. Und zum anderen waren Kredite normale Finanzierungsmittel, die allerdings in gewaltigem Ausmaß genutzt wurden.
Im ersten Schritt wollen Regierungen vor allem in Europa Spekulationen mit Kreditrisiken eindämmen, die von Bank zu Bank weitergereicht wurden. Bundesfinanzminister Peer Steinbrück schlägt vor, dass Banken mindestens 20 Prozent der Kreditrisiken in den eigenen Büchern behalten müssen.
Bezogen auf Kreditrisiken aus angefaulten Hypothekendarlehen, hechelt dieser Vorschlag der wirtschaftlichen Realität hinterher. Solche Kreditrisiken kauft längst keiner mehr zu angemessenen Preisen. Somit bleiben sie in den Büchern der Banken und provozieren gerade die gewaltigen Abschreibungen.
Ein grundsätzliches Dilemma
Hier offenbart sich ein grundsätzliches Dilemma der Politik in dynamischen Kapitalmärkten. Sie regelt nach Katastrophen Märkte, die mangels Nachfrage ausgetrocknet sind, kümmert sich mithin um Dinge, wo es nichts mehr zu kümmern gibt. Selbst ohne neue Regulierung kann man sich ziemlich sicher sein: In der nächsten Krise werden verbriefte Hypothekenkredite keine Rolle spielen, schreibt der Ökonom Anil Kashyap. Finanzinnovationen sind wie mutierende Viren, die sich gegen Arzneien immunisieren.
Der Preis der Regulierung aber ist hoch: Kredite werden selbst dann nicht mehr weiterverkauft werden, wenn der Käufer das Ausfallrisiko kennt und der Deal sinnvoll wäre. Banken aber, die ihr Risiko nicht streuen können, vergeben weniger Kredite. Das dämpft die wirtschaftliche Entwicklung und kostet Wohlstand.
Zu groß ist die Angst
Die neue Finanzwelt wird ohnehin weniger Schulden tolerieren. Nach dem Crash gibt es keinen Kredit. Zu groß ist die Angst der Banken, nur Schrott als Sicherheit zu bekommen. Darunter leiden nicht nur Bauherren und Unternehmen. Vor allem für die Private-Equity-Gesellschaften versiegt eine wichtige Finanzierungsquelle, die ihnen ihr Geschäftsmodell hochrentabel machte. Blackstone meldet bereits dramatisch schrumpfende Einnahmen.
Die Private Equitys werden zu ganz normalen Kapitalbeteiligungsgesellschaften, vorausgesetzt, sie haben genug eigene Mittel, um noch weitermachen zu können. Diese Entwicklung kostet. Für viele Unternehmen, die zum Verkauf stehen, können nicht mehr so hohe Preise erwartet werden. Es fehlt eine zahlungskräftige Interessentengruppe.
Dafür kommt allerdings eine lange verschmähte Investorenklasse zu neuen Ehren: die Staatsfonds. Jeweils drei dieser Investoren sind jetzt schon mit Milliardenbeträgen an der Bank of America und an der Citigroup beteiligt. Zwei halten Anteile an der Schweizer UBS. Ein Teil dieser Staatsfonds war in der größten Not der Banken eingestiegen, hatte sich aber gegen fallende Kurse abgesichert.
Der Zorn gegen die Banker
Vor allem die Staatsfonds, die aus Rohölerlösen gespeist werden, wissen trotz stagnierender Weltwirtschaft kaum, wohin mit dem Geld. Sie können einkaufen gehen: Viele Unternehmen sind günstig zu haben. Der politische Widerstand gegen Übernahmen durch Staatsfonds wird gerade in den Vereinigten Staaten erlahmen. Es ist schwer, den Arabern die Übernahme von General Electric zu verbieten, wenn sie gleichzeitig amerikanische Schatzwechsel kaufen sollen, um das gewaltige Haushaltsdefizit zu finanzieren, sagt ein hochrangiger Berater arabischer Staatsfonds. Der Schuldenmacher Vereinigte Staaten büßt politischen Spielraum ein.
Das beflügelt den Zorn der Politik. Er richtet sich gegen die hochbezahlten Banker, die der Weltwirtschaft dieses Schlamassel bereitet haben. Die Politik kleidet ihre Wut in eine Empfehlung: Die verantwortlichen Banker sollen nicht gerade dann am meisten Geld verdienen, wenn sie viel riskieren, und sie sollen bei Versagen persönlich haftbar gemacht werden Es gilt inzwischen als Allgemeingut, dass sich die Banker in den vergangenen Jahren die Taschen vollgestopft haben (was stimmt) und nun ungeschoren davonkommen (was nicht stimmt).
In der Realität mussten zum Beispiel Großverdiener wie die früheren Chefs von Lehman Brothers und Bear Stearns und ihre mit Aktienoptionen gesegneten Untergebenen zusehen, wie sich ihre stattlichen Aktienvermögen mit den Kursstürzen in Luft auflösten. Die Boni vieler Investmentbanken werden dieses Jahr nahe null sein. Die spießigeren Deals im Rahmen von Geschäftsbanken werfen in Zukunft ohnehin geringere Erträge ab. Die Banker der neuen Finanzwelt verdienen weiter gut, aber weniger.
Dass die Bestrafung des Risikos zwangsläufig eine gute Idee ist, darf bezweifelt werden. Die Finanzwelt braucht Banker, die jetzt schon riskieren, anderen Kredit zu geben. Dann müssten die Notenbanken nicht dauernd einspringen.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: dpa
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