Konjunktur

Die Rezession nähert sich dem Tiefpunkt

Von Philip Plickert

01. Juli 2009 Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, sagt das Sprichwort. So ist es auch mit den steigenden Frühindikatoren: Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft hat sich demnach etwas verbessert, doch ist die Lage - bei nüchterner Betrachtung - noch immer als ziemlich katastrophal zu bezeichnen: Im Winter 2009 ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) nach bisheriger Berechnung der Statistiker um 3,8 Prozent gegenüber dem Vorquartal eingebrochen. Es ist nach der Schrumpfung im Herbst um 2,2 Prozent für die deutsche Wirtschaft der schlimmste Rückgang seit achtzig Jahren.

Im Vergleich zum ersten Quartal 2008 - dem letzten positiven Quartal vor der Rezession - fiel die deutsche Wirtschaftsleistung im Winter 2009 um fast 7 Prozent. Auch das zweite Quartal 2009 mit den Monaten April bis einschließlich Juni hat vermutlich nochmals einen schmerzlichen Rückgang von etwa 1 Prozent gebracht.

Im tiefen Tal

Der Abschwung erscheint damit immerhin gebremst. Für das Gesamtjahr 2009 prognostizieren die meisten Institute nun einen Rückgang des BIP um mehr als 6 Prozent. Zum Vergleich: Im Rezessionsjahr 1975 nach der ersten Ölpreiskrise sank die deutsche Wirtschaftsleistung um 0,9 Prozent - und schon das erschien vielen damals sehr viel.

Nach dem exportgetriebenen Höhenflug der Jahre 2005 bis 2007 ist Deutschland nun in ein tiefes Tal gerutscht. Um so mehr giert die Wirtschaft nach guten Nachrichten. Die aufgehellten Frühindikatoren wie das Ifo-Geschäftsklima, das börsennahe ZEW-Barometer oder die monatliche Unternehmensumfrage der EU-Kommission haben in jüngster Zeit die Hoffnung auf eine Konjunkturwende genährt. Die Börsen haben von März bis Mitte Juni kräftig zugelegt. Viele Beobachter bleiben jedoch skeptisch, mancher spricht gar schon von einer „Erwartungsblase“ angesichts der steigenden Kurven.

Warten auf die Wende bei den Neuaufträgen

Im Juni hat sich der Ifo-Index stärker als erwartet von 84,3 auf 85,9 Punkte verbessert. Blickt man aber genauer auf die Daten, dann zeigt sich ein düsteres Bild mit nur wenigen hellen Tupfern. Von „Optimismus“ ist wenig zu sehen. Noch immer sagen in der Ifo-Erhebung mehr als die Hälfte der rund 7000 befragten Unternehmen, dass sie ein gleichbleibend schlechtes Geschäft erwarten, nur 12 Prozent hoffen auf eine Verbesserung, fast 28 Prozent fürchten aber eine weitere Verschlechterung. Der Anstieg des Index ergibt sich daraus, dass der Anteil der ausgewiesenen Pessimisten sich seit Jahresbeginn halbiert hat.

Hieraus leiten einige Volkswirte die Hoffnung auf eine Bodenbildung der Konjunktur zur Jahresmitte ab. Der Auftragseingang in der Industrie zeigt bislang aber noch keine Wende: Im März erholten sich die Bestellungen zwar etwas, doch im April stagnierten sie. Das Niveau ist weiterhin äußerst schlecht: Verglichen mit dem Vorjahr, gibt es etwa ein Drittel weniger Aufträge. Die Kapazitätsauslastung der Unternehmen des Verarbeitenden Gewerbes ist entsprechend gesunken. Im April fiel sie auf 71 Prozent. Vor Beginn der Rezession lag sie bei mehr als 87 Prozent.

Exporte und Investitionen leiden

Abgestürzt sind vor allem die Exportnachfrage und die Investitionen. Im ersten Quartal schrumpfte der Export real um 9,7 Prozent zum Vorquartal, der Import sank um 5,4 Prozent. Zusammen ergab das einen negativen Außenbeitrag zur BIP-Entwicklung von 2,2 Prozentpunkten. Das ganze Ausmaß des Misere zeigt erst der Jahresvergleich: So lag die Ausfuhr im April real mehr als 25 Prozent unter dem Vorjahreswert, die Einfuhr war um gut 20 Prozent niedriger.

Kaum ein Unternehmen wagt in der Rezession noch neue Investitionen. Sie sind im Winter real um fast 8 Prozent zum Vorquartal gefallen, wobei die Anschaffungen von Maschinen, Geräten und Fahrzeugen um mehr als 16 Prozent sanken, die Bauinvestitionen indes „nur“ um 2,6 Prozent schrumpften. Zugleich wurden Lagerbestände abgebaut, was in die volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung ebenfalls negativ eingeht.

Was bleibt, ist der Konsum

Stabilisierend wirkt allein die Konsumnachfrage. Im Winterquartal 2009 lag der private Verbrauch um 0,5 Prozent höher als im Herbst - im Jahresvergleich ergab sich allerdings ein leichtes Minus von 0,1 Prozent. Eindeutig gestützt haben die Konsumausgaben der öffentlichen Hand: Sie legten im Winterquartal um 0,3 Prozent zu, im Vorjahresvergleich lagen sie um 0,8 Prozent höher. Dieser Zuwachs hat den konjunkturellen Absturz gemildert, da der Konsum den Löwenanteil der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage ausmacht (der private Verbrauch betrug 2008 gut 56 Prozent des BIP, der staatliche Konsum gut 18 Prozent).

Nach Umfragen ist das private Konsumklima noch erstaunlich freundlich. Die Verbraucher freuen sich über die gesunkene Teuerung, die wegen der im Jahresvergleich günstigen Energie- und Rohstoffpreise derzeit auf historisch niedrigem Niveau liegt. Auch der bislang gebremste Anstieg der Arbeitslosigkeit trägt dazu bei, dass die Stimmung in der Bevölkerung noch nicht gekippt ist. Im Juni lag die Erwerbslosenquote bei 8,1 Prozent, in absoluten Zahlen waren das gut 3,4 Millionen Arbeitslose.

Spätestens im Juli wird diese Zahl aber deutlich steigen, wenngleich Massenentlassungen wegen der subventionierten Kurzarbeit noch selten sind. Diese betrifft mittlerweile mehr als eine Million Beschäftigte. Sollte aber die Arbeitslosenzahl kräftig steigen - bis Jahresende erwarten die meisten Konjunkturforscher eine Zunahme bis auf 4 Millionen -, dann würde das Konsumklima deutlich abkühlen.

Konjunkturpakete allein reichen nicht

Dem sollen die staatlichen Konjunkturpakete entgegenwirken. Zum 1. Juli werden die Bürger bei den Krankenkassenbeiträgen entlastet, zudem steigen die Rentenzahlungen. In der zweiten Jahreshälfte werden auch die staatlichen Milliarden für Infrastruktur- und Bildungsinvestitionen die Nachfrage stärken. Andererseits könnte die Autoindustrie gegen Jahresende in ein Absatzloch fallen, wenn die Sonderkonjunktur mit der Abwrackprämie ausläuft. Alle Ausgaben- und Entlastungsmaßnahmen zusammen ergeben einen Impuls von etwas mehr als 1 Prozent des BIP. Das kann die Abwärtsdynamik der Rezession nur dämpfen, nicht stoppen.

Bergauf wird es erst wieder gehen, wenn der Exportmotor wieder anspringt. An eine baldige kräftige Erholung der Weltkonjunktur glauben indes nur wenige Konjunkturforscher. Hoffnung machen die Konjunkturdaten, die China offiziell meldet. Weniger günstig ist der Ausblick für Amerika, den zweitwichtigsten Auslandsmarkt für deutsche Unternehmen nach Europa. Für den Euro-Raum rechnet die Europäische Zentralbank nur mit einer schleppenden Erholung von Mitte 2010 an. Ein Rückschlagsrisiko stellt weiter der Finanzsektor dar: Die Bankenkrise könnte nochmals stärker aufflammen, wenn in der Rezession mehr Unternehmenskredite ausfallen. Auch angesichts dieser Gefahr erscheint die erhoffte Erholung fragil.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, F.A.Z.

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