Hypo Real Estate

Was wäre, wenn?

Von Marcus Theurer

Was passiert, wenn die Hypo Real Estate nicht gerettet wird?

Was passiert, wenn die Hypo Real Estate nicht gerettet wird?

05. Oktober 2008 

Das Schreiben an den „Sehr geehrten Herrn Bundesminister“ schnurrte am vergangenen Montag aus dem Faxgerät im Büro von Peer Steinbrück (SPD). Auf sechs Seiten schilderten Bundesbankpräsident Axel Weber und Jochen Sanio, der Chef der Finanzmarktaufsicht Bafin, dem Finanzminister, was passieren würde, falls die Hypo Real Estate (HRE) zusammenbräche.

Die Botschaft der Finanzmarktexperten war klar: Zur Rettung der angeschlagenen Münchner Großbank gebe es „keine Alternative, die nicht schwerste Verwerfungen im deutschen Finanzsystem auslösen würde“.

Gefährliche Kettenreaktion

Als Weber und Sanio ihren Brief schrieben, schien die vom Bund und von der Finanzbranche finanzierte Nothilfe für die HRE gesichert. Doch nur fünf Tage später, in der Nacht zum Samstag, platzte der 35 Milliarden Euro teure Rettungsplan. Die Warnungen waren damit am Wochenende wieder brandaktuell. Fieberhaft versuchten Bundesregierung und die Finanzindustrie am Sonntag ein neues Hilfspaket zu schnüren, um die von Bundesbank und Bafin befürchteten Folgen eines Kollapses abzuwenden.

Wegen der engen Geschäftsbeziehungen von Banken und Versicherungen untereinander droht nach Meinung der Aufseher eine gefährliche „Kettenreaktion“: Ein Kollaps der HRE würde zum Beispiel den gemeinsamen Einlagensicherungsfonds der privaten Banken die Rekordsumme von 17 Milliarden Euro kosten. Der Notfalltopf, der die Einlagen der Bankkunden absichern soll, müsste vom Staat gestützt werden, fürchten Weber und Sanio.

Dominoeffekt würde Vielfaches einer Rettung kosten

Zu erwarten seien außerdem „schwerste Störungen“ im Geldmarkt, über den sich die Banken untereinander kurzfristig Geld leihen und auf den ein funktionierendes Bankensystem angewiesen ist. Auch die Refinanzierung anderer Banken über den rund 900 Milliarden Euro schweren Pfandbriefmarkt könnte dann gefährdet sein. Die HRE ist einer der größten Emittenten dieser eigentlich gut besicherten Anleihen. Bisher sei der Pfandbriefmarkt „eines der wenigen noch funktionierenden Refinanzierungsinstrumente“ für die Kreditinstitute, mahnten Bundesbank und Bafin. Eine Insolvenz der Bank würde nach Meinung von Weber und Sanio auch viele Gläubiger, die hohe Forderungen gegenüber der HRE haben, in Bedrängnis bringen. Den ohnehin finanziell schwachen Landesbanken und anderen Kreditinstituten drohten weitere Abschreibungen, die ihre Eigenkapitalbasis schwächen würden.

Auch Versorgungswerke, Berufsgenossenschaften, Länder und Kommunen hätten zum Teil dreistellige Millionenbeträge bei der HRE angelegt, die im Insolvenzfall gefährdet wären. Die Fachleute von Bundesbank und Bafin erwarten, dass ein Dominoeffekt den Staat „ein Vielfaches“ dessen kosten würde, was der Bund für die Rettung der HRE ausgeben müsse. Andere Staaten seien zudem „bereits sehr nachdrücklich für die Stabilisierung ihrer Finanzsysteme eingetreten“, schrieben Weber und Sanio. So haben in den vergangenen Monaten die Vereinigten Staaten, Großbritannien, Frankreich und Irland angeschlagene Banken und Versicherer verstaatlicht oder massiv gestützt.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp

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