Bankkunden in Angst

„Geld unters Kopfkissen? Das ist keine Lösung“

Verbraucherschützer Niels Nauhauser: “Die Expertenprognosen liegen reihenweise daneben“

Verbraucherschützer Niels Nauhauser: "Die Expertenprognosen liegen reihenweise daneben"

03. Oktober 2008 Den Begriff der Einlagensicherung kennt inzwischen jeder. Und weiß, dass er die Sparer beruhigen soll. Trotzdem sind viele durch die Finanzkrise beunruhigt. Was, wenn auch die Einlagensicherung versagt? Verbraucherschützer Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg erklärt im Interview, wer sich wirklich Sorgen um sein Geld machen muss.

Das Geld unter die Matratze - ist das in Zeiten der Finanzkrise die richtige Anlagestrategie?

Das Geld unters Kopfkissen zu stecken ist nun wirklich keine Lösung, auch in der aktuellen Finanzkrise nicht. Das ist im Gegenteil völlig übertrieben. Denn dann nagt die Inflation am Geld. Das sind immerhin um die drei Prozent pro Jahr. Von 100 Euro, die man heute unters Kopfkissen steckt, sind nächstes Jahr real nur noch 97 übrig.

Besser 97 Euro unterm Kopfkissen als 100 Euro in einer Pleitebank.

Meinen Sie? Die gesetzliche Einlagensicherung schützt hierzulande bis zu 20.000 Euro pro Kontoinhaber.

Im Moment vertrauen viele Sparer der Einlagensicherung nicht mehr. Sie fürchten, dass ein gleichzeitiger Zusammenbruch mehrerer Banken die gesetzliche Einlagensicherung überfordern könnte.

Diese Angst ist bei der gesetzlichen Einlagensicherung unbegründet. Es gibt über die gesetzliche Sicherung hinaus noch eine recht gute private Einlagensicherung. In der Tat kann man hier kritisieren, dass diese oft nicht hoch genug ist, denn ein paar wenige Milliarden Euro dürften im Extremfall nicht ausreichen. Denn die Einlagen sind bei größeren Instituten oft viel höher. Wenn also eine große Geschäftsbank pleite geht, kann es sein, dass auch die private Sicherung nicht reicht.

Und dann ist sogar das Geld gefährdet, das die Oma für ihr Enkelkind aufs Sparbuch gelegt hat?

Nein, denn dann wird der Staat freiwillig einspringen. Er wird zumindest ein sehr großes Interesse daran haben, dass das Enkelkind und alle anderen Sparer, die Sparbücher, Festgelder, Sparbriefe oder Girokonten bei einer Pleitebank haben, nicht zu Schaden kommen. Denn wenn es die Runde macht, dass ein Kind sein Erspartes vom Sparkonto verloren hat oder ein Senior sein hart Erspartes verliert, dann würde es tatsächlich den vielgefürchteten Run auf die Banken geben und das Vertrauen dahin sein. Das wird der Staat in jedem Fall abwenden wollen - notfalls mit viel, viel Geld. Falls es tatsächlich zu dem Extremfall käme, dass der Staat auch das nicht mehr bezahlen könnte, dann dürfte auch das Geld unter dem Kopfkissen nicht mehr allzu viel wert sein.

Selbst wenn es für die Sparer halbwegs Entwarnung gibt - viele Kleinanleger haben ihr Geld in Aktien gesteckt und fürchten sich jetzt. Zu Recht?

Wer die Grundregel der Aktienanlage - Diversifikation - nicht beachtet hat, der steht in der Tat jetzt schlecht da. Allein viele Bankaktien sind ja nur noch einen Bruchteil ihres Höchstwertes wert. Wer sein Risiko nicht gestreut hat, muss jetzt tatsächlich um sein Vermögen bangen. Da hilft dann auch der Staat nicht weiter. Bei denjenigen, die das Risiko bewusst eingegangen sind muss man sagen: Zu Recht, die haben eben Pech gehabt. Bei denjenigen, die schlecht beraten wurden, ist das natürlich ein Unding. Und viele wurden schlecht beraten.

In letzter Zeit hört man immer wieder von Sparkassen-Beratern, die ihre Kunden in angeblich risikoarme Lehman-Zertifikate gedrängt haben sollen.

Schlimme Sache. Denn Zertifikate sind Inhaberschuldverschreibungen. Und die sind von der Einlagensicherung nicht abgedeckt. Geht der Emittent des Zertifikats pleite, hat der Anleger ein sehr großes Risiko, dass das ganze Geld futsch ist. Selbst bei Garantiezertifikaten gilt: Die Garantie ist nur so viel wert, wie der Garantiegeber selbst wert ist. Bei einer Pleitebank heißt das: null. Auch der Staat wird kein so großes Interesse haben, an dieser Stelle einzuspringen. Das Risiko ist bei allen Inhaberschuldverschreibungen sehr hoch. Einzige Ausnahme: Inhaberschuldverschreibungen von Banken im Volks- und Raiffeisenverbund und im Sparkassenlager. Die sind beide über die jeweiligen Institutssicherungen abgesichert.

Was tun, wenn man jetzt noch Zertifikate im Depot hat?

Wer das Risiko jetzt als zu groß empfindet, sollte verkaufen und statt dessen Papiere kaufen, die einlagengesichert sind.

So mancher Experte rät im Moment aufgrund der niedrigen Preise zum Aktienkauf. Eine Schnapsidee?

Wenn man sich anschaut, wie gut die Experten bisher mit ihren Prognosen lagen, sieht man: Die waren noch nie besonders gut, die liegen reihenweise daneben. Der einzige Unterschied in dieser Finanzkrise ist, dass die Experten offen zugeben, dass keiner weiß, wie es weitergeht. Das ist in Wirklichkeit aber zu jedem Zeitpunkt der Fall, egal ob Krise oder nicht. Ob man Aktien kauft oder nicht ist daher immer eine Frage der persönlichen Risikoneigung. Die einzige allgemeingültige Grundregel, die es gibt, ist: Möglichst viel Diversifikation.

Was ist mit den Häuslebauern, die einen Kredit aufgenommen haben? Was, wenn die Bank pleite geht, bei der man sich verschuldet hat?

Wer Schulden hat, der hat zunächst mal das Glück, dass er sich um Einlagensicherung keine Gedanken machen muss. Wenn die Bank pleite geht, heißt das aber nicht, dass man Glück gehabt hat und sich die Rückzahlung ganz erledigt hat. Man zahlt vielmehr einfach an den Insolvenzverwalter oder an den neuen Eigentümer der Bank - das kann ein Konkurrent der Bank sein oder auch der Staat.

Was ist dann mit den Vertragskonditionen, die mit der pleite gegangenen Bank vereinbart waren?

Die bleiben bestehen. Der Insolvenzverwalter oder neue Eigentümer hat kein Recht, Kredite auf einen Schlag zurückzufordern. Vertrag ist Vertrag. Für Schuldner gilt also Entwarnung.

Das Gespräch führte Nadine Bös.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: Verbraucherzentrale Baden-Württemberg

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