21. September 2008 Das Ende der Finanzkrise ist durch das 700 Milliarden Dollar schwere Rettungspaket, welches Regierung und Kongress in Washington so rasch wie möglich schnüren wollen, ein gutes Stück näher gerückt. So jedenfalls lassen sich das Kursfeuerwerk an den Aktienbörsen und die Erleichterung der Marktakteure zum Schluss der vergangenen Handelswoche deuten. Nicht nur an Wall Street, sondern auch an anderen Börsenplätzen rund um die Welt besteht nun die Hoffnung, dass zumindest ein Kollaps des Finanzsystems abgewendet werden kann. Vorerst ist es freilich nur eine Hoffnung und noch keine Gewissheit.
Die meisten Marktbeobachter sind davon überzeugt, dass Finanzministerium und Notenbank in den Vereinigten Staaten den richtigen Kurs einschlagen, indem sie den in Bedrängnis geratenen Finanzinstituten zu Hilfe eilen und ihnen einen Teil ihrer problematischen Vermögenswerte abnehmen. So besteht die Aussicht, das verlorengegangene Vertrauen zwischen den Banken und anderen Marktakteuren wiederherzustellen. Es ist für die Funktionsfähigkeit der Finanzmärkte und für die notwendige Risikobereitschaft unentbehrlich.
Anderes Gesicht für das Finanzsystem
Gespannt warten die Börsianer nun auf die Details des Plans: Welche der faulen Wertpapiere wird die Regierung übernehmen und zu welchem Preis? Am Wochenende war von einer Reihe von Auktionen die Rede, die das Finanzministerium abhalten könnte. Regierung und Kongress werden sich darum bemühen, die Finanzinstitute auf eine hinreichend solide Kapitalbasis zu stellen, damit die Kreditvergabe in Gang kommt - und auf der anderen Seite die Belastungen für die Steuerzahler so gering wie möglich zu halten.
Keinen Zweifel haben die Börsianer inzwischen mehr daran, dass das Finanzsystem, wenn sich die Lage beruhigt hat, ein anderes Gesicht haben wird. Die meisten großen Investmentbanken sind auf der Strecke geblieben: sei es durch Insolvenz wie im Fall Lehman Brothers oder durch die Flucht in die Arme einer großen Geschäftsbank, wie es Merrill Lynch mit der Bank of America gewagt hat. Die Konsolidierung in der Branche scheint damit keineswegs beendet zu sein. Citigroup, der Banco Santander und andere Interessenten erwägen die Übernahme der Hypothekenbank Washington Mutual. Morgan Stanley, eine der renommiertesten Investmentbanken des Landes, verspürt zwar etwas weniger Druck nach den jüngsten Kursgewinnen der Aktie; ein Verkauf an die Bank Wachovia ist aber trotzdem nicht vollständig vom Tisch. So könnte es geschehen, dass Goldman Sachs als einzige eigenständige Investmentbank von Rang übrigbleibt - ausgerechnet jenes Institut, das Finanzminister Henry Paulson lange Jahre geführt hat.
Verbot von Leerverkäufen
Wie sehr sich die Geschäftspraktiken der Banken und anderer Marktakteure letztlich ändern werden, wissen auch die Auguren nicht zu sagen. Vieles wird abhängen von der Neuordnung der Finanzmarktaufsicht und der Regulierung der Märkte. Das aber ist, wie Paulson es gesagt hat, ein Thema für einen anderen Tag. So bleibt es vorerst bei jenen drastischen Eingriffen in das Marktgeschehen, die die Regierung schon vorgenommen hat. Darunter fällt beispielsweise das von der Börsenaufsicht SEC verhängte Verbot von Leerverkäufen für 799 Aktien. Hinter diesen Verkäufen, so vermuten die staatlichen Aufseher, stand zuletzt vielfach die bewusste Absicht, Unternehmen an den finanziellen Abgrund zu führen. Das mag so sein. Aber das Verbot wird all jene Marktakteure womöglich viel Geld kosten, die dieses sogenannte short selling zur eigenen Absicherung vornehmen, beispielsweise weil sie ihrerseits Versicherungen gegen einen Kursrutsch anbieten.
In den Handelssälen jedenfalls herrscht ein beträchtlicher Unmut über diese Einschränkung. Die Kurserholung vieler Finanzwerte am Freitag sei dadurch überzeichnet worden und ein Rückschlag unvermeidlich, warnen Börsianer. Ein Verbot von Leerverkäufen hat auch das deutsche Bundesamt für Finanzdienstleistungsaufsicht erlassen. Es gilt vorerst bis zum Jahresende und umfasst elf Aktien der Finanzbranche, darunter Deutsche Bank, Commerzbank und Münchner Rück. In Großbritannien ist diese Art der Börsengeschäfte vorerst ebenfalls nicht mehr erlaubt.
Unwägbarkeiten auf dem Ölmarkt
Vom Stimmungsumschwung profitieren freilich nicht nur die Aktienbörsen, auch der Ölpreis erholt sich. So schnell wie in der zweiten Hälfte der vergangenen Woche hat sich Rohöl seit rund zehn Jahren nicht mehr verteuert. Allein am Freitag legte der Preis für ein Barrel (159 Liter) an der Warenterminbörse um fast 7 Prozent auf 104,55 Dollar zu. Damit ist das schwarze Gold gleichwohl immer noch rund 27 Prozent günstiger zu haben als zum Rekordpreis von mehr als 147 Dollar Mitte Juli. Wie es auf dem Ölmarkt weitergeht, hängt nicht zuletzt vom Erfolg oder Misserfolg der amerikanischen Stabilisierungsbemühungen ab. Gelingt es wider Erwarten nicht, die Systemkrise abzuwenden, dann dürfte die amerikanische Konjunktur weiter leiden und die Ölnachfrage zurückgehen. Zu den Unwägbarkeiten auf dem Ölmarkt zählen darüber hinaus mögliche Zerstörungen durch weitere Wirbelstürme und auch die unsichere Lage in Nigeria, wo gewalttätige Auseinandersetzungen die Förderung beeinträchtigen.
Als eine Belastung hat sich die Zuspitzung der Krise nicht zuletzt auch für den Dollar erwiesen. Die amerikanische Währung stand vor der Ankündigung des Rettungsplans gehörig unter Druck. Für einen Euro müssen nun wieder mehr als 1,44 Dollar bezahlt werden - fast 6 Cent mehr als vor eineinhalb Wochen. Zum Yen hat sich der Dollar zwar etwas erholt, doch Währungsfachleute sind angesichts der großen Unsicherheit derzeit sehr zurückhaltend mit mittelfristigen Wechselkursprognosen. Für das Austauschverhältnis zwischen Dollar und Euro bleibt der geldpolitische Kurs der Federal Reserve und der Europäischen Zentralbank eine entscheidende Einflussgröße. Derzeit sind die beiden Notenbanken aber vor allem damit beschäftigt, den Banken zusätzliche Liquidität zur Verfügung zu stellen, um die Verspannungen auf den Geldmärkten zu lockern.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa
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