15. November 2008 Fast könnte man glauben, dass sich Philip Falcone noch im gerade zu Ende gegangenen amerikanischen Wahlkampf wähnt. Der kräftige Hedge-Fonds-Manager mit der Nickelbrille und der protzigen Uhr am Handgelenk spricht davon, dass er im ländlichen Bundesstaat Minnesota mit neun Geschwistern in einer Vier-Zimmer-Wohnung aufgewachsen ist, dass sein Vater nie mehr als 14 000 Dollar im Jahr verdient hat und seine Mutter in der örtlichen Hemdenfabrik arbeitete.
Für den Ausschuss und die Öffentlichkeit ist es wichtig zu wissen, dass nicht jeder, der einen Hedge-Fonds leitet, an der Fifth Avenue geboren wurde - das ist das Schöne an Amerika, sagt Falcone bei einer Anhörung vor dem amerikanischen Repräsentantenhaus im Saal 2154 des Rayburn-Bürogebäudes.
Patriotismus geht immer
Der Ausschuss für Aufsicht und Regierungsreform will der Finanzkrise auf den Grund gehen und hatte deswegen die Hedge-Fonds-Manager vorgeladen. Eine illustre Gruppe fand sich ein: Die fünf Fondsmanager, unter anderem der Grandseigneur der Branche, George Soros, waren ausgewählt worden, weil sie im vergangenen Jahr allesamt mehr als eine Milliarde Dollar verdient haben.
Falcone, der Gründer und Chef von Harbinger Capital, war nicht der Einzige, der die patriotische Karte spielte. Kenneth Griffin, der Gründer und Chef der Citadel Investment Group sprach von unseren großartigen Kapitalmärkten und von seinem großen Stolz darauf, dass Unternehmen wie seines, das nach eigenen Angaben täglich für 10 Prozent des Handelsvolumens an amerikanischen Aktienmärkten verantwortlich ist, in der Krise die nötige Liquididät für normale Kleinanleger bereitstellten.
Er betonte zudem, dass Hedge-Fonds gut bezahlte Arbeitsplätze in Amerika geschaffen haben. Es bricht mir das Herz, wenn ich Tausende Jobs an der Canary Wharf sehe, die nach Amerika gehören, sagt Griffin über seine Besuche in London.
Kaum Regulierung bei Hedge-Fonds
Diese patriotischen Einlassungen haben Methode. Der politische Druck auf die Fonds, die sich in den vergangenen Jahren erfolgreich gegen eine schärfere Regulierung ausgesprochen haben, wächst. Den Hedge-Fonds wird unterstellt, dass sie die Finanzkrise verstärkt haben.
Und angesichts der steigenden Arbeitslosigkeit und der drohenden Rezession geraten auch die Millionengehälter der Branche in Verruf. Der Vorstandsvorsitzende der zusammengebrochenen Investmentbank Lehman Brothers, Richard Fuld, hatte die massiven Wetten der Fonds auf fallende Kurse bei Lehman für den Kollaps verantwortlich gemacht.
Zu große Fonds sind ein großes Risiko
Hedge-Fonds werden derzeit praktisch nicht reguliert, sagte der Demokrat Henry Waxman, der Vorsitzende des Ausschusses, zum Auftakt der Anhörung. Sie müssen keine Informationen über ihre Anlagen, ihren Kredithebel oder ihre Strategien abgeben. Die Regulatoren sind noch nicht einmal sicher, wie viele Fonds existieren und wie viel Geld sie verwalten.
Andrew Lo, Finanzprofessor an der Eliteuniversität MIT in Boston, sagte den Abgeordneten zudem unmissverständlich, dass zu groß gewordene Hedge-Fonds ein Risiko für das Finanzsystem darstellen können.
Schuld haben die anderen
Die fünf vor den Ausschuss geladenen Hedge-Fonds-Manager wiesen eine Schuld ihrer Branche an der Finanzkrise aber kategorisch zurück. Hedge-Fonds standen nicht im Brennpunkt des Massakers in diesem Finanz-Tsunami, sagte Griffin.
Die Verantwortung tragen aus ihrer Sicht andere: Hypothekenanbieter, Investmentbanken und Ratingagenturen, die das Risiko von zweitklassigen Hypothekenanleihen falsch bewertet haben. Auch Aufsichtsbehörden wie die SEC wurden kritisiert. Das Verhalten von Institutionen in vielen Bereichen des Finanzsystems hat zu der jüngsten Krise beigetragen, aber die Hedge-Fonds gehören meiner Ansicht nicht dazu, sagte James Simons, der Gründer des Hedge-Fonds Renaissance Technologies.
Strategien dürfen nicht verraten werden
Dennoch sprangen die Fondsmanager über ihren Schatten und räumten überwiegend die Notwendigkeit einer stärkeren Regulierung ein. Es herrschte aber Einigkeit, dass die Informationen über die Strategien und Anlagen der Fonds nur den Aufsichtsbehörden mitgeteilt werden sollten. Die Medien und Kleinanleger dürften diese Informationen nicht erhalten. Für die Öffentlichkeit könnten diese Informationen negative Auswirkungen haben, sagte Soros.
Nur Griffin, dessen Fonds in diesem Jahr stark unter Druck geraten sind, blieb hart und lehnte eine verschärfte Aufsicht weitgehend ab. Wenn diese Informationen an die Öffentlichkeit geraten, ist das so, als würde Coca-Cola sein Geheimrezept bekanntgeben, sagte er.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP
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