Von Winand von Petersdorff
05. Oktober 2008 Die Krise lehrt uns neue Vokabeln: Interbankenhandel ist so eine. Gewöhnlich leihen sich Banken untereinander Geld, um flüssig zu bleiben für die täglichen Geschäfte. Dieser Handel funktioniert seit Ende des Zweiten Weltkriegs reibungslos. Selbst schlechter bewertete Adressen hatten nie Probleme. Liquidität war immer eine gegebene Größe“, sagt Helaba-Vorstand Stefan Bungarten. Doch jetzt ist die Quelle versiegt.
Vokabel Nummer zwei im Krisenlexikon ist der Libor. Das ist der durchschnittliche Zins, den die Banken für ihre Ausleihungen untereinander verlangen. Er hat sich in den letzten Tagen verdreifacht und signalisiert damit die Tiefe des Misstrauens. Den Banken ist es zu riskant geworden, anderen Banken Geld zu überlassen. Würden nicht die Zentralbanken mit Liquidität einspringen, wären viele Institute zahlungsunfähig.
Etwas Schlimmeres gibt es nicht für den Bankensektor
Die tiefere Wahrheit hinter dieser bedrohlichen Entwicklung lautet: Es fehlt nicht nur an Geld an der richtigen Stelle, es fehlt vor allem an Vertrauen. Aus dem Subprime-Debakel ist eine Vertrauenskrise geworden. Etwas Schlimmeres gibt es nicht für den Bankensektor. Denn Vertrauen ist sein Kapital. Misstrauen ist die Ursache dafür, dass die Institute sich nicht mehr mit Geld aushelfen. Misstrauen verhindert, dass Finanzinstitute für Wertpapiere, die auf Hypothekenkrediten basieren, Käufer finden. Folge sind die gewaltigen Abschreibungen auf diese Papiere und hohe Buchverluste. Misstrauen bewirkt schließlich auch, dass neutrale und sogar positive Nachrichten plötzlich zu Alarmzeichen umgedeutet werden.
Die amerikanische Bank Wells Fargo überbot Ende dieser Woche ein Kaufangebot der Citigroup für die angeschlagene Wachovia. Die Übernahmeschlacht hätte als Signal der neuen Werthaltigkeit von Finanztiteln gedeutet werden können. Doch in der vergifteten Atmosphäre lautet die Interpretation nun, dass die Citigroup selbst taumele und sich deshalb die Übernahme nicht mehr leisten könne. Es ist ein Gerücht mit wertvernichtender Konsequenz: Der Aktienkurs der Citigroup stürzte ab.
Zweifel an der Rettungsmacht des Staates
Ist es ein Wunder, dass die Banken sich nicht mehr vertrauen? Bear Stearns, Lehman, Washington Mutual, Northern Rock, Dexia, Fortis stehen auf der vorläufigen Liste gestürzter Stars der Finanzwelt. Kein Name ist mehr komplett unverdächtig Mir fallen sofort 50 von 2000 Banken ein, die um ihre Existenz fürchten müssen, wenn die Liquiditätskrise so weitergeht“, sagt ein Spitzenbanker aus London.
Jede Mücke kann in dieser Atmosphäre zum Elefanten werden. Und umgekehrt. Banker registrieren inzwischen eine sensationslüsterne, fast masochistische Neigung zu schlechten Nachrichten. Gute Nachrichten verblassen dagegen. Selbst das herbeigesehnte 700-Milliarden-Dollar-Rettungspaket der amerikanischen Regierung konnte den Absturz des Dow-Jones-Index nicht verhindern. Tatsächlich spiegelt sich in der fortdauernden Weigerung der Banken, sich gegenseitig mit Geld zu versorgen, Zweifel an der Rettungsmacht des Staates, an seiner Rolle als letzte Instanz.
Zu groß, als dass der Staat retten könnte
Denn während noch beim Fußvolk der Kapitalmärkte die Vorstellung vom too big to fail“ (zu groß, um unterzugehen) die Runde macht, scheinen sich die Marktteilnehmer mit einem neuen Gedanken vertraut zu machen, den unter anderem der Schweizer Privatbanker Konrad Hummler verbreitet. Er heißt too big to rescue“: zu groß, als dass der Staat retten könnte. Das würde die Illiquidität im Interbankenhandel erklären. Und das verschärft die Not.
Geld muss schnell wieder dorthin, wo es gebraucht wird. Der Mechanismus, der das leisten kann, wird allein durch Vertrauen gespeist. Das ist inzwischen einerseits eine Trivialität geworden. Anderseits gesellt sich damit zu den Ziffern, die für Rettungsprogramme diskutiert werden, eine Größe, die manchem Finanzwissenschaftler schwer handhabbar erscheinen mag.
Vertrauen ist viel leichter in Misstrauen zu verwandeln als umgekehrt
Wo soll das Vertrauen herkommen? Wie fängt man es ein? Die Problem fangen damit an, dass es sich um ein kompliziertes Gebilde handelt. Einmal gebrochen, ist es schwer zu reparieren. Vertrauen ist viel leichter in Misstrauen zu verwandeln als umgekehrt Misstrauen in Vertrauen.“ Die Lektion des Soziologen Niklas Luhmann lernt die Finanzwelt gerade. Trust repair“ heißt eine neue Forschungsrichtung, die Montageanleitungen für die Herrichtung beschädigten Vertrauens liefern könnte, aber leider noch nicht so weit ist.
Die aktuellen Schwierigkeiten verschärfen sich dadurch, dass klassische Vertrauensinstitutionen, die Rating-Agenturen, Banken und Investoren schlecht über die Qualität der Subprime-Wertpapiere informiert haben. Die Krise hat sich im regulierten Bereich der Finanzwelt zu systemischen Dimensionen aufgeschwungen: dort, wo die Transparenz von Quartalsberichten, Ratings und Wirtschaftsprüfer-Testaten herrscht. Das weckt Zweifel, ob strengere Regeln mehr Vertrauen stiften.
Am Anfang muss einer springen
Man wird wohl pragmatisch werden müssen: Die Mindestvoraussetzung für Vertrauensbildung formuliert Wissenschaftler Guido Möllering: Am Anfang muss einer springen nach dem Motto: just do it“, sagt der Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung. Tatsächlich vermögen es einzelne Persönlichkeiten sogar, Vertrauen in abstrakte Systeme zu schaffen. Der sorgfältige Arzt steht für die funktionierende medizinische Versorgung, der seriöse Zentralbanker für das stabile, vor Entwertung beschützte Geld. Gesucht wird hier und jetzt allerdings eine Person, die riesige Ressourcen mit riesiger Reputation vereint. Einer kommt selbst phantasielosen Journalisten für diese Rolle in den Sinn: Warren Buffett. Er genießt das Vertrauen der Anleger. Die Aktien seiner Investmentgesellschaft Berkshire Hathaway erreichen den Status einer Fluchtwährung, wie die Kursentwicklung während der Krise zeigt. Und Buffett wird tatsächlich aktiv.
Der amerikanische Investor stieg in diesen Tagen mit Milliardenbeträgen in die Investmentbank Goldman Sachs und den Mischkonzern General Electric ein und finanziert eine Großübernahme des Chemiekonzern Dow Chemicals mit. Das Engagement löste kurzzeitig Euphorie aus: Das ist ein vergoldeter Vertrauensbeweis“, wird Investor Michael Holland von Holland & Co in New York zitiert: Besser geht es nicht.“ Auch Analysten stimmen ein: Alle folgen einfach nur Gott – Warren Buffett zeigt den Weg“, sagt ein überschwänglicher Marktbeobachter namens Francis Lun von Fulbright Securities der Nachrichtenagentur Reuters.
Es beruhigt, wenn einer einfach nur Geld verdienen will
Buffetts Wirkungsmacht liegt in seinen durchaus nicht nur edlen Motiven begründet. Es hat eine beruhigende Wirkung auf ausgeflippte Märkte, dass der Geschäftsmann nicht aus staatsmännischer oder gesellschaftlicher Verantwortung heraus handelt, sondern einfach nur Geld verdienen will. Ich werde gierig, wenn die anderen Angst haben“, wird Buffett jetzt überall zitiert. Die Richtung stimmt, doch die Wirkung ist zu klein. Seit einigen Tagen fallen die Kurse der von Buffett erwählten Aktien wieder.
Diese Entwicklung hinterlässt ein gewisse Ratlosigkeit. Diese Finanzkrise fordert offenbar stärkere Garantien, als sie selbst ein Warren Buffett abgeben kann. Ich kann mir keinen anderen Garanten vorstellen als den Staat“, sagt Banker Bungarten. Würde der Staat alle Ausleihungen garantieren, dann müsste das noch nicht einmal viel Geld kosten. Wer dagegen sei, wisse möglicherweise nicht, was auf dem Spiel stehe.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: DDP
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