19. September 2008 Nach der dramatischen Zuspitzung der Finanzmarktkrise deuten sich weitereichende Rettungsbemühungen der amerikanischen Regierung an. Die Regierung will die Banken von notleidenden Krediten befreien. Finanzminister Henry Paulson teilte in Washington mit, dass über einen Gesamtplan beraten werde, um die derzeitige Finanzkrise zu überwinden. Ziel des Planes soll sein, die Banken zu rekapitalisieren und dafür zu sorgen, dass sie sich untereinander kurzfristig Geld leihen. Um sich mit dem Rettungsplan zu befassen seien Vertreter des Finanzministeriums, der Notenbank Fed und des Kongresses zusammengekommen, hieß es.
Es würden alle Optionen zur Linderung der Finanzkrise in Betracht gezogen, sagte eine Sprecherin des amerikanischen Finanzministeriums. Dazu zählten Gesetze und Regierungsanordnungen. Die Beratungen mit den Vertretern des Kongresses sollen über das Wochenende fortgesetzt werden, um einen Weg nach vorne aufzuzeigen. Die Regierung wolle sich zunächst der Unterstützung des Kongresses versichern, bevor sie das Vorhaben weiterverfolge, hieß es in Medienberichten. Man arbeite an der womöglich größten Intervention auf den Finanzmärkten seit den 30er Jahren.

Um sich mit dem Rettungsplan zu befassen waren Vertreter des Finanzministeriums, der Notenbank Fed und des Kongresses zusammengekommen
Die Erleichterung über die avisierten Gespräche über den Rettungsplan hat den deutschen Aktienmarkt mit kräftigen Kursgewinnen in den Freitag starten lassen. Besonders kräftig fallen die Kursgewinne bei den deutschen Finanzwerten aus, die nahezu durch die Bank prozentual zweistellig im Plus notieren. Im europäischen Vergleich sind die Aufschläge bei den zuvor arg gebeutelten britischen Banken jedoch noch außergewöhnlicher: Hier liegen die Gewinne angesichts der Unsicherheit über eingeschränkte Möglichkeiten zu Leerverkäufen in der Spitze bei über 60 Prozent (siehe dazu auch: Blick auf die Börsen).
Riskante Papiere und faule Kredite könnten gebündelt werden
Die von Paulson entwickelte Auffanglösung orientiert sich offenbar an dem Modell des Staatsfonds Resolution Trust Corp (RTC), der 1989 eingerichtet wurde, um die Sanierung von zahlreichen Spar- und Darlehenskassen in der damaligen Finanzkrise voranzutreiben. In einer vom Staat organisierten Zweckgesellschaft könnten demnach riskante Papiere und faule Kredite gebündelt werden, die den Unternehmen derzeit massive Probleme bereiten.
Wie das Wall Street Journal berichtet, würde die Zweckgesellschaft die riskanten Papiere und faulen Kredite von den noch solventen Finanzinstitutionen aufkaufen - mit der Absicht, sie zu einem späteren Zeitpunkt wieder am Markt zu verkaufen. Die Regierung würde also die Verantwortung für Papiere und Kredite übernehmen für die sie bis jetzt noch keine Verantwortung trägt, was letztlich bedeutet, dass die neue Zweckgesellschaft, anders als der Staatsfonds RTC aus den 80er Jahren, den amerikanischen Steuerzahler den Risiken aussetzen würde.
Nach Ansicht ihrer Befürworter würde eine solche Lösung allerdings die Bilanzen der Banken von Lasten befreien und ihnen einen normalen Geschäftsbetrieb ermöglichen. Auch müssten nicht mehr wie bisher Rettungsaktionen für einzelne Geldhäuser gestartet werden. In der Folge wären Banken eher bereit, Geld zu verleihen. Das würde echtes Vertrauen in die Märkte zurückbringen, sagte der Chef der amerikanischen Investmentgesellschaft Lightyear Capital, Donald Marron, dem Sender CNBC.
Ein weiterer Vorschlag sieht vor, eine staatliche Versicherungsbehörde zu schaffen, um die Investitionen in Geldmarktfonds zu schützen. Damit solle der Abfluss aus solchen Investitionsformen gestoppt werden, berichtete CNBC. Das Volumen der im Geldmarkt angelegten Gelder umfasst rund 3,4 Billionen Dollar.
Bestimmte Börsenwetten auf fallende Kurse befristet verboten

Er freue sich auf eine enge Zusammenarbeit mit den Abgeordneten, "um die Finanzkrise zu lösen", sagte Notenbankchef Bernanke
Wegen der Turbulenzen auf den Finanzmärkten haben Aufsichtsbehörden in den Vereinigten Staaten und Großbritannien außerdem bestimmte Börsenwetten auf fallende Kurse befristet verboten. Die
amerikanische Börsenaufsicht SEC untersagte ab sofort die umstrittenen Aktiengeschäfte, sogenannte Leerverkäufe, für knapp 800 Titel der Finanzbranche. In Großbritannien gilt das Verbot allgemein für Finanzwerte. Das Verbot trifft besonders Hedge-Fonds und andere Börsenspekulanten. Sie verdienten bisher mit den fallenden Kursen enorme Summen. Die Leerverkäufe stellen ein immenses Milliardenvolumen dar.
Zahlreiche Unternehmen mit stark abgestürzten Börsenwerten beklagen, sie seien durch diese Aktiengeschäfte bewusst an den Rand des Abgrunds getrieben worden. Mit der Maßnahme solle die Abwärtsspirale bei Bankaktien aufgehalten werden, teilte die SEC am Freitag in New York mit. Die Aktienwetten der Börsenspekulanten werden von Kritikern für die zuletzt dramatischen Kursstürze mit verantwortlich gemacht. Das Volumen dieser Leerverkäufe (short selling) liegt derzeit an den Börsen auf Rekordniveau.
Bernanke: Sehr, sehr positiv
Wir beschäftigen uns mit einem Ansatz, die systemischen Risiken in den Kapitalmärkten anzugehen, sagte Paulson nach den Treffen in Washington. Wir sprachen über eine umfassende Herangehensweise, die per Gesetz das Problem der nicht-liquiden Vermögenswerte in den Bilanzen bewältigen soll. Bernanke beschrieb die Gespräche im Kongress als sehr, sehr positiv. Er freue sich auf eine enge Zusammenarbeit mit den Abgeordneten, um die Finanzkrise zu lösen.
Pelosi sagte: Wir hoffen, sehr schnell voranzukommen. Tempo ist entscheidend. Der demokratische Mehrheitsführer im Senat, Harry Reid, sagte, er erwarte einen Vorschlag binnen Stunden.
Kursfeuerwerk als Reaktion
In Reaktion auf die mögliche Auffanglösung kletterte der Dow-Jones-Index zum Handelsschluss um 3,86 Prozent auf 11.019,69 Punkte. Der S&P-500-Index gewann 4,33 Prozent auf 1206,51 Punkte. Der Nasdaq- Index kletterte am stärksten, und zwar um 4,78 Prozent auf 2199,10 Punkte. Auch die asiatische Leitbörse in Tokio legte zu Handelsbeginn am Freitag zu.
Der Rettungsplan könnte auch der um ihre Zukunft ringenden Investmentbank Morgan Stanley helfen. Das Traditionshaus verhandelt derzeit laut Medien einerseits mit dem viertgrößten amerikanischen Finanzkonzern Wachovia über eine Fusion. Parallel versuche die Bank aber weiter, ihre Unabhängigkeit zu retten - womöglich mit Kapital von Chinas Staatsfonds CIC. Dieser könnte seine Beteiligung von bereits zehn auf bis zu knapp 50 Prozent aufstocken (siehe dazu auch: Finanzkrise: Morgan Stanley sucht einen Rettungsring).
Die amerikanische Justiz geht unterdessen wegen der Börsenturbulenzen verschärft gegen Spekulanten vor. Der New Yorker Generalstaatsanwalt Andrew Cuomo kündigte umfassende Ermittlungen zu böswillig gestreuten Gerüchten und illegalen Praktiken bei Börsenwetten auf fallende Kurse an. Heftige Kursstürze hatten zuletzt Investmentbanken und den Versicherer AIG an den Rande des Abgrunds getrieben oder wie im Fall von Lehman Brothers sogar in die Insolvenz gestürzt.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, REUTERS
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Neue Debatte über Milliardensparpläne
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