Rettungspakete

Die Börsen feiern den Staatseingriff

Ein seltenes Bild in diesen Tagen: Gelöste Geste bei einem Börsenhändler

Ein seltenes Bild in diesen Tagen: Gelöste Geste bei einem Börsenhändler

13. Oktober 2008 An den Aktienbörsen haben die Anleger in aller Welt am Montag mit großer Erleichterung auf das Rettungspaket des deutschen Staates für die privaten Banken und die Aussicht auf weitere Hilfen in anderen Ländern reagiert. Der Dax schloss mit dem höchsten prozentualen Tagesanstieg seiner Geschichte und stieg wieder über die psychologisch wichtige Marke von 5000 Punkten. Nach der bisher wohl schwärzesten Woche, in der der Dax um 22 Prozent geschmolzen war, kletterte er bis Handelsende um 11,40 Prozent auf 5062,45 Punkte. Der MDax legte 11,96 Prozent auf 5962,49 Zähler zu. Der TecDax stieg um 13,14 Prozent auf 584,64 Punkte.

Die Bundesregierung hatte zuvor ihr Rettungspaket für die Finanzbranche mit einem Volumen von 470 Milliarden Euro vorgestellt. Es geht um mehrere hundert Milliarden für Bürgschaften des Bundes für kurzfristige Kredite der Banken untereinander.

Mit einer kräftigen Erholung präsentierten sich auch die Notierungen an der Wall Street am Montagabend. Alle drei wichtigen Indizes schossen um mehr als elf Prozent in die Höhe, nachdem am Freitag eine der verlustreichsten Börsenwochen in New York zu Ende gegangen war. Der Dow-Jones-Index der Standardwerte schloss bei 11,2 Prozent oder 936,42 Punkten auf 9399 Punkte, der höchste Punktgewinn aller Zeiten. Der breiter gefasste S&P-500-Index legte 11,7 Prozent auf 1004 Zähler zu. Auch der Index der Technologiebörse Nasdaq gewann 11,8 Prozent auf 1844 Punkte. Auslöser für die Bewegung ist der am Wochenende von den europäischen Regierungschefs in die Wege geleitete Maßnahmenkatalog zur Rettung des Finanzsystems.

Aufatmen unter den Aktionären der großen Banken

Diesseits wie jenseits des Atlantiks sind zwar die Tagesgewinne ungewöhnlich groß, sie haben aber nur einen Bruchteil der Verluste der Vorwoche ausgeglichen. Im Vergleich zum Jahresbeginn sind deutsche Aktien im Durchschnitt immer noch um gut 40 Prozent gefallen.

Besonders groß war das Aufatmen am Montag unter den Aktionären der großen Banken. Der Kurs der Hypo Real Estate, die nur dank einer staatlichen Garantie die vergangenen Tage überstanden hat, ist um 42,37 Prozent gestiegen. Titel der Commerzbank, bei der sich die Anleger vor allem um die Tochtergesellschaft Eurohypo sorgen, gewannen 17,04 Prozent an Wert. Die Kurse von Postbank stiegen um fast 8 Prozent. Für in Bedrängnis geratene Banken stellt die Bundesregierung 80 Milliarden Euro zur Verfügung, um sie mit zusätzlichem Eigenkapital auszustatten. Außerdem garantiert der deutsche Staat für 400 Milliarden Euro an Verbindlichkeiten der Banken. Gestützt werden sollen auch der Pfandbriefmarkt und Geldmarktfonds, um die Finanzierungsquellen der Banken zu stabilisieren. Obendrein soll es den Banken schon vom dritten Quartal an erleichtert werden, verlustreiche Kreditgeschäfte zum Anschaffungswert und nicht - wie es die neuen Regeln für die Rechnungslegung vorschreiben - zum Marktwert zu bilanzieren.

Das Misstrauen bleibt dennoch

Das Rettungspaket beruhigte die Anleger auf den Aktienmärkten, den Kern der Bankenkrise - das Misstrauen der Banken untereinander - hat es aber offenbar noch nicht erreicht. Die Sätze auf dem Geldmarkt entspannten sich nur geringfügig, berichteten Händler. Zwar wird Geld über Nacht wieder zu 3,77 Prozent, also in etwa zum Leitzins der Europäischen Zentralbank verliehen. Aber bei Geschäften mit einer Laufzeit von drei Monaten, die für die Refinanzierung der Banken wichtig sind, werden immer noch hohe Risikoprämien verlangt und gezahlt. Nach der Veröffentlichung des Rettungspakets verringerte sich im Londoner Handel der Zinssatz für den Verleih von Euro-Beträgen nur geringfügig von 5,36 auf 5,29 Prozent. In einem völlig normalisierten Handel müsste dieser Zinssatz auf knapp 4 Prozent fallen.

Bevor sich der Geldmarkt beruhige, müsste erst deutlich werden, welche Banken Hilfen in Anspruch nehmen werden und zu welchen Konditionen, sagten Händler. Bis das von den Vorständen der Banken geklärt sei, könnten noch einige Tage vergehen, berichteten Händler. Auch die Risikoprämien für Unternehmensanleihen haben kaum reagiert, berichtet Uwe Burkert, Anleiheexperte der Landesbank Baden-Württemberg. Die Risikoprämien hätten sich nur für Anleihen der Banken spürbar verringert. Schuldtitel anderer Branchen seien kaum im Kurs gestiegen. „Die Anleger wollen zunächst sehen, ob das Rettungspaket eine Kreditklemme abwenden kann.“

Kurse der Staatsanleihen geben nach

Die Furcht vor einer solchen Verknappung der Kreditversorgung und die Suche nach sicheren Anlagen waren in der vergangenen Woche Gründe für große Kursgewinne der Staatsanleihen, was die Renditen zehnjähriger Bundesanleihen auf 3,7 Prozent drückte. Am Montag verlor die Spekulation auf eine Rezession an Attraktivität. Die Kurse der Staatsanleihen gaben nach, und die langfristige Anlagerendite stieg in einer kräftigen Bewegung wieder auf mehr als 4 Prozent.

Auch die Preise für andere Anlagen, die in der Finanzkrise als sichere Zuflucht bevorzugt sind, gerieten am Montag unter Verkaufsdruck. Die Feinunze (31,1 Gramm) Gold wurde mit 830 Dollar gehandelt, 4,5 Prozent günstiger als Freitag. Der Außenwert des Euro, der sich während der jüngsten Verschärfung der Finanzkrise stark verringert hatte, erholte sich am Montag. Die nachlassende Spekulation auf einen langen Abschwung in Europa lockte neue Käufer an. Der Euro wurde im späten europäischen Geschäft mit 1,3650 Dollar gehandelt, rund 4 Cent teurer als am Ende der vergangenen Woche.

Text: ruh./F.A.Z.
Bildmaterial: ddp

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